Cloud-Telefonie Warum die Telekom auf Internettelefonie umsteigt

Neue Technik, alter Ärger: Mit Milliardenaufwand rüstet die Telekom ihr Netz um – selbst Telefongespräche sollen jetzt über das Internet laufen. Für die Kunden hat das viele Vorteile – doch es hakt bei der Umstellung.

Telekom: 70.000 Kunden werden jede Woche auf IP-Anschlüsse umgestellt. Quelle: imago, Montage

Manchmal braucht es einfache Bilder, um höchst komplizierte Projekte begreifbar zu machen. Bei der Radikalkur, die Tim Höttges, der Chef der Deutschen Telekom, seinem Konzern derzeit verpasst, ist das nicht anders.
Wäre also die Telekom kein Kommunikationsanbieter, sondern ein Eisenbahnunternehmen, dann betriebe Höttges derzeit so etwas wie den Tausch der Gleise unter rollendem Rad.

In einem immensen Kraftakt erneuert der magentafarbene Riese im laufenden Betrieb sämtliche Vermittlungssysteme, über die die Gespräche seiner knapp 16 Millionen Privat- und gut 3,3 Millionen Geschäftskunden laufen. Gut vier Milliarden Euro im Jahr lässt sich Höttges den Umbau kosten. An dessen Ende sollen alle Verbindungen, ob Sprache oder Daten, nur noch über ein einziges komplett digitales Netz laufen.

Internettelefonie heißt das salopp, Techniker sprechen von „All-IP“, angelehnt an das Internetprotokoll, jene Basistechnologie, die seit Jahrzehnten den Informationsaustausch im globalen Netz steuert.

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Schafft Höttges sein Ziel, hat spätestens Ende 2018 getrennte Technik für Mobilfunk oder Festnetz ebenso ausgedient wie herkömmliche analoge Verbindungen und digitale ISDN-Anschlüsse, deren Technik teils noch aus den Neunzigerjahren stammt. An ihre Stelle treten rein internetbasierte Sprach- und Datenverbindungen.

Das Mammutprojekt ist kein Selbstzweck: Wenn der Konzern alle Sprach- und Datenverbindungen erst einmal digital steuert, ist der Weg frei, über die einheitliche Infrastruktur für wenig Geld fast beliebige Zusatzdienste anzubieten – von der Gebäudesteuerung über Telemedizin bis zu Multimediaangeboten.

„Wir schaffen das modernste Netz“, verspricht Höttges bei jeder passenden Gelegenheit. Rund 70.000 Anschlüsse schalte der Konzern jede Woche auf die neue Technik um. Die, wirbt er, bringe den Kunden - neben neuen Diensten und Paketangeboten - „besseren und effizienteren Service“.

Das sieht durchaus nicht jeder so. Zigtausenden Kunden nämlich beschert die neue Technik erst einmal jede Menge Ärger.

Esther Fuchs etwa, Kommunikationsconsultant aus Bad Soden bei Frankfurt, war nach dem IP-Umstieg fast den ganzen Juni lang weder über ihre Büronummern erreichbar, noch funktionierte das Internet.
„Erst nach 30 Tagen gelang es einem Techniker, die Leitung zu reparieren“, zürnt Fuchs, der die Telekom danach sogar noch den Handwerker in Rechnung stellte.

Ulf Schlächt* wiederum, bei einem großen norddeutschen Finanzdienstleister für die Sprachkommunikation verantwortlich, verzeichnete „plötzlich steigende Abbruchzahlen bei Telefonaten über IP-Verbindungen“. Teils erreichten Kunden ihre Berater gar nicht mehr, bis Schlächt der Telekom Fehler in deren Digitalnetz nachweisen konnte.

Zur Sicherheit das Handy bereithalten

Der Arzt Albert Schweitzer aus der ostfriesischen Kleinstadt Leer kämpft sogar seit Umschaltung des Anschlusses im Frühjahr 2015 „mit Gesprächsabbrüchen, Pfeifen und Dauerbesetzt“. Anfang Juli war der Anschluss seiner Praxis wieder einmal acht Stunden lang tot. Schweitzer will sich „lieber nicht ausmalen, was wäre, wenn wir bei einem Notfall einen Rettungswagen brauchen“, und hält nun stets sein Handy bereit.

Solche Probleme bestreitet die Telekom nicht, sieht sie aber als Ausnahmefälle. In rund 95 Prozent der gut zehn Millionen umgestellten Anschlüsse sei der Wechsel reibungslos gelaufen, heißt es aus Bonn.

Das mag stimmen, doch bedeutet es umgekehrt auch, dass es bei etwa 500.000 Kunden Schwierigkeiten gab. Bleibt die Fehlerrate konstant, steht gut 300.000 Privatkunden ein ähnlich hürdenreicher Wechsel der Technik noch bevor. Von den Problemen ganz zu schweigen, die beim größten Teil der Geschäftskunden noch auftreten könnten. Dort liegt die bisherige Umschaltquote weit niedriger als im Privatgeschäft.

*Name geändert

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