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Cybersecurity
Quelle: dpa

Wenn uns nur noch Oldtimer, Keksdosen und Schreibmaschinen schützen

Heutzutage wird schon das Auto zum Spion, der Bewegungsprofile über seinen Fahrer erstellt. Schutz vor Hackern liefern da nur analoge Technologien. Eine Liebeserklärung an Schreibmaschine und Oldtimer.

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Es war ein denkwürdiger Beitrag, den das ZDF-Magazin „Frontal21“ am 14. Januar ausgestrahlt hat. Da zeigt der renommierte Rechtsanwalt Julius Reiter, Partner in der Kanzlei von Ex-Bundesinnenminister Gerhart Baum, seinen 30 Jahre alten Mercedes. Gemütlich mit einem Oldtimer durchs Land zu reisen und dabei Abstand vom täglichen Stress zu gewinnen – davon träumen viele, die sich solch ein Auto leisten können. Doch bei Reiter erfüllt der Wagen noch einen viel wichtigeren Zweck. Wenn er sich mit Mandanten trifft, die auf Vertraulichkeit allergrößten Wert legen, dann bleibt ihm gar keine andere Wahl. Will er all seine Spuren verwischen, holt er seinen weißen Mercedes aus der Garage. Denn nur dieses vollkommen analoge Auto hat keine Verbindungen ins Internet und ist damit der letzte Garant, dass niemand erfährt, wo er sich gerade aufhält und mit wem er dort redet.

Die Vorsichtsmaßnahme hat einen einfachen Grund: Die heute vom Band laufenden Neuwagen sind nichts anderes als rollende Computer. In smarten Fahrzeugen sorgen bis zu 400 Sensoren in- und außerhalb des Cockpits für eine „Totalüberwachung“. So formuliert es der ehemalige Bundesbeauftragte für Datenschutz Peter Schaar – und das aus gutem Grund. Denn die heutige Fahrzeuggeneration sendet über eine kleine Antenne an der Frontscheibe Unmengen an Daten in Abständen von zwei bis 30 Minuten an die Hersteller. Dazu zählen auch die Positionsdaten der GPS-Satellitenortung. Das Auto wird so zum Spion, der auch Bewegungsprofile über seinen Fahrer erstellt.

Wer absolut sicher gehen will, dass niemand die Routen und vor allem die Aufenthaltsorte erfährt, der darf so einen Wagen nicht fahren. Der Oldtimer bekommt für Berufsgeheimnisträger wie Rechtsanwälte, Ärzte oder Journalisten plötzlich eine Vertrauenswürdigkeit, die kein modernes Fahrzeug bieten kann.

So verrückt es klingt: Nostalgie liefert plötzlich wieder einen Mehrwert. Das fängt bei billigen Cent-Artikeln an – wie dem simplen Plastikschieber für Webcams an PCs oder smarten Fernsehgeräten, der Hackern und Spionen den voyeuristischen Blick ins Büro oder Wohnzimmer verwehren. Und hört auf bei der Schreibmaschine, die nach den Enthüllungen des NSA-Agenten Edward Snowden in Deutschland ein Comeback feierte. Aus Angst vor Spionage schrieb der Nürnberger Technologie- und Rüstungskonzern Diehl damals alle sensiblen Angebote per Schreibmaschine und ließ sie dann von Boten überbringen. Wer auf Nummer sicher gehen will, muss wohl zu solchen Mitteln greifen.

Eine Rückbesinnung auf alte Techniken lässt sich inzwischen auch bei vorsichtigen Topmanagern beobachten. Wer nicht riskieren will, dass alle auf dem Smartphone gespeicherten Kontakte von App-Anbietern abgezogen werden und in deren Clouds verschwinden, der telefoniert lieber mit klassischen GSM-Mobiltelefonen aus den Neunzigerjahren. Die muss man nicht auf dem Flohmarkt kaufen. Auch heute noch bedienen Anbieter diesen Nischenmarkt der leicht bedienbaren und nur zum Telefonieren geeigneten KIapphandys. Zum Beispiel baut der in Schweden ansässige Hersteller Doro solche Geräte speziell für Senioren. Diese Handys der ersten Mobilfunk-Generation sind zwar nicht so schick wie die heutigen Smartphones. Doch dafür bekommt niemand Einsicht in die Telefonbücher mit den Rufnummern der Geschäftspartner.

Genauso unorthodox ist eine Methode, über die ich bereits vor neun Jahren berichtete – die aber immer noch so wirksam ist wie damals. Der Essener Chemieriese Evonik stellte in allen Konferenzräumen leere Blechdosen auf, um sich vor Spionageangriffen zu schützen. Sobald Vertrauliches besprochen wird, kommen alle Smartphones in die Keksdose. Klappe auf, Smartphone rein, Deckel zu – und schon umgibt die Geräte ein Faradayscher Käfig, der alle elektromagnetischen Wellen draußen hält.

Ohne Funkverbindung kommen keine Anrufe und E-Mails mehr an. Dies ließe sich zwar auch durch Abschalten der Smartphones erreichen, nicht aber der Missbrauch der Geräte durch ausländische Geheimdienste. Denn richtig gut ausgerüstete Spezialisten können das im Smartphone eingebaute Mikrofon auch scharf schalten, wenn das Gerät abgeschaltet ist. Eine mit ausreichend dicken Blechwänden produzierte Keksdose wird so zum besten Wanzenkiller.

Wer sichergehen will, sollte die zur Verfügung stehenden Blechdosen vor dem ersten Einsatz testen. Ich habe das vor vielen Jahren mal gemacht. Als Sieger ging damals eine Familienpackung des Zwieback-Fabrikanten Brandt durchs Ziel. Die Blechschachtel ist so groß, dass sie sogar auf Vorstands- und Aufsichtsratssitzungen zum Einsatz kommen kann. 20 Smartphones passen dort problemlos hinein. Und ein Hingucker ist die Kiste mit dem strahlenden Baby-Gesicht allemal.

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