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Cebit Braucht Deutschland diese Messe noch?

Nie hatte die Digitalisierung der Wirtschaft mehr Bedeutung als heute. Warum nur spiegelt sich das nicht mehr in der Bedeutung der Cebit wider?

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Cebit-Eröffnung. Quelle: dpa

Euphorie und Depression liegen am Eröffnungsabend der Cebit ganz dicht beieinander. Rund 500 Meter, genauer die Länge von zwei Messehallen, trennen die Trostlosigkeit der Halle 13 auf dem hannoverschen Messegelände unterm Hermesturm vom Glamour in der Halle 9.

Gähnend leer präsentiert sich die riesige Halle direkt am Eingang West, über den ab Montag die Besucher vom Messebahnhof auf die Cebit strömen. Wo in der Vergangenheit Netzwerk- und Sicherheitstechnikspezialisten das technologische Entree für Europas wichtigste IT-Schau boten, herrscht in diesem Jahr beklemmende Stille. Der rote Teppich, den die Messeorganisatoren mitten hindurch verlegt haben, lässt den riesigen Bau aus der Zeit gefallen scheinen. Die Zukunft der digitalisierten Wirtschaft, sie ist weiter gezogen. In diesem Jahr beginnt sie erst in Halle 12.

Von Niedergang und Leere keine Spur zur gleichen Zeit nur ein paar Schritte weiter. Zum traditionellen Eröffnungsevent mit Kanzlerin Angela Merkel und dem japanischen Premierminister Shinzō Abe drängen sich derart viele Gäste, dass das Auge in der Halle kaum das Ende der Sitzreihen erblickt. Eine vergleichbare Masse an gespannten Zuhörern bei einem Tech-Event hatte zuletzt allenfalls Samsung bei der Präsentation des Galaxy S7 auf dem Mobile World Congress 2016 angezogen.

Keine Frage, Weniges bewegt und verändert die Wirtschaft und den Alltag der Gesellschaften derzeit so tiefgreifend, wie die Digitalisierung aller Geschäftsmodelle und -abläufe. Vernetzung, der Wandel vom Internet der Menschen zum Internet der Dinge, künstliche Intelligenz, Roboterautos: Unternehmen und Bürger müssen sich angesichts des digitalen Wandels mit einer langen Liste an Themen beschäftigen.

Shinzo Abe (l), Angela Merkel (r). Quelle: REUTERS

Zu fast allen Themen finden sich in Hannover deutsche und internationale Aussteller. Rund 3000 sollen es 2017 wieder sein, erzählt Messechef Oliver Frese vor der Eröffnungsfeier. Auf rund 200.000 Besucher hofft er in den fünf Messetagen. Das ist in knappes Viertel jener Massen, die sich in den Hochzeiten der Cebit übers Gelände drängten. Damals, als PCs noch cool und nicht Alltagswerkzeuge waren und sich die Messe (auch) als Konsumentenshow des Computerzeitalters verstand.

CeBIT: Die Veranstaltung für Geschäftskunden

Heute hat sie sich zu einer Veranstaltung für Geschäftskunden geschrumpft. Und jedes Jahr aufs Neue stellt sich – in einem sonderbaren Kontrast zum unaufhaltsamen Relevanzgewinn des Digitalen in allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen – wieder die Frage, ob es angesichts der Verkleinerung nicht sinnvoller wäre, die Cebit wieder mit der Hannovermesse Industrie zu verschmelzen? Aus der war sie schließlich Mitte der Achtzigerjahre einmal ausgegründet worden. Und die vernetzte Welt der Industrie 4.0 zeigt, dass Digitalisierung und Industrialisierung gedanklich und technisch nicht mehr zu trennen sind.

Bundeskanzlerin Merkel spricht sich am Eröffnungsabend – wieder einmal – dagegen aus. Die CeBIT sei inhaltlich viel breiter angelegt als es die Industriemesse sei. Die Themenvielfalt viel größer, die adressierten Branchen und Behörden viel vielfältiger als es die Technikschau im April abbilden könnte. Die Cebit biete Chancen „auch gesellschaftliche Themen zu adressieren, die eine Industriemesse nicht abdeckt“, sagt sie. „Wir dürfen bei der Digitalisierung nicht die breite Masse von Menschen vergessen, die nicht mehr wissen, ob sie in dem Prozess Subjekt oder Objekt des Wandels sind“, fordert sich die Tech-Welt (unter großem Applaus im Saal) auch zur kritischen Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Disruptions-Credo auf.

Die Trostlosigkeit der Halle 13. Foto: Thomas Kuhn.

Und so erweist sich Merkel in Sichtweite des leeren Messe-Westportals an diesem Eröffnungsabend als stärkste Werberin für Deutschlands wichtigstes Elektronik- und IT-Event. Wie sehr sie sich dafür auch persönlich involviert, erzählt Premier Abe in seiner Rede. Vor Jahresfrist habe ihn Merkel bei einem Treffen in Schloss Meseberg persönlich gefragt, ob Japan nicht Partnerland der Cebit 2017 werden wolle. „Angela, da bin ich“, sagt er lachend, als sei das eine Überraschung. Immerhin 120 Unternehmen hat er als Aussteller mitgebracht, die größte japanische Delegation, die je nach Hannover gekommen ist. Merkels Engagement habe sich also gelohnt.

Ein paar Minuten später, beim Empfang nach der offiziellen Feier, raunt einer der Gesprächspartner, ein in der deutschen Hightech-Szene bestens verdrahteter Berater, Abe sei nicht der einzige, den der persönliche Einsatz der Kanzlerin zum gebührenden Messeauftritt bewegt habe. „Die habe“, berichtet der Branchenkenner von Gesprächen mit Unternehmensverantwortlichen, „auch ‚den Bonnern’ ins Gewissen geredet, doch bitte angemessenen hier in Hannover aufzutreten.“ Die „Bonner“, das wäre die Deutsche Telekom.

Eine Direktintervention Merkels beim Telekom-Chef? Das mag ein Gerücht sein, eines zumal, dass sich am Eröffnungsevent nicht mehr verifizieren lässt. Aber als Symbol für die Bedeutung des Kommunikationsriesen für die CeBIT taugt es allemal. Denn wenn der riesige Stand der Telekom, der immerhin ein Viertel der Messehalle 4 belegt, tatsächlich massiv schrumpfte (oder gar wegfiele), dann wäre das vermutlich wirklich das Ende einer eigenständigen Cebit.

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