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Computerkriminalität Die Cyber-Söldner

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Computer-Spion Quelle: Illustration: Wieslaw Smetek

Das hat auch Boris Iwanow irgendwann erkannt. Der stämmige Russe ist 24 Jahre alt, und doch hat sich sein Haupthaar schon aus dem Staub gemacht. Er redet monoton und trocken. Iwanow ist ein scheuer Mensch. In seiner Mietwohnung in einer Plattenbausiedlung am Rande von Moskau empfängt er keine Fremden. Er verabredet sich lieber gegenüber dem russischen Außenministerium in einem Café, dessen Gäste rund um die Uhr mit lauter Popmusik traktiert werden. Hundert Meter weiter am Innenstadtring haben Hacker-Kollegen vor ein paar Wochen Pornovideos auf eine Reklametafel eingespielt und den Verkehr zum Erliegen gebracht. Iwanow sagt, er sei es nicht gewesen.

Boris war 14 Jahre alt, als der Erste seiner Freunde einen Computer bekam. Das war Ende der Neunzigerjahre. Russland war bankrott, er lebte bei seiner Mutter in ärmlichen Verhältnissen. Boris klammerte sich an sein einziges Hobby, den Computer. Als er einen ausgemusterten PC von einem Bekannten bekam, begann er, mit binären Codes zu basteln. Boris fand heraus, wie man sich in das WLAN-Funknetz des Nachbarn hackt, Web-Seiten im damals weithin schutzlosen Russland lahmlegt, Viren programmiert. „Irgendwann habe ich erkannt, dass ich damit Geld verdienen kann“, sagt er. Er hatte die Schule noch nicht abgeschlossen, da war Boris als Hacker landesweit bekannt.

Fortan klaute er Bilanzdaten eines russischen Stahlkonzerns, schlich sich ins IT-System des Pentagons, spähte Bankkonten aus und bastelte im Team mit anderen Hackern an Technologien zur Überlistung des Betriebssystems Windows Vista.

Anonymer Kontakt über Internet-Foren

Wer die Auftraggeber solcher Attacken sind, sagt Iwanow nicht – und es interessiert ihn auch nicht wirklich. Viel wichtiger als der Name der Geldgeber ist für einen wie Iwanow, dass ein Kurier zeitnah das Kuvert mit Dollar-Scheinen überbringt. „Die Klienten nehmen anonym über Internet-Foren Kontakt auf“, sagt er. Klar, oft könne er sich die Zusammenhänge denken: Wer Daten eines Unternehmens ausgespäht haben will, sei wohl dessen Wettbewerber.

In Ländern wie China und Russland fühlen sich Hacker sicher. Die Jagd nach Cyber-Kriminellen hat für die Regierung in Moskau keine Priorität. Allenfalls der Inlandsgeheimdienst FSB kennt sich in diesem weiten Feld annähernd aus. Doch nur selten lassen die Fahnder einen Hackerring auffliegen.

Warum auch? Die Ministerien beider Länder sind IT-Wüsten, wichtige Entscheidungen werden auf Papier gedruckt und nicht online übermittelt. Wenn Privatleute oder Unternehmen wegen Computerkriminalität Anzeige erstatten, sind die Fahnder überfordert, zumal sie oft korrupt oder miserabel ausgebildet sind. „Die meisten Behörden haben nicht den Hauch einer Vorstellung davon, was in der Szene abgeht“, sagt Kislizin.

Hacker sind eitel

Obwohl erst 22 Jahre alt, zählt „Cheker“-Chefredakteur Kislizin schon zu den alten Hasen der russischen Hacker-Szene. Auch er könnte im Handumdrehen Web-Seiten lahmlegen. Das Handwerkszeug dafür hat er an der Universität gelernt. Offiziell beschäftigt sich sein Fachblatt mit Fragen zur IT-Sicherheit: Wie ist welches Unternehmen gegen Angriffe gesichert? Und wo liegen die Schwachstellen?

Doch er druckt auch die Erfolgsgeschichten der Branche ab. Hacker sind eitel. Sie wollen ihre Erfolge bekannt machen. Und Kislizin hilft ihnen dabei: „Wir sind die grauen Jungs“, sagt er und sieht sich damit als Schnittstelle für Hacker zwischen Gut und Böse.

Der Hacker-Chefredakteur legt indes Wert darauf, eine Trennlinie zwischen „black heads“ und „white heads“ zu ziehen, wie er sie nennt. Die Weißen sinddie Guten, die nur zum Spaß, aus sportlichem Antrieb Web-Seiten knacken. Die Schwarzen verdienen ihr Geld als Auftragshacker und stehen jenseits des Gesetzes.

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