WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Computer Startschuss für die digitale Revolution

Wie der Personalcomputer die Welt verändert, die Wirtschaft stimuliert und unseren Umgang mit Wissen revolutioniert hat. Die Geschichte einer höchst erfolgreichen Raubkopie.

Die US-Amerikaner Steve Quelle: dpa

Das Jahrzehnt, von dem diese Geschichte handelt, hat noch gar nicht begonnen, als sich 1976 in einer Garage, südlich von San Francisco, zwei Männer über eine Werkbank beugen. Sie hantieren mit Lötkolben und Laubsäge, verdrahten Elektronik-Chips, zersägen und verkleben Holzkisten und verwerfen ihr Werk immer aufs Neue.

Es ist die Garage von Haus 2066 Crist Drive in Los Altos, einem besseren Wohnviertel im Speckgürtel der kalifornischen Metropole. Wo Alleebäume die Vorgärten der Häuser und Pools die Gärten dahinter schmücken. Paul und Clara Jobs wohnen hier, und ihr 21-jähriger Sohn Steven Paul, genannt „Steve“. Der hat sein Studium geschmissen und arbeitet nun als Techniker beim Videospiel-Produzenten Atari. Vor allem aber bastelt er in der Garage mit seinem fünf Jahre älteren Kumpel Stephen Wozniak an der Verwirklichung einer gemeinsamen Vision.

Ein revolutionärer Plan

Die beiden wollen einen Volkscomputer entwickeln. Einen Rechner im Format einer besseren Schreibmaschine – nicht viel teurer als eine ordentliche Stereoanlage. In einer Zeit, in der Computer so teuer wie Einfamilienhäuser sind, ist das ein geradezu revolutionärer Plan.

Mit nicht minder revolutionären Folgen: Denn die Umbrüche, die Jobs und Wozniak mit ihrem Kleincomputer anstoßen, verändern Leben und Gesellschaft in den Dekaden danach so nachhaltig, wie es seit der Erfindung des Automobils keiner anderen Innovation gelang.

Ohne es zu ahnen, werden die beiden Männer Wegbereiter jener gesellschaftlichen und ökonomischen Zeitenwende, die in den Achtzigerjahren beginnt und die bald nur noch „PC-Age“ heißt: Dass Kardiologen einmal via Internet die Herzschrittmacher von Patienten programmieren, Handynutzer per Mobilfunk ihren Sitzplatz im Flugzeug tauschen oder die Kühltruhe im Supermarkt beim Hersteller neue Pizzen ordert, wenn der Vorrat zur Neige geht – all das wäre ohne die Vorarbeit, die Jobs und Wozniak leisten, und die anschließende Verbreitung des Computers undenkbar gewesen.

Das Zeitalter des PC markiert den Übergang von der Industrie- in die Informationsgesellschaft. Eine Gesellschaft, in der Entfernungen schrumpfen, weil Menschen nicht nur in Echtzeit kommunizieren, sondern auch in Sekunden selbst ein Millionenpublikum erreichen können. Das neue Zeitalter begründet aber auch eine Wirtschaftsepoche, in der ganze Berufsgruppen verschwinden – vom Setzer in der Druckerei über Lohnbuchhalter bis zum Fernmeldeelektriker. Zugleich aber explodiert die Produktivität vieler Unternehmen durch die elektronische Verknüpfung der Geschäftsabläufe, entstehen Abermillionen neuer Jobs in ebenso atemberaubendem Tempo. Wer hätte 1980 voraussagen können, was dereinst Suchmaschinen-Optimierer machen oder Web-Designer? 

Doch zunächst geht es Wozniak und Jobs nur darum, ihre hutschachtelgroße Holzkiste in Gang zu bringen. Wozniak, das Technikgenie, konzentriert sich darauf, die Technik zu optimieren. Jobs, der geniale Vermarkter, kümmert sich um den Verkauf. „Ich orientierte mich an den Funktionen“, erinnert sich Wozniak im WirtschaftsWoche-Gespräch. „Steves Ziel war, Dinge attraktiv zu machen.“

Am Anfang waren Cimputer noch Quelle: REUTERS

Der Juli 1976 markiert die digitale Zäsur: Die beiden Steves bringen ihren legendären Apple I auf den Markt – eine bessere Zigarrenkiste, gefüllt mit ein paar Kabeln, einigen Chips und Speicherbausteinen. Als Datenspeicher fungiert ein externes Tonbandgerät.

An Computergrafiken wagt freilich noch niemand zu denken. Schon 40 Zeichen Text pro Zeile und mehrfarbige Schrift gelten bei dem Preis von 666 Dollar als Sensation. Damit ist der erste „persönliche Computer“ um Zehnerpotenzen billiger als Angebote der Computerkonzerne IBM, NEC oder Hewlett-Packard. Deren Rechenriesen, Mainframes genannt, erscheinen plötzlich wie elektronische Dinosaurier, von der digitalen Evolution überholt, vom Aussterben bedroht.

Im Juni 1977 legen Jobs und Wozniak mit dem Apple II nach. Das neue Gerät, nun in einem Kunststoffgehäuse, das Rechner und Tastatur vereint, kostet knapp 1300 Dollar. Es wird zum Prototyp des Bürger-PC der folgenden Dekade.

Digitale Zeitenwende

Als Apple am 12. Dezember 1980 an die Börse geht, sind die zwei Schrauber aus Los Altos mehrfache Millionäre und Helden einer neuen Elektronikwelt.

Das vom deutschen Star-Designer Hartmut Esslinger gestaltete tragbare Model IIc mit seinem schlicht-eleganten weißen Gehäuse legt zugleich den Grundstein für den Ruf von Apples Produkten als Design-Ikonen. „Steve wollte“, sagt Esslinger, „ein Gerät, attraktiv für Millionen von Nutzern – auch außerhalb der Bürowelt.“ Esslingers Büro Frog Design entwickelt das berühmte „Snow White“-Design – und der Plan geht auf. „Alleine am ersten Verkaufstag verkauft Apple 50 000 Exemplare des IIc“, erinnert sich der Designer. In den Jahren darauf setzt der Hersteller mehr als fünf Millionen Exemplare der Apple-II-Serie ab.

Sie ist ein Milliarden-Dollar-Geschäft für den kalifornischen Hersteller. Vor allem aber zwingt sie die Großrechnerkonzerne zum radikalen Umdenken. Allen voran Branchenprimus IBM, wegen seines blauen Logos „Big Blue“ genannt.

Der Megakonzern hatte bis dato gut gelebt vom Geschäft mit Hochleistungsmaschinen, die von normalen Menschen weder bezahl- noch bedienbar waren. Dass Apples Mini-Rechner einmal zum Massenprodukt mutieren könnten, der Gedanke war für die Unternehmensstrategen der IBM-Zentrale bei New York so weit weg wie die Apple-Garage an der amerikanischen Westküste.

Dass IBM die Zeichen der Zeit dennoch erkennt, hat der damalige Konzernchef Frank Cary der Beharrlichkeit seines Forschungsdirektors Bill Lowe zu verdanken. Gegen alle internen Widerstände plädiert er dafür, das Wachstumsfeld der PCs nicht der Konkurrenz zu überlassen.

Im Sommer 1980 gibt Cary grünes Licht und wagt einen für den Konzernriesen geradezu unerhörten Schritt: Abgeschottet und vorbei an allen Bürokratien geht Lowes nur zwölf Mann starkes Team an die Arbeit. „Bei IBM einen Personal Computer zu entwickeln“, schreibt später ein Branchenbeobachter, „entspricht der Aufgabe, einem Elefanten Stepptanz beizubringen.“ Sie gelingt: Am 12. August 1981 präsentiert IBM seinen Rechenzwerg, das Modell 5150, in New York.

Damit hatte IBM in den 80ern Quelle: dpa

Um Zeit zu sparen, kopiert das PC-Team nicht nur das Konstruktionsprinzip der Apple-Rechner. Statt Chips und Module selbst zu entwickeln, verbaut die Truppe zudem preiswerte Bauteile anderer Hersteller. Nicht einmal das Betriebssystem ist von IBM. Stattdessen setzt die Mannschaft Software eines Startups aus dem amerikanischen Nordwesten ein, gegründet von zwei Technik-Freaks ebenso beseelt von dem Gedanken, Computer zum Produkt für die Massen zu machen, wie Jobs und Wozniak in Kalifornien: Sie heißen Bill Gates und Paul Allen, und ihre Softwareschmiede nennen sie Microsoft.

Getrieben vom Ziel, Apples Preisvorgabe so nahe wie möglich zu kommen, verzichtet IBM sogar darauf, sich die exklusiven Rechte an Gates’ und Allens Software MS-DOS zu sichern. Dieser strategische Fehler kostet „Big Blue“ später die Führungsrolle im PC-Geschäft. Denn das Betriebssystem MS-DOS wird, weil es auf fast allen neuen Rechnern installiert wird, zum Quasi-Standard. Später zementiert die grafisch und multimedial aufgepeppte Windows-Software Microsofts Dominanz als Multi-Milliarden-Konzern, der noch immer Monat für Monat mehr als eine Milliarde Dollar Gewinn erwirtschaftet. Aktuell läuft Windows auf nahezu 90 Prozent der neuen PCs weltweit.

Gnadenloser Preiskampf

Zunächst aber wird IBMs PC-Konzept zum Standard. Schon vier Jahre nach der Markteinführung des 5150 ist jeder zweite verkaufte Computer IBM-kompatibel. Aber längst nicht mehr jeder wird von IBM gefertigt: Wettbewerber Dell etwa mischt den Markt Mitte der Achtziger auf und überträgt die Idee, Produkte erst nach Kundenbestellung, „just in time“ zu fertigen, in die Computerwelt. Mit dramatischen Folgen für die Preise: Dells erster PC, der 1985 auf den Markt kommt, kostet nur die Hälfte von IBMs Original.

Ungebremst klettern im gleichen Zeitraum Rechenleistung und Speicherkapazität in die Höhe – bei anhaltendem Preisverfall: Sorgt 1981 in IBMs 5150 ein Prozessor mit 4,7 Megahertz Geschwindigkeit für den rechten Takt, arbeiten heute in Handys 200 Mal schnellere Chips.

Es ist dieser ungebrochene Trend, der die PC-Technik schließlich für fast jeden Einsatz im Arbeits- und Alltagsleben bezahlbar macht. Mehr als 130 Millionen PCs, so Berechnungen von Marktforschern, werden heute pro Jahr verkauft. In ihrer Konzeption ähneln sie – trotz aller Leistungsschübe – noch immer dem von Jobs und Wozniak entworfenen Vorbild des modular erweiterbaren Rechners.

Mehr als drei Jahrzehnte später aber erwächst den PCs selbst Konkurrenz durch neue Technologien – so wie einst den Mainframes durch die PCs. Es ist das Zeitalter des Internets. Mithilfe des weltweiten Datennetzes lösen sich Daten von den PC-Festplatten. Cloud Computing, die Datenverarbeitung in der Wolke Internet, elektrisiert die Vordenker der Computerwelt. Die Idee dahinter: Programme und Daten lagern, statt auf dem Büro- oder Privat-PC, in der virtuellen Wolke.

Das Vorbild von Cloud-Computing-Vorreitern wie den E-Mail-Portalen Hotmail oder Web.de, deren Angebote sich von jedem Online-Rechner aus ansteuern lassen, wird nun auf immer mehr Anwendungen übertragen. Privatleute pflegen ihre Fotoalben im Web. Mitarbeiter in Unternehmen müssen Dokumente nicht mehr per Diskette kopieren, sondern greifen übers Netz darauf zu und bearbeiten sie dort mit Kollegen. Und Unternehmen wie Salesforce.com vertreiben ganze Softwarepakete für das Kundenmanagement, die komplett im Internet laufen – statt wie zuvor auf den Büro-PCs.

Klein, kleiner, unsichtbar. Quelle: dapd

Es beginnt eine Zeit in der, neben PCs, immer mehr vernetzte Geräte auf Informationen im Netz zugreifen können – vom Internet-Handy bis zum TV-Gerät mit Online-Anschluss.

Angesichts dieser zunehmenden Konkurrenz und des Preisverfalls der Rechner verkauft IBM seine PC-Sparte im Mai 2005 für 1,75 Milliarden Dollar an den chinesischen Computerproduzenten Lenovo. Ein knappes Vierteljahrhundert nach der Präsentation des ersten persönlichen Computers ist das PC-Zeitalter für Big Blue beendet. Der Computerriese konzentriert sich darauf, Hard- und Software zu entwickeln, mit denen sich diese Informationen im weltumspannenden Wissensverbund des Internets speichern, dort verarbeiten oder auch von dort wieder abrufen lassen.

Computer werden unsichtbar

Spielekonsolen, Handys, Fernseher, selbst Autos, Heizungen und Waschmaschinen können auf das Wissen im Netz zugreifen. Und gerade sind die Geräte dabei zu lernen, auch völlig eigenständig zu kommunizieren. Navigationsgeräte etwa erfahren über das Internet, wo sich Autos stauen, und suchen flexibel nach anderen Wegen. Mit winzigen Chips ausgestattete Hemden messen die Herzfrequenz von Patienten und verständigen im Notfall einen Arzt. Computer dringen in immer mehr Lebensbereiche ein. Doch sie werden dabei zunehmend unsichtbar.

„Ziel ist, dass sich die Maschinen dabei den Menschen anpassen – nicht umgekehrt“, sagt Designer-Ikone Esslinger. Ganz besonders gilt das für die jüngste und am weitesten verbreitete Variante des persönlichen Computers: das Mobiltelefon.

Genau hier hat Apple-Gründer Steve Jobs noch einmal mit der revolutionären Multimediamaschine iPhone der Elektronikwelt einen zuvor kaum vorstellbaren Innovationssprung beschert. Nun will er das mit dem Tablet-PC iPad wiederholen.

Aber das ist eine Geschichte für die nächste Dekade. 

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%