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Bill Ray „Unsere größte Sorge ist eine technologische Zweiteilung der Welt“

Quelle: imago images

Verschärft sich der High-Tech-Streit zwischen den USA und China, hat das Folgen für die gesamte Weltwirtschaft, fürchtet Bill Ray, Analyst beim Marktforscher Gartner.

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WirtschaftsWoche: Herr Ray, die USA und China sind in einen Streit rund um Mikrochips geraten. Worum geht es dabei?
Bill Ray: Die USA sind äußerst besorgt, dass China eine Führungsrolle in der Halbleiterindustrie übernehmen wird. Durch einen Handelsbann der USA kann der chinesische Hersteller Huawei nun seit zwei Wochen keine Chips mehr von seinen Zulieferern im Ausland kaufen. Und nicht nur Huaweis Geschäft wird dezimiert. Der Konflikt zwischen den USA und China kann enorme Konsequenzen haben, die wir noch gar nicht vorhersagen können. 

Fangen wir bei Huawei an. Welche Folgen hat der Bann für den Konzern und seine Kunden auch in Deutschland?
Unternehmen, die geplant haben, Huawei-Geräte zu kaufen, werden das nicht mehr tun, weil sie über die zukünftige Situation besorgt sind. Und das betrifft nicht nur Mobiltelefone von Huawei, sondern auch 5G-Infrastruktur, für die Huawei Prozessoren bei TSMC in Taiwan herstellen ließ und die der Konzern nun nicht mehr bekommt. 

Können nicht chinesische Chiphersteller einspringen und Huawei beliefern?
Davon ist China noch weit entfernt. Das Unternehmen SMIC, das die fortschrittlichste Produktionsanlage in China hat, fertigt Transistorgrößen von 28 Nanometern. Das ist weit entfernt von sieben oder fünf Nanometern, die TSMC in Taiwan, Samsung in Korea und Intel in den USA gerade ansteuern.

Kann China diesen Rückstand nicht aufholen?
Wir rechnen, dass SMIC zehn Jahre braucht, um mit dem Westen gleichzuziehen - und zwar nur, wenn es Maschinen aus dem Ausland kaufen kann. Sonst wird es extrem schwierig für die chinesische Chipindustrie, technologisch aufzuholen.

Bisher war Öl ein Grund für internationale Konflikte. Treten Mikrochips jetzt an seine Stelle?
Das könnte man sagen. Ölerzeugende Staaten waren in einer starken Machtposition, die mit der Erschließung von Schieferöl in den USA und mit alternativen Energiequellen abgenommen hat. Länder, die ein Monopol auf die Halbleiter-Herstellung haben, könnten sich nun in einer ähnlichen Machtposition wiederfinden. 

Die USA haben ihre Macht deutlich demonstriert. Wie kann Huawei nun reagieren?
Es gibt nichts, was Huawei in dieser Welt tun kann, um Geräte in Amerika zu verkaufen. Die Marke Huawei ist beschädigt. Das Beste wäre wahrscheinlich, den Namen zu ändern. Ähnlich geht es dem Drohnenhersteller DJI. 

Warum?
Die amerikanische Regierung hat verkündet, sie mache sich Sorgen, dass DJI eines Tages beschließen könnte, sie auszuspionieren. Also hat das amerikanische Innenministerium alle seine DJI-Drohnen vom Himmel geholt. Und das hat einen Dominoeffekt ausgelöst: Amerikanische Firmen wenden sich von den Drohnen von DJI ab. Weil sie sich sorgen, dass wiederum ihre Kunden über die chinesischen Drohnen besorgt sein könnten. Und so werden immer mehr chinesische Unternehmen von dem Handelsstreit betroffen sein. 

China war lange auch die wichtigste Werkbank für viele westliche Elektronikhersteller. Wird sich das nun ändern?
Wir sehen jetzt schon, dass Unternehmen ihre Fertigung von China in andere Länder verlagern, etwa nach Mexiko. Apple hat gerade die Produktion eines Produkts, das bald auf den Markt kommen soll, statt in China in Vietnam aufgebaut. 

Was müssen Unternehmen, die mit China und den USA Geschäft machen, nun tun? 
Wir raten Unternehmen, dass sie sich ihrer Lieferkette sehr bewusst werden. Wenn Sie ein Auto herstellen, müssen Sie wissen, woher jede Komponente in diesem Auto stammt. Irgendwann wird Sie jemand danach fragen, und Sie werden die nötigen Papiere bereit halten müssen. Der Festplatten-Hersteller Western Digital produziert neben China zusätzlich in den Philippinen - von dort kann er die USA beliefern. Die Lieferketten werden komplizierter.

Was bedeutet das für die weltweite technologische Entwicklung?
Nehmen Sie 5G-Netze: Huawei-Kunden können auf Anbieter außerhalb von China umsteigen. Aber Huawei ist preiswerter. 5G-Netze werden also deutlich teurer - und ihr Ausbau wird dadurch langsamer vonstatten gehen. 


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Wo führt das alles hin, wenn sich der Konflikt der High-Tech-Supermächte verschärft?
Wir können beobachten, dass viele Regierungen mehr und mehr Geld ausgeben, um ihre heimischen Industrien zu fördern und die heimischen Interessen zu schützen. Wir sehen das natürlich in den USA, die den Chipfertiger TSMC mit einer Fabrik ins Land holen und sehr hohe Subventionen für die Halbleiterindustrie verteilen. Oder die britische Regierung, die jetzt 500 Millionen Dollar für das Satellitennetzwerk OneWeb ausgibt. 

Die Globalisierung wird zurückgedreht?
Unsere größte Sorge ist eine Zweiteilung der Welt - in einen amerikanischen und einen chinesischen Block. Europa könnte sich der amerikanischen Seite zuwenden, Subsahara-Afrika würde sich mit ziemlicher Sicherheit China anschließen. Und beide Seiten könnten eigene technologische Standards entwickeln, verschiedene Plattformen und Entwicklungsumgebungen. Ihr Mobiltelefon aus Deutschland würde dann in Peking nicht mehr funktionieren. 

Das hätte massive gesellschaftliche Konsequenzen - Technologie würde die Menschen plötzlich voneinander trennen.
Das ist schon seit einer Weile so. Google, Facebook, Amazon operieren nicht in China. China wiederum hat das soziale Netzwerk WeChat - das im Vergleich etwa zu Twitter unglaublich weit entwickelt ist.  

Schaden sich die USA nicht selbst, wenn sie sich vom chinesischen Markt mehr und mehr abkoppeln?
Sicherlich, die USA werden einen Schlag einstecken - genauso wie die gesamte Welt. Aber ich glaube nicht, dass die Regierung das aufhalten wird, wirtschaftliche Argumente werden sie nicht von ihrer Politk abhalten. Erwarten Sie auch nicht, dass sich im November alles ändern wird. Selbst wenn Biden gewählt wird – wir erwarten keine sofortige Wende in der Handelspolitik.

Mehr zum Thema: Computerchips entscheiden heute über Aufstieg und Fall von Wirtschaftsimperien.

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