Datenschutz für E-Mails 30 Millionen Webmail-Kunden bekommen Verschlüsselung

Elektronische Post kann jeder mitlesen. Jetzt sorgen Internetkonzerne und Start-ups mit entsprechenden Tools dafür, dass private Korrespondenz auch privat bleibt. Web.de und GMX preschen beim Datenschutz vor.

Internet-Konzerne und Start-ups helfen, E-Mails zu schützen. Quelle: dpa

Ob Liebesbrief oder Krankenakte, Vertragsentwurf oder Bankbelege – im Umgang mit sensiblen Dokumenten sind die Deutschen erschreckend sorglos. Zumindest wenn sie ihre Post elektronisch versenden. Nur ein Bruchteil der 537 Milliarden E-Mails, die dieses Jahr in Deutschland verschickt werden, ist – allen NSA-Enthüllungen zum Trotz – verschlüsselt. Dabei sind sie unverschlüsselt so leicht einsehbar wie die Urlaubsgrüße auf einer Postkarte.

Die nötige Crypto-Software auf PC, Tablet oder Smartphone einzurichten und die Passwörter für Ver- oder Entschlüsselung zu verwalten, erfordert bisher Wissen auf dem Niveau eines Informatik-Leistungskurses. Und nicht nur der Versender einer E-Mail muss sich kümmern. Auch der Empfänger muss wissen, wo er den virtuellen Brieföffner findet, wenn er statt einer digitalen Postkarte ein verschlossenes Kuvert erhält.

Wer beim Datenschutz gute Noten bekommt
Ist Datenschutz schon in Deutschland eine heikle Sache, sieht es in den USA noch viel kritischer aus: Die dortigen Ermittlungsbehörden wie die NSA haben durch den Patriot Act, der nach den Anschlägen des 11. September 2001 erlassen und kürzlich leicht abgemildert wurde, viel umfassendere Rechte und Befugnisse zur Abfrage von Daten von Privatpersonen. Und diese nutzen sie auch, während die Gesetze und Regulierungen im Bereich Datenmanagement und Datenschutz mit den technologischen Entwicklungen nicht mithalten können. Die Nichtregierungsorganisation Electronic Frontier Foundation (EFF) will mit ihrem regelmäßigen Datenschutz-Report „Who has your back“ auf dieses Problem aufmerksam machen. EFF untersucht 24 große IT- und Telekomunternehmen daraufhin, wie sie mit dem Thema Datenschutz umgehen. Quelle: dpa
Der Report bewertet einerseits, ob sich Firmen gegen teils willkürliche staatliche Überwachung wehren. Zudem wird die Transparenz bewertet, die Firmen darüber herstellen, ob und wie staatlichen Ermittlungsbehörden bei ihnen Zugriff auf Nutzerdaten fordern. Die EFF hat über vier Jahre die Praktiken großer Internet- und IT-Konzerne beobachtet und analysiert, ob die Firmen ihren Fokus eher auf den Schutz der Nutzerdaten oder eher auf die Kooperation mit staatlichen Ermittlern legen. Dabei konnten sie in den vergangenen vier Jahren eine Entwicklung feststellen. Quelle: AP
Während das Thema Datenschutz vor vier Jahren bei kaum einem Unternehmen auf der Agenda stand, hat nun – einige Snowden-, Wikileaks-Enthüllungen und Spähaffären später – laut EFF ein Umdenken eingesetzt: Viele Firmen veröffentlichen Reports über ihren Umgang mit Nutzerdaten und über Regierungsanfragen nach Nutzerdaten. Quelle: dpa
Die EFF hat die Entwicklungen damit aufgefangen, dass sie die Firmen nun unter anderem in der Kategorie des industrieweiten Standards vorbildlicher Praktiken bewerten. Ihre Kriterien im Überblick: 1. Unter dem erwähnten industrieweiten Standard verstehen die Aktivisten etwa, dass die Firma den Staat bei einer Datenanfrage nach einer offiziellen Vollmacht für den spezifischen Fall fragt. Außerdem wird erwartet, dass das Unternehmen einen Transparenzreport über staatliche Anfragen veröffentlicht und dass die Firma deutlich macht, wie sie mit den Regierungsanfragen formell verfährt. 2. In einer weiteren Kategorie wird geprüft, ob Internetfirmen die jeweiligen Nutzer einzeln informieren, wenn sie beziehungsweise ihre Daten von Regierungsanfragen betroffen waren. Als Best Practice Beispiel gelten die Firmen, die ihre Nutzer schon vor der Weitergabe über solche staatlichen Anfragen informieren, sodass diese sich juristisch zur Wehr setzen können. Quelle: dpa
3. Die Aktivisten checkten auch, ob Firmen bekannt machen, wie lange sie Nutzerdaten speichern. Es wurde dabei nicht bewertet, wie lange die Unternehmen IP-Logins, Übersichten über individuellen Datentransfer und auch eigentlich bereits gelöschte Daten speichern und für Ermittlungen verfügbar halten – es geht nur um die Transparenz. 4. Regierungen und staatliche Ermittlungsstellen fragen nicht nur Nutzerdaten an, teils verlangen sie von Internet- und Telekomkonzernen auch, unliebsame Nutzer zu blockieren oder Nutzeraccounts zu schließen. Für diese Praxis war zuletzt insbesondere Facebook kritisiert worden, das einige Insassen von Gefängnissen an der Eröffnung eines Accounts hinderte. Auch Informationen darüber honorierten die Aktivisten mit einer positiven Bewertung, wobei ihnen besonders Twitter in dieser Kategorie mit einem umfangreichen Report über Lösch-Gesuche positiv auffiel. 5. Unternehmen bekamen auch eine positive Bewertung, wenn sie sich im öffentlichen Diskurs gegen staatlich geduldete oder gar intendierte Hintertüren in Software und Netzwerken stellen. 21 von 24 untersuchten Firmen nehmen mittlerweile eine solche kritische Position gegenüber dem Überwachungsstaat ein. Quelle: dpa
Adobe hat laut den Aktivisten in den vergangenen Jahren alle Best Practice Standards übernommen, die in der Branche etabliert sind. Adobe verlangt von Ermittlungsbehörden eine explizite Erlaubnis, Daten von Nutzern anzufordern und bekennt sich zudem öffentlich dazu, keine Hintertüren in die eigene Software einzubauen. „Alle Regierungsanfragen für Nutzerdaten müssen bei uns durch den Vordereingang kommen“, schreibt Adobe in seinem Transparenzreport. Die EFF wertet eine solche starke Position gegen die früher gängige Praxis als bemerkenswert – unabhängig von der Wahrhaftigkeit. Quelle: AP
Triumph für Tim Cook. Apple erfüllt alle Kriterien der Aktivisten für möglichst große Transparenz im Bereich Datensicherheit. Der IT-Konzern lässt allerdings einige Hintertürchen offen, neben den Verpflichtungen zur Verschwiegenheit, die ihm etwa durch Gerichte in Einzelfällen auferlegt werden können. Apple behält sich vor, Nutzer nicht über eine Datenabfrage zu informieren, wenn dies nach Einschätzung des Unternehmens gefährlich für das Leben oder die Unversehrtheit von Personen werden könnte. Dies lässt Raum zur Deutung. Quelle: REUTERS

Im Konflikt „bequem versus sicher“ fällt die Entscheidung in aller Regel für „bequem“. Das soll sich nun ändern. Gleich mehrere Anbieter – vom Start-up bis zum Konzern – wollen dem diskreten Versand von Elektropost endlich zum Durchbruch verhelfen.

Für den größten Schub dürfte der Internet­Anbieter 1&1 sorgen, der Mitte August erst eine Sicherheitslücke in seinem E-Mail-System schließen musste. Seit Donnerstag dieser Woche nun können Nutzer der E-Mail-Dienste von web.de und GMX ihre Post im digitalen Schutzumschlag verschicken. Jeder der 30 Millionen Mail-Kunden des Konzerns kann beim Nachrichtenversand über eines der Onlineportale kostenlos ein Verschlüsselungsprogramm in seinem Firefox- oder Chrome-Browser aktivieren.

Das ist kaum aufwendiger als das Installieren beliebiger anderer Browser-Erweiterungen. Beim ersten Versand einer geschützten Nachricht leitet ein Softwareassistent durch die Anmeldeprozedur. Parallel dazu lässt sich die Verschlüsselung auch in den zugehörigen Smartphone-Apps aktivieren. Wer seine elektronische Post vom PC aus verschickt, kann ein eigenes Modul für Microsofts Outlook-Programm laden.

Zustimmung zur Aussage: "Ich sehe meine Privatsphäre durch die Nutzung digitaler Technologien bedroht"

Technisch setzt 1&1 auf das seit Jahren etablierte und als sicher geltende PGP-Verfahren. Das steht für „Pretty Good Privacy“ (Ziemlich gute Privatsphäre) und funktioniert auch zwischen unterschiedlichen E-Mail-Diensten.

Allerdings: Auch wenn PGP etabliert ist, bleibt der Nachrichtenaustausch selbst in der softwareassistierten Variante bei GMX und web.de aufwendiger als der reguläre e-Postversand: Damit Freunde oder Geschäftspartner die sicheren E-Mails entschlüsseln können, müssen sie sich ihrerseits die nötigen Passworte – Schlüssel genannt – besorgen, und zwar jeder einzelne Empfänger.

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