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Datenschutz Neuer Smartphone-Spitzel

Die Software Carrier IQ sorgt für Groll unter US-Mobilfunkkunden. Denn wie jetzt bekannt wurde, werten Netzbetreiber damit heimlich das Telefonverhalten von mehr als 140 Millionen Handybesitzern aus. Ob die Software auch auf deutschen Handys läuft, wissen nach eigenen Angaben nicht einmal alle Netzbetreiber, genutzt werde sie jedenfalls nicht.

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Screenshot der Carrier-IQ Website Quelle: Screenshot

Nachdem im vergangenen Sommer Apple und Google kleinlaut einräumen mussten, dass ihre Telefone – angeblich versehentlich – Bewegungsprofile ihrer Besitzer erstellt und die Daten auf die Server der Unternehmen überspielt hatten, braut sich im US-Mobilfunkmarkt nun neuer Ärger zusammen.

Diesmal richtet sich die wachsende Wut gegen mehrere Netzbetreiber, die auf den von ihnen vertriebenen Handys eine spezielle Software namens Carrier IQ einsetzen. Damit analysieren sie ohne das Wissen der Kunden deren Kommunikationsverhalten in ihren Handynetzen. Laut Herstellerangaben läuft das in den Tiefen des Handy-Betriebssystems verborgene Schnüffelprogramm inzwischen auf rund 141 Millionen Mobiltelefonen.

Wie der Android-Entwickler Trevor Eckhart vor wenigen Tagen in einem Blog veröffentlichte, ist Carrier IQ überaus neugierig. Das Programm zeichne Standortinformationen ebenso auf wie eingehende Anrufe und SMS den Aufruf von Apps. Selbst Texteingaben oder Aufrufe gesicherter Webseiten über die Tastatur könne die Schnüffelsoftware laut Eckhart protokollieren.

Carrier IQ dementiert

In einer online veröffentlichten Stellungnahme bestreitet das Unternehmen Carrier IQ, beispielsweise Tastatureingaben aufzuzeichnen oder Nutzer verfolgen oder überwachen zu wollen. Die Software diene nur dem Zweck, die Qualität der Funknetze zu verbessern und Probleme mit den Endgeräten erkennen zu können.

Ob das Programm tatsächlich so harmlos ist, wie behauptet, ist indes offen: Was mit der Software möglich ist, dokumentiert Software-Experte Eckhart in einem vor wenigen Tagen veröffentlichten Youtube-Video. Dort erfasst die Software beispielsweise beim Aufruf von Web-Seiten über das verschlüsselte Internet-Seitenformat HTTPS jede Buchstabeneingabe auf dem Gerät schon beim Tippen.

Informationsbericht bis Mitte Dezember

Der Blackberry-Hersteller RIM erlaubt den Netzbetreibern vor dem Verkauf der Geräte keine Installation der Software Carrier IQ. Quelle: dapd

Angesichts dieser Berichte forderte der Vorsitzende des Unterausschusses für Datenschutz und Technologie im US-Kongress, Senator Al Franken, sowohl den Telekom-Dienstleister Carrier IQ, Netzbetreiber und Handy-Hersteller auf, bis Mitte Dezember ausführliche Informationen vorzulegen, ob tatsächlich Telefonnummern und SMS-Inhalte aufgezeichnet werden.

Sowohl RIM, der Hersteller der Blackberry-Smartphones, als auch Nokia haben bereits erklärt, in ihren Mobiltelefonen sei das Carrier-IQ-Programm ab Werk nicht installiert. RIM betonte zudem, auch den Netzbetreibern keine Installation der Software vor dem Verkauf der Geräte zu gestatten.

Der taiwanische Handy-Produzent HTC, anhand dessen Smartphone Eckhart auch die Fähigkeiten von Carrier IQ demonstriert hat, dagegen betonte gegenüber Business Insider, die Software sei auf Wunsch der Netzbetreiber in die Telefone integriert worden. Auch in Apples jüngster Version des Handy-Betriebssystems iOS5 sind offenbar noch Teile der Carrier IQ-Software enthalten. Allerdings erklärte Apple auf Anfrage des US-Onlinedienstes AllThingsD, man werde den Code in künftigen Software-Updates löschen. Zudem seien Daten nur anonymisiert und verschlüsselt übertragen worden.

E-Plus und Vodafone schnüffeln nicht

Ob die Schnüffelsoftware auch auf deutschen Mobiltelefonen installiert ist, ist noch nicht klar. Auf Anfrage der WirtschaftsWoche haben bisher nur E-Plus und Vodafone ausdrücklich erklärt, weder die Technik von Carrier IQ, noch andere Analyse-Programme auf den von ihnen vertriebenen Handys und Smartphones einzusetzen. Die Deutsche Telekom und O2 prüfen aktuell noch mit den Geräteherstellern, ob die Carrier-IQ-Software auf deren Telefonen installiert ist.

Möglicherweise damit gesammelte Daten würden allerdings weder erfasst noch ausgewertet, betonten beide Netzbetreiber auf Anfrage.

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