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Big Data Wie uns die eigenen Daten verdächtig machen

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Für vorhergesagtes zukünftiges Verhalten bestrafen

Eigens für diese Datenverarbeitung errichtet die US-Regierung gigantische Datenzentren wie das für die NSA etwa in Fort Williams, Utah, das 1,2 Milliarden Dollar kosten soll. Und alle Behörden verlangen ständig nach immer mehr Information, längst nicht mehr nur die Geheimdienste bei der Terrorabwehr. Wenn auch der Geldverkehr, die Patientenakten und selbst Facebook-Statusaktualisierungen der Bürger überwacht werden, wird die Menge der Daten unfassbar groß – so groß, dass auch der Staat sie nicht mehr verarbeiten kann. Warum also speichert der Staat all diese Daten?

Algorithmen helfen bei Polizeiermittlungen

Die Antwort bietet einen Hinweis darauf, wie das Prinzip der Überwachung sich im Big-Data-Zeitalter wandelt. Früher gab es Geheimdienstler, die Krokodilklemmen an die Telefonleitung eines Verdächtigen anschlossen und versuchten, so viel wie möglich über diesen Menschen zu erfahren. Heutzutage ist der Ansatz ein anderer. Genau wie Google oder Facebook gehen auch die Geheimdienste davon aus, dass der Mensch die Summe seiner sozialen Beziehungen, Internet-Aktivitäten sowie der Produktion und des Konsums von informationellen Inhalten ist.

Um über jemanden Nachforschungen anzustellen, müssen die Analysten im weitestmöglichen Rahmen Daten zu einem Menschen sammeln – nicht nur über die Freunde und Kollegen, sondern auch über deren Freunde und Kollegen. Und weil der Staat nie im Voraus weiß, wen er sich als Nächstes vornehmen möchte, sammelt und speichert er all diese Daten.

Wie viele Daten wir erzeugen
Riesiges Datenwachstum
iPads
Großstädte
Berge
Mauer
HD-Filme
Tomographie

John Anderton ist Leiter einer Sondereinheit der Polizei in Washington, D. C., die an diesem Morgen ein Haus in einem Wohnviertel stürmt – wenige Minuten bevor Howard Marks außer sich vor Wut seine Frau, die er gerade beim Ehebruch ertappt hat, mit einer Schere erstechen kann. Für Anderton ist das nur ein Routinefall: „Im Auftrag des Verbrechensvorsorgedezernats des District of Columbia“, sagt er, „nehme ich Sie hiermit fest. Sie werden des zukünftigen Mordes an Sarah Marks beschuldigt, den Sie heute begangen hätten …“ Während Marks abgeführt wird, schreit er: „Aber ich habe doch noch gar nichts getan!“

Die Eingangsszene des Films „Minority Report“ gibt Einblick in eine Gesellschaft, in der Verbrechen so genau vorausgesagt werden können, dass die Polizei den Täter schon festnimmt, bevor er die Tat begehen kann. Menschen kommen nicht ins Gefängnis für etwas, das sie getan haben, sondern für ein lediglich vorhergesagtes Verhalten. Im Film sind drei präkognitiv begabte Medien, nicht eine Datenanalyse die Vorhersagequelle der Polizei. Aber die beunruhigende Zukunftsvision in „Minority Report“ zeigt, wohin ein hemmungsloser Einsatz von Big-Data-Analysen führen kann: in eine Zukunft, in der jemand schon aufgrund einer individualisierten Vorhersage seines zukünftigen Verhaltens für schuldig erklärt wird.

Erste Ansätze gibt es bereits. In den Vereinigten Staaten verwenden die Bewährungsausschüsse heute schon in mehr als der Hälfte aller Bundesstaaten Verhaltensvorhersagen auf der Grundlage einer Datenanalyse, wenn sie entscheiden, ob eine Haftstrafe zur Bewährung ausgesetzt wird. In immer mehr Städten der USA – von Los Angeles bis Richmond, Virginia – gibt es Predictive Policing: Aufgrund einer Big-Data-Analyse werden Straßen, Gruppen, ja einzelne Menschen überwacht, bloß weil ein Algorithmus sie als anfälliger für Verbrechen identifiziert hat.

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