Big Data Und das Netz vergisst doch

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Was soll aufbewahrt werden und wer entscheidet darüber?

Eine Herkulesarbeit: Welche Teile der immer größer werdenden Datenflut sollen bewahrt werden? Und wer entscheidet darüber, was wir in Zukunft über die Vergangenheit wissen können? Archivare oder Algorithmen? Die Deutsche Nationalbibliothek hat 2006 vom Gesetzgeber den Auftrag erhalten, das Internet zu archivieren, „im Original“, wie es heißt.

Tatsächlich beschränkt sie sich auf die Sammlung digital publizierter Bücher, von E- bis Audio-Books, und gelegentliches Web-Harvesting: Roboter gehen über die Netz-Bestände und machen selektive Schnappschüsse, Momentaufnahmen im Fluss des Datenstroms.

Eigentlich ein illegales Vorgehen, das gegen das Urheberrecht verstößt: Es werden Raubkopien erstellt. Ein willkürliches obendrein, denn welche Bestände in die „Arche Noah des digitalen Wissens“ (Jurist und Urheberrechtsexperte Thomas Dreier) aufgenommen werden, was den Kern des kulturellen Gedächtnis ausmacht, bleibt mehr oder weniger dem Zufall überlassen.

In der analogen Welt sei das anders gewesen, sagt Eric Steinhauer, Dezernent für Medienbearbeitung an der Universitätsbibliothek Hagen: „Der Suhrkamp-Gedichtband gehörte dazu, die Edeka-Reklame nicht und das Telefongespräch schon gar nicht.“ Im digitalen Raum sei das nicht mehr zu trennen: „Hier konvergieren alle Arten von Veröffentlichungen zu einem einzigen großen Datenstrom.“ Die Hierarchien schwinden und damit auch die Relevanzkriterien. Die Welt neigt dazu, zum Archiv ihrer selbst zu werden: „Man ist nur noch mit Speichern und Kopieren beschäftigt, das kann nicht funktionieren.“

Die Nötigung zur Auswahl, zum regelgeleiteten Filtern bleibt. Auch wenn Big Data demnächst ermittelt, welche Daten erhaltenswert sind. Zur Erinnerung, so Steinhauer, gehöre immer auch das Vergessen. Es schützt vor Erstarrung, es schafft „Platz für die Gegenwart und die Zukunft“. Selbst die Bibliotheken seien als Gedächtnisinstitutionen immer auch Orte gewesen, wo man Publikationen „mit Anstand verschwinden lassen konnte“: Ihre „diskrete, aber gut funktionierende Löschstrategie“ beruhte darauf, dass Bücher langsam zerfallen, in Vergessenheit geraten, und wenn sie Glück haben, irgendwann eine Renaissance in neuen Auflagen erfahren.

Technik, die Kinder nicht mehr kennen
Disketten Quelle: dpa/picture-alliance
Die Schreibmaschine Quelle: dpa/picture-alliance
Film wechseln Quelle: dpa/picture-alliance
Das Telefon mit Wählscheibe Quelle: dpa/picture-alliance
Die Musikkassette Quelle: dpa/picture-alliance
Der Walkman Quelle: REUTERS
Das Faxgerät Quelle: dpa/picture-alliance
Die Schallplatte Quelle: dpa/picture-alliance
Das TelegrammRund 13 Millionen Telegramme wurden laut Deutscher Bundespost 1978 übermittelt. Im Zeitalter des Internets hat das Telegramm an Bedeutung verloren. Ende 2000 stellte die Deutsche Telekom den Versand ins Ausland ein. Die Begründung: der Übertragungsweg ist technisch überholt. Kein Wunder, dass das Telegramm, das 1927 in Deutschland erstmals verschickt wurde, heute Kindern weitestgehend unbekannt ist. Quelle: dpa/picture-alliance
Telefonzellen Quelle: AP

Angeln im Datenmeer

Die Tragik des digitalen Zeitalters, so Steinhauer, beruhe darauf, dass man den Dingen keine Zeit mehr lässt zu veralten, sodass sie noch eine lange Zeit wiederentdeckt werden können. Hier gilt: Weg ist weg. Deshalb müsse man die Archivierungsmethoden „den neuen Medien anpassen“, nicht umgekehrt. Es gehe um „fließende Zusammenhänge“, nicht um „Schnappschüsse“.

Sein Vorschlag: Neben „klassischen“ Netzpublikationen wie etwa Onlinedissertationen auch genuine Internetprodukte wie Blogs „exemplarisch“ zu sammeln und, darüber hinaus, wie mit einem großen Staubsauger im Wege des Harvesting digitale Netzinhalte in einem Reservoir zu speichern, das die kulturelle Überlieferung „großflächig“ sichern soll: Dann geht man Angeln im Datenmeer.

Digitale „Langzeitarchivierung“ ist eine Aufgabe, die nach dem öffentlichen Diskurs verlangt und nur „auf Bundesebene“ bewältigt werden könnte, durch Institutionalisierung in Form einer neu zu schaffenden Gedächtniseinrichtung. Die viel beklagte Überfülle wäre dabei nicht das größte Problem. Es wurde schon immer mehr gespeichert, als unser Gedächtnis aufnehmen kann.

In Big Data liegt auch eine Chance für den historischen Sinn. Bisher hat das Internet wie ein Scheibenwischer gewirkt, hat uns, wie die Gedächtnisforscherin Aleida Assmann einmal gesagt hat, „für jeden Tag die frische Tabula rasa“ angeboten, Stoff für den schnellen Gebrauch und Verbrauch.

Es hat uns, so Floridi, fortwährend aktualisierte Webseiten geliefert, „tausendfach“ umgeschriebene Dokumente „ohne Erinnerung an die eigene Geschichte“. Dass Texte dabei verschwanden, gehörte zum Prinzip. Vielleicht würde durch eine Reform der digitalen Archivierung die Archivfunktion des Internets gestärkt. Was es dafür bräuchte? „Mehr öffentliche Aufmerksamkeit“, sagt Paul Klimpel, „mehr Vorsorge, womöglich einen GAU.“ Wie beim Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar im September 2004. „Zerstörte Gedächtnisspuren lösen stärkste Emotionen aus“, sagt Eric Steinhauer: „Erst brennt’s, dann denkt’s.“

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