Big Data Und das Netz vergisst doch

Während altsyrische Tontafeln noch nach mehr als 3000 Jahren lesbar sind, verweigern elektronische Datenträger nach nur wenigen Jahren den Dienst. Was wird aus unserer Erinnerungskultur, wenn unsere Daten verloren gehen?

Das Internet ist vergesslich. Quelle: Getty Images

Manchmal war Heinrich Böll seiner Zeit voraus. 1957 veröffentlichte er unter dem Titel „Der Wegwerfer“ eine Parabel, die ein Hauptproblem der Informations- und Wissensgesellschaft vorwegzunehmen scheint: Wohin mit all den Daten, die zur Information bereitgestellt werden?

Die Erzählung handelt von dem Angestellten einer Kölner Versicherungsfirma, dessen Aufgabe darin besteht, die eingegangene Post zu sichten und überflüssige Einsendungen wegzuwerfen. Seine unauffällige Tätigkeit, heißt es darin, „dient ausschließlich der Vernichtung“. Prospekte, Reklameschriften, Kunstkataloge, auch Drucksachen landen unbesehen im Reißwolf. Kaum dass sie da sind, sind sie auch schon wieder weg, zwecks Entlastung des Unternehmens.

In Zeiten der Informationsüberflutung, so könnte man Bölls Pointe aktualisieren, komme es nicht darauf an, Informationen zu speichern: Eine kluge, dem Menschen bekömmliche Gedächtnisstrategie gebiete es vielmehr, möglichst viele Informationen auszusondern und zu vernichten. Sie sind Ballast, der nach Befreiung verlangt. Was Böll nicht ahnen konnte: Unter der Herrschaft von Bits und Bytes besorgt die Technik das Vernichtungswerk inzwischen von selbst.

Dass das Netz nicht vergisst, ist eine Legende. Neben dem ununterbrochenen Anschwellen der Datenmengen, der Explosion des Wissens, erleben wir seine Implosion, einen geräuschlosen Informationsverfall, das stille, ungesteuerte, zufällige Verschwinden von Daten.

Aus analog mach digital

Der „Wegwerfer“, halb Segen, halb Fluch, ist heute ins System eingebaut. Die Fachleute sprechen von „digitalem Gedächtnisverlust“, einem Treppenwitz in der Weltgeschichte der Speichermedien: Während altsyrische Tontafeln und altägyptische Papyrusrollen noch nach mehr als 3000 Jahren halt- und lesbar sind, verweigern elektronische Datenträger und Softwareprogramme schon nach wenigen Jahren ihren Dienst.

So wird die Lebenserwartung einer Standardfestplatte auf gerade einmal 50.000 Stunden, also 5,7 Jahre geschätzt, nicht viel mehr als bei einer CD oder DVD, wo schon nach drei Jahren ein zerstörtes Bit den Text oder ein Bild unlesbar machen können.

Nicht nur Materialermüdung, vor allem das beschleunigte Innovationstempo, der immer raschere technische Systemwechsel, sorgt dafür, dass sich die Halbwertszeit der Gedächtnismedien verkürzt. Ob sich eine aktuelle Word-Datei in zehn Jahren noch öffnen lässt, ist fraglich angesichts der Erfahrungen mit älteren Dokumenten: So sind in den Neunzigerjahren auf 5,25-Zoll-Floppy-Disks gespeicherte Dateien mittlerweile unbrauchbar geworden, weil es entsprechende Laufwerke und die dazugehörige Software nicht mehr gibt.

Als Rettungsmittel gilt das Kopieren und Konvertieren: Digitale Inhalte müssen regelmäßig auf neue Trägermedien überspielt werden, damit sie für den Nutzer morgen noch lesbar sind. An die Stelle der dauerhaften Lagerung, ihrer Einschreibung im traditionellen Papierarchiv, tritt so ihre kontinuierliche, immer wieder erneuerte Übertragung in Gestalt von Datenströmen im fluiden Datenarchiv.

Der vergessliche Speicher

So können Sie Ihre Daten online abspeichern
DropboxEiner der bekanntesten Cloud-Speicher-Dienste ist Dropbox. Der US-Anbieter gewährt Nutzern vergleichsweise geringe zwei Gigabyte Gratisspeicher – wer die Dropbox anderen empfiehlt kann den Speicher auf bis zu 16 GB erweitern. Entweder über einen Browser oder über die Applikationen von Dropbox lassen sich Daten hoch- und herunterladen. Installiert man die Software, erscheint sowohl beim Windows- als auch beim Apple-Betriebssystem ein Ordner im Explorer, in dem einfach per kopieren und einfügen Daten in die Cloud und aus ihr herausgeholt werden können. Wer mehr Speicher benötigt, kann bis zu einen Terabyte für 9,99 Euro pro Monat erwerben oder für 99 Euro pro Jahr. Quelle: dpa
Microsoft OneDriveMit einem großen Gratisspeicher lockt Microsoft, das 2015 mit OneDrive den Nachfolger seines Cloud-Speichers SkyDrive präsentierte. 15 Gigabyte winken hier, die auf bis zu 20 Gigabyte erweiterbar sind, indem man etwa neue Kunden wirbt und die automatische Sicherung von Bildern aktiviert. Auch hier können Nutzer entweder über den Browser oder über eine Anwendung auf die Cloud zugreifen. Für 100 GB verlangt Microsoft 70 Cent pro Monat, ein Terabyte ist für günstige sieben Euro monatlich zu haben – inklusive dem Microsoft 365 Office-Paket. Nur die Anbieter Spideroak und Livedrive sind noch günstiger. Quelle: dpa
Spideroak Quelle: Screenshot
Google DriveWie auch Microsoft wartet Google Drive mit 15 Gigabyte Gratisspeicher auf. Neben dem Speicher bietet Google einige zusätzliche Cloud-Dienste wie ein Office-Programm, das mehrere Anwender gemeinsam und parallel bearbeiten können; die Versionskontrolle wird über die Cloud-Software synchronisiert. Wer mehr als die 15 Gigabyte Speicher benötigt, kann für 1,99 Dollar pro Monat 100 GB erwerben, ein Terabyte kostet 9,99 Dollar. Der Speicher ist auf bis zu 30 Terabyte erweiterbar – Kostenpunkt: 299,99 Dollar. Quelle: dpa
Amazon Cloud DriveDas Online-Kaufhaus Amazon bietet mit seinem Dienst „Cloud Drive“ fünf Gigabyte freien Speicherplatz für die ersten zwölf Monate. Bei Amazon erworbene MP3-Dateien werden direkt auf der Online-Festplatte abgelegt. 50 Gigabyte sind ab 20 Euro pro Jahr zu haben, ein Terabyte ab 400 Euro. Quelle: dpa
Apples iCloudApple-Nutzer erhalten fünf Gigabyte Cloud-Speicher gratis. Sofern ein iPhone-Nutzer keine anderen Einstellungen vornimmt, landen sämtliche Fotos, die er mit seinem Smartphone schießt, in der Cloud. Auch auf Kontakt-Daten, Termine und andere Anwendungen greift die Cloud zu. Solange man ausschließlich Apple-Geräte nutzt, ist die Synchronisation einer der Aspekte, mit denen Apple besonders punktet. Speichererweiterungen sind problemlos möglich: 50 Gigabyte sind für 99 Cent pro Monat erhältlich, ein Terabyte kostet 9,99 Euro – und damit das Doppelte des Dropbox-Preises. Quelle: dpa
ADrive Quelle: Screenshot

Im Zeichen des Binärcodes verflüssigen sich die Bestände. Das digitale Gedächtnis ist „flüchtig“, sagt der in Oxford lehrende Philosoph Luciano Floridi, „flüchtig, wie es unsere mündliche Kultur einst war“. Es sichert Wissen on demand, prämiert die Gegenwart, den schnellen Zugriff auf Daten, die Kommunikation in Echtzeit.

In seiner Archivfunktion hingegen ist es unterentwickelt, gleicht es einem vergesslichen Speicher, der Daten sammelt, um sie alsbald wieder zu überschreiben. Selbst wenn riesige Altdatenmengen regelmäßig auf neuen Datenträgern verjüngt werden: Es hilft nichts, auch Big Data wird „altern“, wird zu „Dead Data“ werden, prophezeit Floridi – und fordert nicht nur eine neue „Datenrettungsindustrie“, sondern die Arbeit eines „Informationskurators“, der sich die „Bewahrung unseres zunehmend digitalen kulturellen Erbes für künftige Generationen“ zum Ziel setzt.

Eine öffentliche Aufgabe: Denn die Verluste schmerzen nicht nur den Privatmann, der feststellt, dass Hunderte der digitalen Fotos, die er vor Jahren mit dem Smartphone gemacht hat, nicht mehr zugänglich sind. Sie bedrohen auch das kulturelle Gedächtnis, also Texte, Symbole, Bilder und Filme. Sie bringen die offiziellen Gedächtnisinstitutionen in Verlegenheit: Archive, Bibliotheken, Mediatheken und Museen stehen mit den beschleunigten Zyklen vor neuen, teuren Konservierungsaufgaben.

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