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Cyber-Angriffe Sie nennen es Krieg

Die Polizei nimmt Dutzende Hacker fest. Ihre Freunde stellen im Gegenzug weitere Konzerne und Behörden bloß. Der Cyberkonflikt eskaliert.

Besucher des 27. Congresses Quelle: dpa

Die Gefängnisse füllen sich mit Hackern: Vor wenigen Tagen hat das amerikanische FBI 16 Personen verhaftet, fünf weitere wurden in Großbritannien und den Niederlanden festgenommen. In der Türkei müssen sich 32 verdächtige Computergenies verantworten, unter ihnen acht Minderjährige. Und seit vergangenem Sonntag droht auch einem 23-jährigen Mann aus dem westfälischen Rheine eine Haftstrafe.

Alle sollen im Namen des Hacker-Bundes Anonymous oder einer sympathisierenden Gruppe kriminell geworden sein.

Jede normale Hacker-Community hätte an dieser Stelle mangels Mitgliedern aufgeben müssen. Nicht so Anonymous. In einem Schreiben, dessen Authentizität niemand bezweifelt, hat der Verbund am vergangenen Freitag in Internet eine klare Ansage gemacht: Man werde wie bisher Regierungen angreifen, die ihre Bürger belügen, dazu alle Konzerne, die mit diesen Regierungen zusammenarbeiten, um ihre Gewinne zu sichern. "Wir werden sie weiterbekämpfen, mit allen Mitteln, die wir zur Verfügung haben." Als Zeichen ihrer Unverfrorenheit haben Hacker einer befreundeten Gruppe am Montag Dokumente online gestellt, die sie auf Computern der italienischen Cyber-Polizei erbeutet haben.

Zugriffe bei Rewe und Penny

Anonymous und andere schleichen sich übers Internet in schlecht gesicherte Computersysteme ein und veröffentlichen, was sie finden. Das nennen sie "Krieg". In Deutschland haben Hacker zuletzt die Polizei- und Zollbehörden ausgespäht. Sie sollen dabei das Peil- und Ortungssystem, mit dem die Behörden Verdächtige verfolgen, infiltriert haben. Unbekannten gelang auch ein Zugriff bei Rewe und Penny.

Frühere Angriffsziele von Anonymous und einer Abspaltung namens LulzSec waren die CIA, der US-Senat, Computer der Nato und viele Konzerne. Besonders übel traf es den Elektronikkonzern Sony, dem Millionen Passwörter von Kunden und teilweise auch deren Kreditkartendaten abhandenkamen.

Anonymes prahlen mit Erfolgen

Taten werden Anonymous also genug zugeschrieben, und doch ist es eine schwer zu fassende Gruppe geblieben. Anders als die Enthüllungsplattform Wikileaks hat Anonymous kein Zentrum und keinen prominenten Kopf. Ob es eine echte Mitgliedschaft gibt oder ob es reicht, als freischaffender Hacker der Gruppe einen erfolgreichen Zugriff zu widmen, ist nicht erkennbar. Sympathisanten verbreiten Nachrichten zum Beispiel über Kanäle beim Kurznachrichtendienst Twitter, andere treffen sich zuhauf in Chaträumen wie dem #antisec. Dort quatschen derzeit so viele mit, dass ihre Wortmeldungen regelrecht über den Bildschirm rauschen.

Meldungen von gelungenen Hacks erscheinen auf sogenannten Pastebins, Onlineplattformen, die dazu gedacht waren, Computercodes und längere Texte der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Aber Pastebins haben auch eine zusätzliche Eigenschaft, die Hacker schätzen: Man muss sich nicht anmelden und bleibt anonym.

Sony-Logo Quelle: dapd

In ihren Bekenner-Nachrichten verweisen Hacker auch auf Tauschplattformen wie PirateBay und Onlinedienste wie depositfile.com, wo sie die erbeuteten Dokumente hinterlegen. Andere veröffentlichen Fotos auf Internetseiten wie imgur.com. Dort ist dann ein Bild vom Bildschirm des Hackers zu sehen, der eine Liste mit erbeuteten Dokumenten zeigt. Auf einigen Plattformen wird ein Pseudonym benötigt, dazu ein Nutzerkonto und ein mit technischen Mitteln schwer zu knackendes Passwort wie 9srG4&Duu8sdW. Zu dem Nutzerkonto gehört wiederum eine E-Mail-Adresse irgendwo im Netz mit einem ebenso starken Passwort. Dorthin, das würde zumindest zu den üblichen Vorsichtsmaßnahmen gehören, surfen die Hacker, indem sie ein Programm namens Tor benutzen, dass ihre IP-Adresse und damit ihre Herkunft endgültig verschleiert.

Spuren verwischen oder keine hinterlassen: Anonymous verschließt ziemlich effektiv den Weg vom veröffentlichten Dokument zum einzelnen Hacker.

Für Journalisten ist schwer zu erkennen, ob die Dokumente halten, was ihnen die Hacker versprechen. Für einige Funde muss man beispielsweise Datenbankprogramme im SQL-Format beherrschen. Außerdem sind die Dokumente in Dutzenden von Sprachen verfasst, eben dem Ursprung entsprechend.

Auch Hacker machen Fehler

So bleibt am Ende vor allem eins: Die Hacker stellen Konzerne und Behörden bloß, die ihnen reichlich Gelegenheit dazu geben, weil sie offensichtlich nicht in der Lage sind, Daten sicher zu verwahren.

Auf der anderen Seite sind auch Hacker nicht unfehlbar. Der eine oder andere hinterlässt bei seinen Einbrüchen doch eine Spur.

Eine von ihnen führte die amerikanischen Ermittler zu Christopher Wayne Cooper. Der 23-Jährige lebt in einem Dorf namens Elberta im Süden der USA. Fotos zeigen ihn als stämmigen jungen Mann mit kurz geschorenen Haaren, mehr Junge als Mann. Ihm wird vorgeworfen, im vergangenen Dezember die Internetseiten der Kreditkartenfirmen Mastercard und Visa lahmgelegt zu haben. Cooper schweigt zu den Vorwürfen.

Journalisten, die in die 500-Seelen-Gemeinde reisten, fanden niemanden, der ihn kennt. In einem lokalen Blog wird er von einem einzigen Bürger auf nicht gerade schmeichelhafte Weise beschrieben: "Der Kerl ist ein Verlierer. Das weiß ich aus erster Hand."

Viel Mitleid, so viel ist klar, wird Cooper in Elberta nicht finden. Der Hacker nimmt es mit schwarzem Humor. Auf Twitter schrieb er dieser Tage: "Bin gerade beim Bundesgericht, um einen Drogentest zu machen. Yay!"

Dieser Artikel erschien zuerst auf Zeit.de

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