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Cybersecurity
Quelle: dpa

Deutschlands technologischer Ausverkauf

Mit deutschen Forschungsgeldern wurden sichere Netztechniken entwickelt, damit Europa seine digitale Souveränität zurückgewinnt. Doch die Bundesregierung schreitet nicht ein, wenn die beteiligten Unternehmen in die USA verkauft werden.

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Wissen Sie, was ein technologischer Ausverkauf ist? Keine Angst, so genau wusste ich das bis vor wenigen Tagen auch nicht. Nachdem ich mir aber in der Rückblende des Jahres 2019 die Übernahme eines nicht so bekannten deutschen Unternehmens noch einmal näher angeschaut habe, bin ich mir sicher: Dieser Fall könnte ein Paradebeispiel dafür sein, dass Deutschland in digitalen Schlüsselmärkten den Anschluss verloren hat.

Es geht um den Verkauf des Glasfaser- und Netzwerkspezialisten Coriant. Die in Berlin und München tätige Firma, 2013 aus der Siemens-Sparte Optische Netze hervorgegangen, war bereits im Besitz des US-Finanzinvestors Marlin Equity, als die Mitarbeiter von weiteren Gesellschafterwechseln überrascht wurden. Zuletzt wurde Coriant im Oktober 2018 an Infinera weitergereicht, einen US-Spezialisten für optische Übertragungssysteme. Das ist jetzt gut ein Jahr her – und von den einstmals so stolzen Siemens-Technikern ist innerhalb weniger Monate so gut wie niemand mehr übrig geblieben. Infinera ordnete umgehend den Kahlschlag an. Das Werk in Berlin wurde inzwischen geschlossen. Auch in München wurden 75 Prozent der Beschäftigten vor die Tür gesetzt. Die Betroffenen haben den Eindruck, dass ihr Unternehmen nur wegen seiner Patente gekauft wurde. Und das scheint auch so zu sein – und ist für sich genommen bereits ein Trauerspiel.

Was kaum jemand weiß: Mit dem Drama einher geht auch der technologische Ausverkauf. Coriant gehört zu den europäischen Hoffnungsträgern, die vom Bundesforschungsministerium technologisch gefördert wurden. Um die Abhängigkeiten von Netztechnologien aus den USA und Fernost zu verringern, wie es damals so schön hieß, startete das Ministerium 2012 mit einem Fördervolumen von 37 Millionen Euro das Forschungsprojekt Safe and Secure European Routing, kurz Saser. Das Ziel ist heute – mitten in den Sicherheitsdebatten um den chinesischen Technologieriesen Huawei – noch aktueller als damals: Mehrere dutzend Projektpartner aus Deutschland, Frankreich, Finnland und Dänemark sollten neue Technologien entwickeln, die „sicherer, robuster und flexibler“ sind als alle bisherigen Netzkomponenten. Sogar die „Grundlagen für eine digitale Souveränität Europas“ sollten geschaffen werden. Die Saser-Projekte dienten als Vorarbeiten für den neuen superschnellen 5G-Mobilfunk. Einige Ergebnisse sind dort auch tatsächlich eingeflossen – etwa bei den neuen softwarebasierten Vermittlungstechniken, dem Software-Defined Networking (SDN). Coriant war von Anfang an dabei. Aber die dort entwickelten Lösungen sind jetzt in den USA gelandet und für die digitale Souveränität Europas nicht mehr zu gebrauchen.

Schlimmer noch. US-Unternehmen haben sich aus dem Pool der europäischen Saser-Projektpartner noch weitere Teilnehmer herausgepickt. Die finnische Firma Stonesoft, Spezialist für Netzsicherheit, wurde bereits 2013 für knapp 390 Millionen US-Dollar vom US-amerikanischen Virenschützer McAfee übernommen und mittlerweile an den US-Konkurrenten Forcepoint weiterverkauft. Auch das kleine Berliner Startup U2t Photonics, das ebenfalls Nutznießer der staatlichen Saser-Förderung war und sich auf Glasfaser-Übertragungen spezialisiert hatte, ist heute Teil der Forschungsabteilung des US-Konkurrenten Finisar.

Die Bundesregierung sollte daraus Lehren ziehen. Forschungen mit hohen Subventionen anschieben, deren Ergebnisse dann schon nach wenigen Jahren in Ländern außerhalb Europas landen, das kann nicht das Ziel unserer Wirtschaftspolitik sein. Schon bisher konnte das Bundeswirtschaftsministerium bei einem Technologietransfer in Drittstaaten Auflagen aussprechen. Doch dieses Stopp-Schild hat das Ministerium bei der Übernahme deutscher Unternehmen, deren Technologie mit Bundesmitteln gefördert wurde, bisher viel zu selten aufgestellt. „Wir werden untersuchen, inwieweit hier eine Modernisierung notwendig ist“, schreibt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in seiner kürzlich vorgestellten „Industriestrategie 2030“. Bis 2030 sollte er damit nicht warten.

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