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David Cheriton Der Anti-Bezos

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Cape Cod statt Afrika

Im Spätsommer 1998 lädt Cheriton das Studentenduo und Bechtolsheim zu sich nach Hause ein. Auf der Veranda schließen sie einen Deal, der die Welt des Internets, vielleicht sogar der digital angetriebenen Innovationen insgesamt, verändern sollte: Bechtolsheim, mit dem Cheriton 1995 sein erstes Unternehmen Granite Systems gegründet und 14 Monate später für 220 Millionen Dollar an den Netzwerkkonzern Cisco verkauft hat, mag die beiden Studenten. Und er mag ihre Idee. Bechtolsheim geht zu seinem Porsche, holt sein Scheckbuch und stellt auf der Stelle einen Scheck über 100 000 Dollar aus. Google ist geboren. Cheriton legt noch einmal 200 000 Dollar drauf.

Diese Investition, deren Wert sich mit dem Aufstieg von Google vervielfacht hat, macht heute den größten Anteil von Cheritons Vermögen aus. Hinzu kommen Beteiligungen an drei Unternehmen, die er mit Bechtolsheim gegründet hat, sowie Anteile am Rechenzentren-Pionier VMware, bei dem Cheriton ebenfalls einer der ersten Geldgeber war.

Über sein Vermögen aber möchte Cheriton nicht reden. Sein Büro sieht jedenfalls nicht wie das eines Milliardärs aus: Am Rand steht ein von Papierstapeln und angebrochenen Keksschachteln überladener Schreibtisch. Die Wände hängen voller Masken, aus Afrika, Alaska und Asien. „Sie sind mein Publikum“, scherzt Cheriton. Keine Andenken an Reisen, der Professor jettet nicht durch die Welt. In Afrika etwa ist er noch nie gewesen, die afrikanischen Masken hat er in einem Antiquitätengeschäft auf der amerikanischen Halbinsel Cape Cod gekauft.

Die größten Anbieter im Cloud-Computing-Geschäft

Das eigentliche „Wunder“ von Google, schwärmt der Professor, seien nicht nur die Algorithmen zum Ordnen der Suchergebnisse gewesen, „sondern wie die beiden Studenten günstige Computer zusammenschalteten und so die Kosten für die Rechenleistung erheblich senkten“. Während Sergey Brin und Larry Page diese Rechenkraft bei Google zunächst nur für die eigenen Zwecke nutzten, erkennt Onlinehändler Jeff Bezos früh, dass auch anderen Unternehmen diese Rechenleistung helfen würde – und dass sie sich mit den ständig schneller werdenden Internetverbindungen nach Bedarf vermieten lässt. Vor allem junge Unternehmen können so schnell und flexibel ihr Geschäft hochziehen, ohne in eigene Rechenzentren investieren zu müssen. Und weil jeder, der eine Kreditkarte besitzt, auf den Service zugreifen kann, verkauft Bezos seinen Dienst als „public cloud“: öffentliche Wolke.

Amazon ausgeliefert

Schon der Begriff ärgert Cheriton. „Das ist eine Meisterleistung des Marketings“, echauffiert sich der Professor. Es suggeriere eine Art öffentlichen Park, in dem sich jeder nach Belieben tummeln kann, eine Wohltat für die ganze Gesellschaft. „Tatsächlich ist es eine Jeff-Bezos-Cloud, denn er setzt die Spielregeln.“ Wer einmal einen Fuß in den Park gesetzt habe, könne sich schnell in ihm verirren – und komme nicht wieder heraus. Er verfange sich in „allerlei Services, die wie kleine Widerhaken sind“. Das sei das eigentlich Perfide: Das Versprechen, dass es viel günstiger und besser sei, wenn ein großer Spezialist sich um die IT-Infrastruktur kümmere, sei nicht nur falsch. Es sei gefährlich. Er kenne Start-ups, die zwar anfangs sparen konnten, weil sie keine eigene IT-Infrastruktur aufbauen mussten – aber dafür inzwischen jährlich mehrere Millionen Dollar an Amazon überweisen müssen und wegen fehlender eigener Experten nicht wissen, wie sie das ändern können.

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