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Clubhouse-Gründer „Wir sind viel zu schnell gewachsen“

Clubhouse-App - nach dem Hype zu Jahresbeginn ist unklar, ob sich die Audioplattform noch gegen die Vielzahl anderer sozialer Netzwerke durchsetzen kann. Quelle: dpa

Steil empor und dann abgestürzt: Nach dem Hype zu Jahresbeginn spricht kaum mehr jemand von Clubhouse. Nun erzählen die Gründer, wie sie ihr Netzwerk doch noch zum Erfolg machen und wie sie damit Geld verdienen wollen.

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Kaum ein soziales Netzwerk schoss hierzulande in der kollektiven Wahrnehmung so rasch in die Höhe, wie Clubhouse zu Beginn dieses Jahres. Gefühlt versammelte sich auf der rein audiobasierten Plattform für Onlinediskussionen alles was in Politik, Kultur und Netzgemeinde Rang und Ruf hat. Investor Frank Thelen war genauso darunter wie der FDP-Vorsitzende Christian Lindner oder der Fernsehmoderator Joko Winterscheidt, die Klimaaktivistin Luisa Neubauer, der Entertainer Thomas Gottschalk oder die Digital-Staatsministerin Dorothee Bär.

Ebenso schnell aber ebbte der Rummel wieder ab. Knapp ein halbes Jahr nach dem Beginn des Hypes in Deutschlands spricht in der Digitalcommunity kaum mehr jemand von Clubhouse. Und wie viele Menschen in der Region noch über die Clubhouse-App miteinander plaudern, dazu äußern sich die Firmengründer Paul Davison und Rohan Seth nicht, als sich beide – natürlich in einem Chatraum ihrer App – Journalistenfragen stellen. Aber sie versichern, der Dienst sei weit lebendiger, als es den Anschein habe, sagt Davidson: „Wir haben pro Tag rund 400.000 Clubhouse-Rooms aktiv, und es werden kontinuierlich mehr.“

Sechs Millionen neue Nutzer habe das Netzwerk „alleine in den jüngsten paar Wochen“ gewonnen, betont Davison. Bei der Frage nach dem exakten Zeitraum und den genauen Wachstumsregionen bleibt er aber vage: „Das ist eine weltweite Zahl, aber der Trend gilt auch für den deutschsprachigen Raum.“ Davidson kommentiert das Ende des Trubels auf überraschende Weise: „Wir sind eh viel zu schnell gewachsen. Es ist gut, dass sich das inzwischen normalisiert hat.“ Ende Januar hatten die Gründer gemeldet, der Dienst habe rund zwei Millionen aktive Nutzer.

„Die Server sind geschmolzen“

Tatsächlich sei ihnen das raketenhafte Wachstum „eine Weile lang ziemlich entglitten“, sagt Mitgründer Seth. „Wir haben noch nicht mal ein Logo, sind zeitweise weder mit den Technikkapazitäten noch mit den notwendigen Funktionen oder der Fehlerbehebung hinterhergekommen“, erzählt der 37-jährige gebürtige Inder, der einen Teil seiner Kindheit in Deutschland verbracht hat. „Uns sind die Server einfach weggeschmolzen.“ Inzwischen aber hätten die Gründer ihre Plattform massiv aufgerüstet. „Ich bin optimistisch, dass wir Clubhouse in absehbarer Zeit für den allgemeinen Zugang öffnen können.“

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    Tatsächlich gilt für den Dienst noch immer die Zugangsbeschränkung, dass nur beitreten kann, wer von einem bestehenden Mitglied eine Einladung erhält. Die taktische Selektion sei allein den begrenzten Kapazitäten geschuldet, versichern die Gründer. Das mag stimmen, faktisch aber hat die Teilnehmerbegrenzung der Mitgliedschaft in der Frühphase einen Hauch Exklusivität verliehen und den Run der Nutzer auf die begehrten „Invites“ noch befeuert. 

    Doch der hat inzwischen merklich nachgelassen. Der Kurs bei Ebay versteigerter Clubhouse-Einladungen dümpelt – nach zwischenzeitlich hohen zweistelligen Eurobeträgen – mittlerweile im niedrigen einstelligen Bereich.

    Nutzer sind mehr als eine Stunde täglich online

    Dass die Plattform bald ganz aus dem Bewusstsein verschwinden könnte, da Twitter oder Facebook ihrerseits eigene Audio-Portale entwickelt haben, glaubt Gründer Davison nicht. Bisher habe sich bei den sozialen Netzwerken pro Medienform immer ein dominierender Anbieter herausgebildet, ob Fotoplattform, Musik- oder Videodienst. „Ich bin zuversichtlich, dass wir das bei Sprache sein können.“ Immerhin sei der durchschnittliche Nutzer „mehr als 60 Minuten pro Tag auf Clubhouse aktiv“. Das zeige, dass das Angebot ankomme.



    Wie genau Davison und Seth diese Akzeptanz auf Dauer in ein wirtschaftlich tragfähiges Geschäftsmodell verwandeln wollen, bleibt vorerst offen. „Wir verkaufen ganz sicher keine Werbeplätze und auch keine Kundendaten“ versichern die Gründer im Audiochat. Anfängliche technische Lücken beim Datenschutz, für die der Dienst unter anderem von deutschen Experten vehemente Kritik einstecken musste, habe man sämtlich geschlossen, versichert Mitgründer Seth. „Das war eine steile Lernkurve.“

    Bisher finanzieren die Gründer ihr Start-up Alpha Exploration Co. und den Clubhouse-Dienst mit Investorengeld. Zu den Finanziers gehörten, neben dem federführenden Wagniskapitalgeber Andreessen-Horowitz, rund 180 weitere Geldgeber. Bei der jüngsten Finanzierungsrunde im April 2021 kam Clubhouse auf rund 13 Millionen Nutzer und wurde mit immerhin rund vier Milliarden Dollar bewertet. Viel Geld für einen Dienst, der weiterhin kostenlos und sich auch auf Dauer nicht über Werbung finanzieren soll.

    „Wir suchen noch das perfekte Finanzierungsmodell“, sagt Co-Gründer Davison. „Ich denke aber, es wird auf eine kleine Nutzungsgebühr hinauslaufen.“ Ob für die Zuhörer, oder für die Gastgeber oder Organisatoren der Audiokonferenzen, das lässt Davison offen. Aber sein Plan, „Clubhouse zu einer ‚Content-Creators-Plattform‘ auszubauen“, spricht dafür, dass Clubhouse mitverdienen will, wenn Gastgeber kostenpflichtige Chatrunden veranstalten und Eintritte kassieren.

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    Eine Möglichkeit, über den Dienst kleine Geldbeträge auf Konten anderer Nutzer zu überweisen, gibt es in den USA bereits. „Bisher verdienen wir aber nichts daran, wenn einer dem anderen eine Art Trinkgeld überweist“, sagt Davison. Das aber werde sich ändern: „Wir werden langfristig wohl Servicegebühren erheben.“

    Um auch bei den Nutzerzahlen wieder in Schwung zu kommen, wollen die Gründer das Marketing ankurbeln, sagt Seth: „Wenn die Systeme alle stabil laufen, hoffen wir Ende Sommer endlich offensiv an den Markt gehen zu können.“

    Mehr zum Thema: Die Dominanz von Plattformen wie Facebook, Youtube und TikTok ist enorm – die Kritik an ihnen auch. Einige Gründer versuchen sich aktuell wieder an Social-Media-Apps – und stoßen bei Investoren auf offene Ohren.

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