Big Data Und das Netz vergisst doch

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Lücken in der Überlieferung durch medientechnische Epochenumbrüche

„Meist kommen die Archive zu spät“, sagt Paul Klimpel, einer der Initiatoren des Berliner Appells zum Erhalt des digitalen Kulturerbes. Der Jurist und Kulturmanager, der jahrelang Verwaltungschef der Deutschen Kinemathek war, verweist auf die medientechnischen Epochenumbrüche, die zu „extremen Lücken in der Überlieferung“ geführt hätten: „Wenn ein neues Medium aufkommt, denkt man an die zukünftigen Möglichkeiten, die in ihm stecken, an Fragen der Verbreitung und Vermarktung, aber nicht an Erhaltung.“

Mit der Folge, dass die ersten Radioaufnahmen ebenso verloren gingen wie die meisten Fernsehaufnahmen aus der jungen Bundesrepublik: Die MAZ-Bänder wurden einfach überspielt.

Klimpel warnt davor, die Fehler der Vergangenheit angesichts einer Medienrevolution zu wiederholen, die ungleich radikalere Auswirkungen habe als ihre Vorgänger und nahezu alle Lebensbereiche umfasse. Man müsse jetzt handeln, wo noch vieles zu retten ist. Leider sei Vorsorge „überhaupt nicht sexy“. Für Pflege und Konservierung gebe es kaum Applaus. Schon deshalb, weil der Serverpark zur Sicherung von Daten für das Publikum unsichtbar ist.

Hinzu kommt, dass die Erhaltung von digitalen Inhalten nichts Zufälliges ist. Digitalia erfordern, anders als Analogia, ein „aktives Bewahren“. Das gilt für den Wissenschaftler, der nicht sicher sein kann, dass die Internetquelle, die er zitiert, auch noch nach zehn Jahren nachprüfbar ist. Aber auch für den normalen Nutzer, der seine Onlinebiografie sichern muss, wenn er einen neuen Rechner kauft.

Im Unterschied zu Feldpostbriefen, die man noch nach Jahren unversehrt auf dem Dachboden findet, muss man sich um die Konservierung von E-Mails selber kümmern. Doch das passiert selten. Weil es lästig und aufwendig ist, weil es technischen Sachverstand erfordert, weil man Kommentare in Blogs und Chats nicht für aufbewahrenswert hält.

Von der Aufregung um die Staatsaffäre Böhmermann in den digitalen Echoräumen wird nach fünf Jahren mutmaßlich nicht mehr viel übrig sein. Womöglich, so Klimpel, werden Historiker, die sich nicht nur für Aktenvermerke interessieren, die Leerstelle bedauern. Sie stoßen schon heute auf Lücken.

Für den Bremer Digitalhistoriker Jens Crueger drohen Teile der frühen Internetkultur „im Dunkel der Geschichte zu vergehen“. Sein Paradebeispiel ist der Webhosting-Dienst Geocities, „weltweite Heimat“ für private Webseiten mit Kunst und Musik, ein „frühes Modell für den entspannten Umgang mit dem Urheberrecht“. Als der Dienst 2009 eingestellt wurde, konnten nur wenige Seiten für die Nachwelt gerettet werden.

Die schönsten Bibliotheken der Welt
Vatikanische apostolische Bibliothek Sie wurde im 16. Jahrhundert gebaut und wird heute noch von zahlreichen Gästen genutzt - nicht nur wegen ihrer Optik, sondern auch wegen der vorhandenen Schriftstücke. Der Buchbestand wird zum wertvollsten der Welt gezählt, insgesamt zwei Millionen Bücher und Manuskripte befinden sich im Besitz der Bibliothek im Vatikan. Quelle: GNU
StockholmDie seit 1928 bestehende Stadtbibliothek Stockholm markiert den Umbruch der schwedischen Architektur der Zeit. Die klare Struktur des Äußeren zieht sich im Inneren fort, rundlaufende Regale säumen den zylindrischen Innenraum des Hauptgebäudes. Insgesamt wird der Medienbestand auf über zwei Millionen Büchern und über 2,4 Millionen Audiokassetten, CDs und Hörbüchern beziffert. Quelle: Creative Commons
BaltimoreDie George Peabody-Bibliothek in Baltimore stammt aus dem 19. Jahrhundert. 1878 fertiggestellt, vereinigt das neugriechische Interieur ein mit Marmor ausgelegtes Atrium mit 18 Metern Deckenhöhe - ein Grund dafür, dass das Gebäude ursprünglich auch als "Kathedrale der Bücher" bezeichnet wurde. Vor rund zehn Jahren wurde die komplette Bibliothek renoviert und überarbeitet. Quelle: Gemeinfrei
ZürichEine ungewöhnlich verortete Bibliothek findet sich im B2-Hotel in Zürich. Den Gästen stehen insgesamt rund 33.000 Bücher in elf Meter hohen Regalen zur freien Verfügung. Wer möchte, kann die Bücher sogar ausleihen. Quelle: PR
Den HaagDie ursprüngliche Bibliothek des niederländischen Justizministeriums beherbergt sämtliche Unterlagen des Senats und des Repräsentantenhauses. Das Gebäude wurde Ende des 19. Jahrhunderts gebaut. Um die wertvollen Unterlagen zu schützen, wurde auf eine Beleuchtung durch Kerzen und Gaslampen verzichtet. Stattdessen setzten die Baumeister auf ein komplett verglastes Dach und eine ausgeklügelte Etagenstruktur. Quelle: GNU
AdmontDie größte Klosterbibliothek der Welt befindet sich im österreichischen Benediktinerstift Admont. Das Ziel der Baumeisters Josef Hueber: "Wie den Verstand soll auch den Raum Licht erfüllen." Der in drei Teile gegliederte Raum ist 70 Meter lang, 14 Meter breit und 11 Meter hocch. An der Decke stellen Fresken die Stufen der menschlichen Erkenntnis dar. Quelle: PR
WienDer Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek wurde im Jahr 1726 fertiggestellt und ist in eine Kriegs- und eine Friedensseite aufgeteilt, die sich in den vorhandenen Fresken widerspiegeln. Neben dem Archiv aller in Österreich veröffentlichten Büchern verfügt die Bibliothek über einen umfangreichen Bestand alter Karten und Globen sowie eine Sammlung alter Papyrus-Schriftstücke. Quelle: Creative Commons
ProvidenceBeim Providence Athenaeum im US-Bundesstaat Rhode Island handelt es sich um eine unabhängige, mitgliederfinanzierte Bibliothek, die 1838 gebaut wurde. Das im neugriechischen Stil gestaltete Gebäude erinnert äußerlich an einen Tempel, im Inneren beeindruckt es mit großzügigen Regalreien und viel Tageslicht. Das Athenaeum ist eine Mischung aus öffentlicher und wissenschaftlicher Bibliothek sowie einem lokalen Kulturzentrum. Quelle: PR
New HavenDie Beinecke Rare Book and Manuscript Library der Yale-Universität ist eines der weltweit größten Archive seltener Bücher und Manuskripte. Das Gebäude stammt aus den Sechzigerjhren und ist fensterlos. Dafür wurde mit lichtdurchlässigem Marmor gearbeitet, der direktes Tageslicht und die für Bücher schädliche UV-Strahlung nicht durchlässt. Die Bibliothek verfügt unter anderem über eine echte Gutenberg-Bibel. Quelle: Gemeinfrei
CoimbraDie Biblioteca Joanina ist die Universitätsbibliothek der portugiesischen Universität Coimbra. Das im 18. Jahrhundert fertig gestellte Gebäude gilt als bedeutendes Bauwerk und Meisterleistung des Barock. Opulent gestaltete Türbögen und bemalte Decken unterstreichen den historischen Charakter des Gebäudes, das über 300.000 Werke beherbergt. Quelle: Creative Commons

Die Aura des Unikats

Doch auch der bundesdeutsche Alltag, zu dem spätestens seit Mitte der Neunzigerjahre essenziell die Onlineperspektive gehöre, von Ebay über E-Games bis zum Katzenfoto-Hype, sei nur lückenhaft dokumentiert. Für den späteren Kulturhistoriker des Onlineshoppings könnten sie sich als „Dark Ages“ herausstellen. Dabei ergeben sich, wie Crueger meint, für die Kulturgeschichtsschreibung ganz neue Möglichkeiten durch das Netz: Griff sie früher vor allem auf Briefe und Tagebücher zurück, eröffnet sich ihr heute das riesige Potenzial der sozialen Medien mit ihren Chat-, Foren- und Blogbeiträgen – für die Alltagsgeschichte eine „Revolution“.

Erfindungen, die sich zu Recht gehalten haben
Disketten liegen auf einem Haufen Quelle: Fotolia
Tonbandgerät Quelle: Fotolia
Schallplatte Quelle: Fotolia
Schreibmaschinentastatur Quelle: Fotolia
Cessna 172 Quelle: Fotolia
Flipper Quelle: Fotolia
Stethoskop Quelle: dpa
Rohrpost Quelle: Fotolia
Farbfilm Quelle: Fotolia
Ural Quelle: Fotolia
CB-Funk Quelle: Fotolia
Mechanische Uhren Quelle: Fotolia
Stenografie Quelle: Fotolia

Trotzdem, die meisten Historiker meiden den Umgang mit Internetquellen. Nicht nur, so Crueger, weil sie Angst haben vor der „Geschichte der letzten fünf Minuten“, sondern weil die Quellenlage im digitalen Raum komplex ist. So ist der Unterschied zwischen Original und Kopie weitgehend sinnlos geworden. Wenn nur noch vervielfältigt wird, geht die Aura des Unikats verloren. Stattdessen stellt sich die Frage nach der „Authentizität der Quelle“.

Ist auf die Autorschaft eines Textes angesichts der digitalen Manipulationsmöglichkeiten Verlass? Hat er mehrere Autoren und Varianten? Stehen sie in einer hierarchischen Beziehung? Sind Versionen gelöscht worden?

Crueger plädiert dafür, die Historiker stärker in die Pflicht zu nehmen, wenn es darum geht, den Archivaren Kriterien für die Speicherung von Quellen an die Hand zu geben. So genüge es nicht immer, eine Webseite per Screenshot zu fotografieren, zuweilen sei es sinnvoll, ihren Quellcode abzuspeichern. Bei den Nachrichtenportalen, die in immer kürzerem Takt aktualisiert werden, müssten zudem, nach historisch-kritischem Maßstab, auch die Zwischenversionen erschließbar sein.

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