Cyberangriffe IT-Sicherheit verkommt zur Randnotiz

IT-Manager fordern ein Internet ohne Sicherheitslücken – und finden damit im Bundeswirtschaftsministerium wenig Gehör. Die Digitalstrategie der Politiker kommt fast ohne Cybersicherheit aus.

Die Leckerbissen der Cebit
Eröffnungsfeier mit der KanzlerinAuf der ersten Cebit-Messe 1994 in Hannover hat Microsoft-Gründer Bill Gates sein PC-Betriebssystem Windows 95 angekündigt. 23 Jahre später allerdings sucht man auf der weltgrößten Messe für Informationstechnik vergeblich nach sperrigen Tower-Rechnern und Laptops. Stattdessen präsentieren die Aussteller in diesem Jahr vom 20. bis zum 24. März vor allem Roboter, Drohnen und selbstfahrende Autos. Die Eröffnungsrede hielt Kanzlerin Angela Merkel. Quelle: dpa
Drohnenpark von IntelDer Wandel zeigt sich auch bei Intel: Ist der Konzern den meisten Menschen noch als Chiphersteller für PCs ein Begriff, präsentiert er sich in Hannover diesmal mit einem eigenen Drohnenpark. Mit intelligenten Sensoren sollen die Geräte auch ohne menschliche Steuerung navigieren können und so zum Beispiel für Wartungsarbeiten eingesetzt werden. Sogar die Kanzlerin und ihr japanischer Kollege Shinzo Abe (l.) staunen. Dem Thema widmen sich viele Aussteller: Insgesamt 30 Firmen präsentieren in Halle 17 eigenen Drohnentechnologien. Quelle: REUTERS
Sushi-RoboterDas zweite große Thema der Messe: Roboter – wie dieser auf dem Stand von Tensor Flow. Behutsam legt er Sushi-Teile von einem Laufband auf Teller. Die Aussteller auf der Cebit sind dafür bekannt, nicht nur neue Technologien, sondern auch gleich praktische Anwendungsmöglichkeiten mit zu präsentieren. Japan, Vorreiter in Sachen Digitalisierung, ist in diesem Jahr das Gastland der Messe. Quelle: dpa
Humanoider Roboter „Pepper“Auch der humanoide Roboter „Pepper“ von Aldebaran und Soft Bank ist auf dem Messegelände zu sehen. Der Roboter soll Menschen und deren Gestik und Mimik erkennen können – und so beispielsweise in Verkaufsräumen, an Empfangstischen oder im Sozialbereich Anwendung finden. Quelle: dpa
Die Roboter-Technik wird dabei immer filigraner. Dieses Modell, das im „Robotics Innovation Center“ auf dem Messegelände zu besichtigen ist, kann menschliche Handbewegungen detailgetreu nachahmen – bis zum Bewegen der Fingerkuppen. Quelle: REUTERS
Vernetzter FlughafenDer Software-Riese SAP hat sich dagegen Gedanken um einen gesamten Mikrokosmos gemacht: den vernetzten Flughafen. Unter dem Arbeitstitel „Live Airport“ zeigen die Walldorfer ihre Vision eines Echtzeit-Flughafens. Mithilfe von unzähligen Datenströmen soll Flughafen-Management künftig ohne jede Verzögerung funktionieren. Eingebettet ist das Projekt in das Konzept „Run Live“, mit dem sich auch andere Branchen in Echtzeit managen lassen sollen. Quelle: dpa
Selbstfahrender „Olli“Auch andere Firmen greifen den Themenkomplex Verkehr und Transport auf der Cebit auf – und zwar vor allem solche, die bisher eher weniger Erfahrung auf der Straße gesammelt haben. So präsentiert der Tech-Konzern IBM ein selbstfahrendes Fahrzeug, das offenbar für den öffentlichen Verkehr konzipiert ist. Quelle: REUTERS
Mondsonde von VodafoneAuch wenn vor allem Google für seine „Moonshots“ genannten Mega-Projekte bekannt ist – auf der diesjährigen Cebit ist es ein Mobilfunkhersteller, der nach den Sternen greift. So will Vodafone im kommenden Jahr das 5G-Netz auf den Mond bringen. Die Sonde dafür lässt sich schon jetzt besichtigen. Quelle: AP

Für Mathias Machnig ist ein Tag auf der Cebit wie ein Marathon-Lauf. Von einem Termin zum nächsten hetzt der Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Sieben Reden hat der SPD-Mann auf und neben dem Messegelände in Hannover allein am Montag gehalten. Auch für einen Polit-Profi wie Machnig ist das ein Härtetest.

In diesem Jahr gibt es besonders viel Diskussionsbedarf. Denn dieses Mal hat die Bundesregierung eine Grundsatzdebatte angestoßen: Was muss die Politik anders und besser machen, damit die Digitalwirtschaft in Deutschland nach Jahren des Niedergangs tatsächlich aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht? Die Antwort auf diese Frage wollte auch Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries wissen und hat dazu nach langen, internen Diskussionen pünktlich zur Cebit ein „Weißbuch zur digitalen Ordnungspolitik für Wachstum, Innovation, Wettbewerb und Teilhabe“ vorgelegt.

Mehr Glasfaser, weniger Google

Das Ziel ist – wie immer in Wahljahren – äußerst ehrgeizig und vollmundig formuliert: Deutschland und auch Europa sollen ein „führender Standort digitaler Industrieproduktion“ werden. Das Bundeswirtschaftsministerium will mit einer vergleichsweise umfangreichen Liste von Reform- und Verbesserungsvorschlägen einige Stellschrauben in der Internet- und Plattform-Ökonomie neu stellen.  Der deutschen Industrie will die Bundesregierung ersparen, was die privaten Konsumenten seit Jahren erleben: Ein kaum noch zu überbietende Abhängigkeit von den großen Web-Riesen aus den USA. Die deutschen Unternehmen sollen deshalb zumindest einen Teil ihrer Datensouveränität zurückgewinnen. „Datenmonopole wollen wir verhindern“,  formuliert das Weißbuch gleich an mehreren Stellen. Überspitzt könnte man die Thesen in dem 113-seitigen Werk so zusammenfassen: Mehr Glasfaser, weniger Google.

Angriffsziele von aufsehenerregenden Cyberangriffen

Eines des brisantesten Themen blendet das Bundeswirtschaftsministerium allerdings fast vollständig aus: Die Sicherheitslücken in den IT-Systemen. Diese Einfallstore für Hacker, Cyberkriminelle und Geheimdienste sind nach Ansicht vieler Experten die größte Hürde für eine schnellere Digitalisierung deutscher Unternehmen, verkümmern aber im Weißbuch lediglich zu einer Randnotiz. Die Bundesregierung hat sich offenbar damit abgefunden, dass Sicherheitslücken auch in den nächsten Jahren eine kaum zu verhindernde Begleiterscheinung des Internet-Zeitalters bleiben. Wenn überhaupt, dann sollen Unternehmen und Haushalte bitteschön selbst dafür sorgen, dass ihre Computer und IT-Systeme den aktuellen Sicherheitsanforderungen entsprechen. Einige Hilfestellungen will die Bundesregierung anbieten, mehr aber auch nicht.

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