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CeBIT Telearbeit: Künftig mehr von Zuhause arbeiten

Schnelle Internet-Zugänge verhelfen der Telearbeit zum Durchbruch. In wenigen Jahren werden die meisten Angestellten teilweise zu Hause arbeiten.

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Telearbeit: In wenigen Jarhen Quelle: dpa/dpaweb

Wenn Golfspieler nach 18 Uhr im Gut Heckenhof in Eitorf an der Sieg anrufen, landen sie im Wohnzimmer von Nadin Uhlmann. Im Display ihrer Telefonanlage sieht sie, dass der Anruf dienstlich ist. Die Leiterin des Veranstaltungsbüros des noblen Golfresorts meldet sich mit: „Gut Heckenhof, guten Abend!“ Will ein Kunde reservieren, kann sie mit einem speziellen Programm von ihrem heimischen PC aus Bestellungen im Reservierungssystem des Golfclubs aufgeben. Für alle anderen Mitarbeiter ist die Buchung dann sofort sichtbar. Das erleichtert dem Unternehmen die Arbeit enorm. Der Golfclub kann längere Sprechzeiten anbieten und muss dafür keine Telefon-Aushilfe einstellen. Damit ist das Unternehmen in guter Gesellschaft.

Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen setzen auf die Fernarbeit ihrer Mitarbeiter vom privaten Büro aus. Mittelständler wie der Datensammler Loyalty Partner etwa, aber auch Konzerne wie BMW oder Versicherungsanbieter wie LVM. Telearbeit boomt. Denn wenn Mitarbeiter zu Hause arbeiten, sparen die Unternehmen Bürokosten. Zudem sind die Mitarbeiter zufriedener, wie immer mehr Studien belegen. Vor allem weibliche Fachkräfte „fordern zunehmend Home Offices“, sagt Unternehmensberater Alexander Greisle, der Firmen bei der Einrichtung von Telearbeitsplätzen berät.

Nach einer vom Druckerhersteller Brother initiierten Studie des britischen Marktforschungshauses Future Foundation lag der Anteil von Telearbeitern in Deutschland 2006 noch bei knapp sieben Prozent. Im Jahr 2020 sollen dagegen vier von fünf Deutschen zumindest zeitweise von zu Hause aus arbeiten. Als Hauptursache für den Boom hat Future Foundation den technologischen Fortschritt ausgemacht.

Die von der Bundesregierung im Rahmen der Konjunkturpakete geplanten Investitionen in die Breitbandvernetzung spielt dabei eine wichtige Rolle. Denn der flächendeckende Anschluss deutscher Haushalte an das leistungsstarke Glasfasernetz ist Voraussetzung dafür, dass Telearbeit zum Massenphänomen wird. Denn erst mit schnellen Internet-Verbindungen lassen sich auch komplexe Computeranwendungen mit großen Datenvolumina von zu Hause bedienen.

Neue Technik sorgt dafür, dass Mitarbeiter zu Hause arbeiten können

Aber auch Fortschritte in der Speicher- und Kameratechnik helfen bei der Telearbeit. Die neue Technik sorgt dafür, dass Mitarbeiter zu Hause genauso arbeiten und kommunizieren können wie im Büro. „Das treibt Telearbeit an“, sagt Ian Pearson, Zukunftsforscher und ehemaliger Chef-Technikvisionär von British Telecom.

Heimarbeit spart beileibe nicht nur Raumkosten. Die Menschen arbeiten zu Hause effektiver, wie etwa Untersuchungen bei BMW ergeben haben. Nach der Einrichtung von Telearbeitsplätzen im Rahmen eines Pilotprojekts kommt es in Home Offices dreimal seltener zu Unterbrechungen der Arbeit als im Büro. Die Arbeitsqualität verbessert sich, und nebenbei werden Kollegen mit Heimarbeitsplatz auch noch seltener krank.

Das spricht sich herum. Deswegen sind Greisles Auftragsbücher derzeit gut gefüllt. Ihm hilft zudem der Druck, den Mitarbeiter auf die Unternehmen ausüben. Denn immer mehr Beschäftigte wünschen sich größere Flexibilität. Erste Unternehmen nutzen mögliche Telearbeit bereits als Anreiz, um Fachkräfte für sich zu gewinnen.

Das kommt an. So ermittelte der Branchenverband der Telekommunikationsindustrie Bitkom, dass jeder zweite Beschäftigte in Deutschland gerne zumindest einige Tage von zu Hause aus arbeiten würde – wenn man ihn denn ließe. Den Wunsch haben besonders jüngere Menschen: Fast 80 Prozent der berufstätigen 30- bis 39-Jährigen wollen an mehreren Tagen in der Woche zu Hause arbeiten.

Weil die Technik immer besser und billiger wird, ist dies heute kein Wunschtraum mehr. Heute kann fast jeder Büroarbeitsplatz „zu geringen Kosten an den heimischen Schreibtisch verlegt werden“, sagt Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer.

Wobei die Kosten eines Heimbüros vor allem von der Art seiner Anbindung an das Unternehmen abhängen. Denn Laptop, Telefon und Blackberry alleine machen noch keinen vollwertigen Arbeitsplatz aus. „Ein gleichwertiges Arbeiten im Home Office ist meist nur dann gegeben, wenn der Mitarbeiter auch vollen Zugriff auf die Daten im Unternehmen hat“, sagt Stefan Wesche, Sicherheitsexperte beim IT-Anbieter Symantec.

Um von zu Hause auf möglichst alle Daten und Programme im Unternehmen zugreifen zu können, benötigt man mindestens einen DSL-Anschluss. Denn die Breitbandverbindung ermöglicht nicht nur, dass auch größere Datenvolumen ohne Probleme ausgetauscht werden können. Gleichzeitig ist heute fast in jedes DSL-Modem auch eine Anlage für Internet-Telefonie (Voice over IP) eingebaut, sodass auch die Sprach-Kommunikation nahtlos in das Firmennetz integriert werden kann.

Insbesondere die Sicherheitsprobleme von Heimarbeitsplätzen sind jedoch beträchtlich. Werden die Computer dort nicht ausreichend geschützt, werden sie zu undichten Stellen, durch die Viren und Spionageprogramme eindringen und dann großen Schaden im zentralen Rechnernetz des Unternehmens anrichten können. Denn Mitarbeiter neigen dazu, auf die Rechner am Heimarbeitsplatz auch private Programme zu installieren. „Solche Arbeitsplätze sind die besten Einfallstore für Datendiebe“, warnt Wesche. Sein Rat: „Im Heimbüro sollten nur Geräte eingesetzt werden, die über Datenverschlüsselung verfügen und die das Installieren von Fremdsoftware blockieren.“

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Sicherheit im Home Office ist inzwischen aber selbst für kleinere Mittelständler bezahlbar. Bereits für weniger als 50 Euro Monatsmiete pro Mitarbeiter gibt es Angebote wie den Mobility-Manager des amerikanischen IT-Anbieters IPass. Das Prinzip: Die Mitarbeiter erhalten ein speziell gesichertes Netzwerk. Dieses Virtual Private Network (VPN), wie es in der Fachsprache heißt, stellt über das Internet eine verschlüsselte Verbindung zwischen einem externen Rechner und dem Firmennetzwerk her. Dadurch arbeiten die via VPN eingebundenen Mitarbeiter, als ob sie im Firmennetz säßen.

Zwar gibt es diese Sicherheitstechnologie schon länger. Doch sie setzt sich jetzt erst durch: Um die Datenkommunikation sicher zu verschlüsseln und gleichzeitig parallel große Datenmengen reibungslos zwischen Unternehmen und Heimarbeitsplatz austauschen zu können, ist nun einmal ein stabiler Breitbandanschluss notwendig.

Das Besondere an der Softwarelösung von IPass ist, dass die Nutzer unabhängig von der Art des Zugangs sind: Ganz gleich, ob sie die Verbindung über einen drahtlosen Internet-Zugang (WLAN) herstellen, sich mithilfe einer Mobilfunkkarte ein- wählen oder eine Breitbandverbindung im Hotel nutzen – überall können sie sich mit ihrem Benutzernamen anmelden. Zu diesem Zweck hat IPass mit vielen Providern weltweit Verträge abgeschlossen. So bleiben auch die Verbindungspreise unter Kontrolle, wenn der Mitarbeiter etwa mangels Internet-Anschluss das Handynetz für den Firmenzugriff nutzen muss.

Ständig neue Zugangs-Codes für Telearbeiter

Einmal mit Passwort in die Software eingeklinkt, soll die Verbindung sicher sein wie ein Banksafe, verspricht der Anbieter. Manchem Unternehmen reicht das allerdings nicht. So hat der Münchner Betreiber der Payback-Prämienkarte, Loyalty Partner, zusätzlich sogenannte Tokens des US-Herstellers RSA angeschafft.

Token sind Schlüsselanhänger, die im Sekundentakt neue Zugangs-Codes erzeugen. Erst wenn die Mitarbeiter beide Sicherheitsschranken überwunden haben – also beim VPN identifiziert sind und den Code des Tokens eingegeben haben –, können sie mit der Arbeit beginnen. Bei dem 500 Mitarbeiter starken Mittelständler beschränkt sich das nicht auf E-Mail-Abfrage und Internet-Zugang. Die Mitarbeiter müssen Zugriff auf die Reisekostenabrechnung haben, die kaufmännische Software, das Rechnungswesen und das Intranet.

Die Münchner haben für das komplette Home-Office-System einen niedrigen sechsstelligen Euro-Betrag gezahlt. Denn „was nützen hochwertige Laptops, wenn sie der Mitarbeiter nicht vollständig nutzen kann“, sagt Max Grillenberger, Leiter der Office-IT bei Loyalty Partner.

Für ein solches System haben sich auch Ulf Kraney und sein Team entschieden. Der Gastro-Experte ist Betriebsleiter des Golfclubs Gut Heckenhof, zu dem auch ein Vier-Sterne-Hotel mit 35 Zimmern gehört. Kraney nutzt das gesicherte Netz des US-Anbieters Lancom. Das Besondere: Die Mitarbeiter arbeiten – bildlich gesprochen – auf dem Firmenserver; der heimische Rechner ist nur eine Art Fernsteuerung. So bleiben die Daten auf jeden Fall immer im Unternehmen, wo sie am besten geschützt werden können.

Im Fall von Ulf Kraney, der gut 20 IT-Arbeitsplätze in das System integriert hat, kostete das einen „satten fünfstelligen Betrag, außerdem viel Schweiß und Nerven“. Der Grund für die hohen Kosten: Der Heckenhof betreibt als Golfclub und 60-Personen-Betrieb keine eigene IT-Abteilung wie der Datensammler Loyalty Partner.

Beliebt sind Heimbüros vor allem bei Unternehmen, die nicht mehr für jeden Mitarbeiter einen Arbeitsplatz einrichten wollen, wie etwa der Mittelständler Phoenix Contact aus der Nähe von Detmold. Der Spezialist für Verbindungstechnik suchte kürzlich einen „Ingenieur im Vertriebsaußendienst“ und stellte bereits in der Ausschreibung klar: „Von Ihrem Home Office aus pflegen Sie engen Kontakt zu Entscheidungsträgern und schaffen so die Basis für erfolgreiche Geschäftsbeziehungen.“

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