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Cyberboss
Stillstehen für die App: Soldaten der Bundeswehr testen in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut eine COVID19-Tracking App. Bild: dpa Quelle: dpa

Die Corona-App ist eine große Illusion

Eine App soll uns helfen, trotz Corona in die Normalität zurückzufinden. Aber kann das wirklich klappen? Oder ist sie bloß ein goldenes Kalb, um das wir verzweifelt, aber sinnlos herumtanzen?

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Das Coronavirus öffnet Narrative geradezu biblischen Ausmaßes. Ein 120-Nanometer-David, groß für ein Virus, viel zu klein für unser Auge, stellt die Wiederstandkraft des 85 Billionen Dollar schweren Weltwirtschafts-Goliath auf die Probe. Und schon rufen wir nach dem himmlischen Erlöser, der uns vor dem Bösen bewahren möge. Im 21. Jahrhundert leben unsere Götter dabei nicht auf dem Olymp oder im Himmel, sondern im Internet. Ist die Covid-19-Pest für uns rückständige Deutsche nicht eine Art schicksalhafte Strafe für all die digitalen Versäumnisse der letzten Jahrzehnte?

Während in Asien Milliarden individuelle Daten sekündlich gesammelt, geclustert und ausgewertet werden, sammelt in Deutschland eine Behörde mühsam die Zahlen von infizierten, schwerstkranken, verstorbenen und wieder genesenen Covid-Patienten teilweise per Fax ein und zieht die Schlussfolgerungen daraus erst mit einer Woche Verzögerung. Die Datenbasis in Deutschland beruht auf Schätzungen und Modellrechnungen „durch ein sogenanntes Nowcasting“.

In Folge gingen der Politik hierzulande schon nach 30 Tagen der Atem und die Argumente aus, um die vergleichsweise harmlosen Einschränkungen der bürgerlichen Bewegungsfreiheit zu verlängern. In Wuhan dagegen wurden die Menschen nach 76 Tagen – 18 Tage, nachdem die gesamte Provinz Hubei keine neuen Fälle der Krankheit mehr gemeldet hatte – aus der sehr viel radikaleren Ausgangssperre entlassen.

Der Erfolg, das Virus unter Kontrolle gebracht zu haben, basierte auf Gesundheitsressourcen aus ganz China, auf eigens geschaffenen Covid-Krankenhäusern und Quarantäne-Herbergen sowie auf einer alles überwachenden Polizei. Aber gesprochen wird vor allem über einen grünen Gesundheitscode, den die von der Quarantäne befreiten Chinesen auf ihren Smartphones vorzeigen. Digitale Technologien schützen scheinbar ganz Asien gegen das Virus und seine Folgen: In Südkorea hilft eine Selbstquarantäne-App dabei, die Infektionskurve zu reduzieren. In Singapur wird via Bluetooth ermittelt, wann Personen sich gefährlich nahe kommen.

Bringt das Smartphone also die Erlösung? Eine Diskussion über eine Software, die das unsichtbare Böse sichtbar und damit beherrschbar macht, findet derzeit rund um den Globus statt. Auch in Deutschland wird fleißig diskutiert – und wie überall an einer App gearbeitet. Das Roland-Koch-Institut ruft bereits seit dem 7. April zur freiwilligen Datenspende auf.

Shit in, shit out

Google und Apple, die zusammen 99 Prozent des Smartphone-Marktes beherrschen, entwickeln gemeinsam Kontaktverfolgungs-Apps, mit denen Gesundheitsbehörden 14 Tage rückwirkend Menschen aus dem Zwei-Meter-Umkreis eines Infizierten identifizieren können. Beide Konzerne reden von Datenschutz, aber versprechen lediglich, dass sie keine Standortdaten an Werbekunden weitergeben. Die über die App gelieferten Daten dürften trotzdem die hauseigene KI füttern und so das Geschäft der Daten-Giganten nähren. Kurz: Es wäre naiv, digitale App-Hilfen zu bejubeln. Eine in Deutschland oder Europa entwickelte App dürfte da einiges besser machen, aber wird das grundsätzliche Problem nicht lösen.

Wir müssen endlich über den Elefanten im Raum sprechen: IT ist nicht perfekt. Daten, egal ob analog oder digital erhoben, geben nur Antworten auf Fragen, die wir stellen. Stellen wir die falschen Fragen, bekommen wir falsche Antworten. Das Infrarot-Thermometer verrät uns auf Knopfdruck die Körpertemperatur eines Menschen, aber ist Fieber wirklich der wesentliche Indikator für Covid-19? Sind zwei Meter wirklich ausreichend Sicherheitsabstand? Ist weniger tatsächlich gefährlich, auch wenn eine Glasscheibe dazwischen ist?

IT-Entwickler rund um den Globus zerbrechen sich über solche Unschärfen und Erhebungsfehler derzeit den Kopf. Dabei ist es Unsinn, Millionen in die Entwicklung von Algorithmen zu investieren, deren grundlegende Prämissen unklar sind. „Shit in, Shit out“, sagt die IT-Branche zu solchem Big-Data-Unsinn.

Würden wir unsere Energie und internationalen Gelder statt in Technik in pharmazeutische Forschung investieren, könnten wir viel schneller eine sichere Sofort-Test-Lösung entwickeln als eine unsichere Distanz-App. Mit der App setzen wir Datenschutz, demokratische Grundrechte und bürgerliche Freiheiten aufs Spiel. Solche Nebenwirkungen hätte ein Covid-Schnell-Test nicht. Sein Nutzen wäre zudem ungleich größer: Während die App unnötig Ängste und Quarantänepflicht bei all jenen verbreiten würde, die sich (eventuell) in der Nähe eines Infizierten bewegt haben, würde ein Schnell-Test nur diejenigen Menschen in Quarantäne bringen, die wirklich krank sind.

Statt also um die App wie um ein goldenes Kalb zu tanzen, sollten wir uns um das kümmern, was wichtig ist: Wir müssen das medizinische Problem lösen. Investitionen sollten nicht in Apps, sondern in Tests, Impfmittel und Medikamente fließen.

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