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Cebit China versucht sich an digitaler Diktatur

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Hybrid aus Facebook und Twitter

Das beste Beispiel ist Baidu. Google zog sich 2010 aus dem chinesischen Markt zurück, weil man sich der von Peking geforderten Selbstzensur nicht beugen wollte. Seit dem vergangenen Jahr ist die Suchmaschine dort sogar komplett gesperrt. Ihren Platz hat Baidu eingenommen. Das Unternehmen aus Peking expandiert seitdem ungebremst und will bis 2020 schon mehr als 50 Prozent seines Umsatzes außerhalb Chinas erwirtschaften.

Auch der Internet-Konzern Tencent konnte unter anderem deswegen gedeihen, weil Facebook und Twitter seit 2009 in China gesperrt sind. Auslöser waren damals Unruhen in der von moslemischen Uiguren bewohnten Provinz Xinjiang.

Ihre Stelle nahm Tencents Kurznachrichtendienst Sina.Weibo ein – eine Art Hybrid aus Facebook und Twitter. Mehr als 500 Millionen registrierte Nutzer posten heute auf der Plattform kurze Beiträge, Links und diskutieren über politische und gesellschaftliche Entwicklungen – sofern die Zensoren sie nicht wieder löschen. Aufgrund der seit dem Amtsantritt Xi Jinpings verschärften Internet-Kontrolle hat Weibo allerdings zuletzt an Beliebtheit verloren.

Dafür nutzen immer mehr Menschen die Kurznachrichten-App Weixin (im Ausland auch „WeChat“ genannt), ebenfalls aus dem Hause Tencent. Die Chinesen kopierten dafür den kalifornischen Messenger-Dienst WhatsApp und verbesserten ein paar Funktionen. Inzwischen hat Weixin mehr als 400 Millionen registrierte Nutzer.

Das chinesische Pendant für YouTube ist Youku. Das Unternehmen zählt mehr als 500 Millionen Nutzer. Hier laufen Inhalte, die nicht von der Regierung zensiert werden, wie zahlreiche Serien des US-Bezahlsenders HBO, und werden von Millionen Chinesen konsumiert.

Zwei bis drei Zensoren pro 50.000 Nutzer

Die Zensur übernehmen die Unternehmen selbst nach staatlichen Vorgaben. Anbieter von sozialen Netzwerken müssen pro 50.000 Nutzer zwei bis drei Zensoren beschäftigen, zeigt eine Studie des Berliner Thinktanks Merics. Für Sina.Weibo mit 300 Millionen aktiven Nutzern sind das mehr als 15.000 Mitarbeiter, um Postings zu überwachen und gegebenenfalls zu löschen.

Selbst wenn westliche Unternehmen sich den chinesischen Zensurvorgaben unterwerfen wollten: Der personelle Aufwand wäre kaum zu stemmen. Facebook etwa beschäftigt gerade einmal 8500 Mitarbeiter – und das weltweit.

Langfristig soll das Reich der Mitte durch die protektionistischen Maßnahmen unabhängig von ausländischen IT- Unternehmen werden. Noch 2012 stammten 90 Prozent der Mikrochips und 65 Prozent der Firewall-Produkte nicht aus China, sondern überwiegend aus den USA. China will sich gegen ausländische Spionage schützen, die Zensur aufrechterhalten sowie heimische Unternehmen protegieren und sie zur Expansion ins Ausland ermuntern.

Auch das gelingt zunehmend: Unterstützt mit billigen Staatskrediten expandieren Unternehmen wie der Smartphone-Hersteller Xiaomi, der Telekomausrüster Huawei oder der Computerproduzent Lenovo international. Das Misstrauen mancher westlichen Kunden scheint allerdings nicht ganz unbegründet zu sein: So fand sich kürzlich auf Lenovo-Laptops eine vorinstallierte Spy-Software namens „Superfish“, eine Art Einfallstor für Hacker und Datendiebe.

Abschottung des eigenen Marktes

Tencent breitet sich nach Indonesien, Malaysia und Singapur aus – alle drei Länder haben einen hohen chinesischen Bevölkerungsanteil. Und E-Commerce-Gigant Alibaba ist spätestens seit dem Börsengang 2014 ein internationaler Konzern. Alibabas Gründer Jack Ma ist auch Gast auf der Cebit. Allen diesen Unternehmen ist gemeinsam, dass sie eng mit der chinesischen Regierung zusammenarbeiten.

In Arbeit
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Die jüngsten VPN-Sperrungen für iPhones und iPads lassen sich zwar mittlerweile mit ein paar Kniffen wieder umgehen. Aber bei einer Umfrage der Europäischen Handelskammer gaben 86 Prozent der europäischen Unternehmen in China an, von den Internet-Blockaden bei ihren Geschäften eingeschränkt zu werden – 15 Prozent mehr als im Juni 2014.

Ob sich Peking damit langfristig einen Gefallen tut, ist fraglich. Denn auch wenn Vorzeigeunternehmen wie Alibaba und Tencent erfolgreich expandieren: Die Abschottung des eigenen Marktes führt in der Tendenz dazu, dass heimische Unternehmen bei der Innovationskraft nachlassen.

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