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Cyface Mit dem Handy auf Schlaglochjagd

Die deutschen Straßen haben hier und da ein Loch. Aber wo genau? Cyface hat eine App entwickelt, mit der sich das günstig herausfinden lässt. Quelle: dpa

Das Dresdener Start-up Cyface will den Zustand des deutschen Straßennetzes erfassen – mit einer App für Fahrradfahrer. Schäden sollen so schneller entdeckt und effizienter behoben werden können.

Wer wissen will, wie schlecht genau es um innerstädtische Straßen steht, der findet im Merkblatt Finanzbedarf der nordrhein-westfälischen Gemeindeprüfungsanstalt einen Gradmesser. Rund 1,13 Euro brauche es pro Jahr und Quadratmeter, kalkulieren die Experten der Behörde, um die städtischen Verkehrsflächen so instand zu halten, dass ihr Zustand nicht schlechter wird. Tatsächlich aber investiert kaum eine Kommune auch nur annähernd so viel Geld: Eine Querschnittsstichprobe bei 18 bundesdeutschen Städten unterschiedlichster Größe und Prosperität ergab, dass der Aufwand pro Jahr um ein Drittel unter dem Soll liegt – bei gerade einmal 75 Cent.

Kein Wunder also, dass kommunale Fahrbahnen immer schlechter werden, dass sich Schlagloch vielerorts an Schlagloch reiht. Schlimmer noch: Jenseits der Hauptverkehrsachsen, die Städten und Gemeinden mehrfach monatlich auf offensichtliche Gefahrenstellen überprüfen müssen, fallen massive Bodenwellen oder gefährliche Schlaglöcher oft über Wochen keiner Behörde auf. Denn speziell auf nachrangigen Straßen sind die Prüfer teils nur alle paar Monate unterwegs.

Der Grund ist simpel: Die Straßen abzulaufen, bindet Personal und das ist teuer. Noch teurer ist der bisher vor allem für Bundesstraßen und Autobahnen genutzte Ansatz, Straßen mithilfe speziell ausgerüsteter Fahrzeuge abzufahren, die Schäden und Bodenwellen durch Lasermessgeräte und Kameras erfassen. Das kostet laut Verkehrsexperten – je nach Strecke und Aufwand – 200 bis 1000 Euro pro laservermessenem Kilometer.

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Dirk Ackner will nun mit seinen Kollegen Klemens Muthmann und Armin Schnabel helfen, dass Kommunen Schäden rascher entdecken und effizienter beheben können – mithilfe von Fahrradfahrern und ihren Smartphones. Die von den drei Gründern in Ihrem Dresdner Start-up Cyface entwickelte Android-App gleichen Namens soll kommunalen Straßenbauern und externen Verkehrsplanern ein Bild vom Zustand des städtischen Verkehrswegenetzes vermitteln. Schneller, für weniger Geld – und vor allem immer aktuell.

Das könnte dazu beitragen, entstehende Schäden frühzeitig zu entdecken und mit geringem Aufwand zu flicken, bevor sie sich zu großen und teuren Schlaglöchern entwickeln. „Unser System schlägt pro Kilometer mit gerade mal rund zehn Euro zu Buche“, sagt Gründer Ackner. Dabei sieht der Jungunternehmer Cyface nicht als Konkurrenz zu den High-Tech-Messverfahren (die weit mehr Parameter erfassen können als die App), sondern „als Ergänzung für Kommunen, die sich die teuren Tests gar nicht, nicht so oft, oder nur auf den wichtigsten Straßen leisten können“.

Die schon 2016 mit dem Deutschen Mobilitätspreis ausgezeichnete Idee der Gründer: Heute haben Fahrradfahrer in den meisten Fällen ohnehin ein Smartphone dabei. Die zahlreichen Bewegungssensoren, die darin stecken und etwa dafür sorgen, dass sich beim Drehen des Geräts auch der Bildschirm anpasst, könnten also beim Radeln auch ein Profil markanter Unebenheiten erfassen. Genau das macht die die Cyface-App und erzeugt so ein Protokoll vom Zustand der durchfahrenen Straßen. Die Übersicht wird umso genauer, je mehr Radler die App nutzen und die einzelnen Strecken abfahren.

Vergangenes Jahr haben die drei passionierten Stadtradler ihren Ableger der TU Dresden mithilfe eines Exist-Gründerstipendiums als GmbH gestartet und seither in mehreren Projekten – unter anderem in Stade, Münster und Frankfurt/Main – den Zustand von Straßen und Radwegen erfasst. Gemeinsam mit der Stadt Dresden entwickeln die Cyface-Gründer derzeit zudem ein spezielles Messrad, das unter anderem den Zustand des Radwegenetzes erfassen und Reparaturbedarf melden soll.

Dabei funktioniert die Handy-Sensorik nicht bloß auf dem Rad. „Wir haben auch Analysemodelle für andere Fahrzeuge“, erzählt Mitgründer Ackner. „Das Programm arbeitet auch bei Fahrten mit Pkw und Kleinlaster, für die wir jeweils eigene Algorithmen entwickelt haben.“ Schließlich erzeuge jede Unebenheit und jeder Straßenschaden bei verschiedenen Fahrzeugtypen unterschiedliche – aber eben pro Fahrzeugklasse typische – Erschütterungsmuster.

Dass längst nicht jeder Fahrer geneigt ist, seine Routenwahl erfassen zu lassen, um den städtischen Straßenbauern als Schlaglochdetektiv zu dienen, ist den Cyface-Gründern bewusst. Sie trennen die Streckenprotokolle von den Nutzerprofilen und zeigen erfasste Routen in Kartenübersichten ohnehin erst an, wenn sie von mehreren Personen befahren wurden. Und wer auf einzelnen Strecken gar keine digitalen Spuren liefern will, der schaltet das Schlaglochprotokoll einfach ab.

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