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David Weinberger "Wissen entsteht künftig in Netzwerken"

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"Die Anarchie des Wissens können wir jetzt schon beobachten"

Wo das Internet den stärksten Einfluss auf die Gesellschaft hat
Platz 30Tunesien belegt mit 50,68 Prozent den 30. Platz von insgesamt 61 Ländern, die auf den Einfluss des Internets auf die Gesellschaft untersucht wurden. Quelle: dapd
Platz 29Da es sich nicht um eine Rangliste handelt, in der es nur um die Freiheit des Internets und dessen Nutzung geht, landet China mit mit 51,72 an 29. Stelle. Wenig überraschend fällt vor allem der Einfluss des Internets auf die Politik mit 32,27 gering aus. Quelle: REUTERS
Platz 28Kasachstan schafft es mit immerhin 53,46 Prozent auf Platz 28. Quelle: dpa
Platz 27... geht an die Türkei mit einem Wert von 53,7. Besonders gering ist hier der Einfluss des Internets auf die Wirtschaft (45,98). Quelle: dapd
Platz 26In Kolumbien liegt der Wert bei 53,86. Quelle: dpa
Platz 25Die Polen belegen mit 54,84 Prozent Platz 25. Bei unseren europäischen Nachbarn ist vor allem der Einfluss auf die Politik durch das Internet mit einem Wert von 37,55 eher schlecht ausgeprägt. Quelle: dapd
Platz 24Brasilien liegt mit einem Wert von 56,3 auf Platz 24. Quelle: dapd

Was meinen Sie damit konkret?

Ich habe gerade auf Google News einen Artikel über eine Studie zur Traumabehandlung von Kindern gefunden. Wenn Menschen das Thema spannend finden, verbreitet sich die Studie in den nächsten Stunden über E-Mails und Links. Um ihre Aussagen werden sich auf Blogs und in den sozialen Netzwerken Diskussionen entspinnen. Vor 20 Jahren hätte diese Diskussion nur in Fachmagazinen stattgefunden. Jetzt reden alle miteinander: Laien, Forscher, Lehrer und Familienväter. Wer also wissen will, was von dieser Studie zu halten ist, wer sie verstehen will, muss in die Netzwerke schauen. Dort befindet sich das Wissen.

Wenn es mehr zugängliche Daten als jemals zuvor gibt, müsste es doch auch mehr Wissen geben, oder?

Es geht bei der aktuellen Veränderung erst mal nicht um die Menge des Wissens, sondern um seine Natur. Die alte Verteilung des Wissens war eingeschränkt und unmenschlich. Wir sind soziale Geschöpfe, deshalb passt das neue Wissen viel besser zu uns. Richtig ist aber auch, dass es heute viel mehr Daten und damit auch Wissen gibt. Schauen Sie sich an, wie viele Informationen allein die US-Regierung zu Themen wie Gesundheit oder Mobilität ins Netz stellt. Früher wäre das in Aktenbergen verloren gegangen.

Das klingt erst mal alles positiv. Warum sprechen Sie im Buch von einer Krise des Wissens?

Weil es für die meisten Hüter des traditionellen Wissens, also für Forscher, Verleger, Bibliothekare und Journalisten, so aussieht, als würde das Wissen den Barbaren geöffnet - sie empfinden den Umbruch als Krise. Denn es tummeln sich in diesen Netzwerken eben auch Verschwörungstheoretiker und Querulanten, die ganz genau das Gegenteil von etablierten Fakten behaupten.

Wenn die Hüter des Wissens an Einfluss verlieren, brauchen wir dann Journalisten, Forscher oder Lehrer überhaupt noch?

Ja, aber diese Leute sind nicht mehr Hüter oder Türsteher des Wissens, sie werden zu Teilnehmern an der Diskussion. Leute, die sich sehr eingehend mit Dingen beschäftigen, werden wir auch in Zukunft brauchen.

Ansgar Heveling ist nicht allein
CDU-Politiker Ansgar Heveling machte im Januar 2012 von sich reden, als er in einem Gastbeitrag fürs Handelsblatt schrieb, dass die Netzgemeinde den Kampf gegen den Rest der Gesellschaft verlieren werde. Zitat: „Auch die digitale Revolution wird ihre Kinder entlassen. Und das Web 2.0 wird bald Geschichte sein. Es stellt sich nur die Frage, wie viel digitales Blut bis dahin vergossen wird.“ Der Beitrag löste in der Netzgemeinde viel Häme aus, als Reaktion wurde die Webseite des Abgeordneten „gehackt“ – das Passwort zu seiner Datenbank war mit der Kombination aus Vor- und Nachnamen sehr offensichtlich. Quelle: dpa
Nicht wirklich schlimm, aber für das Jahr 2011 zumindest ungewöhnliche Einstellung: Henkel-Chef Kaspar Rorsted liest am Wochenende keine E-Mails. „Nur weil sich irgendjemand irgendwo langweilt, muss ich keine Mails lesen“, sagte er im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Quelle: dapd
2007 machten Kinderreporter unter Politikern eine Umfrage über deren Internetnutzung mit erstaunlichen Ergebnissen. So antwortete die damalige Justizministerin Brigitte Zypries auf die Frage, ob sie denn ein paar Browser nennen können mit der Gegenfrage: „Browser – was sind denn jetzt nochmal Browser?“ Quelle: AP
Ähnlich skurril war der Grünen-Abgeordnete Hans-Christian Ströbele unterwegs. Ob er denn das Internet benutze, fragte ein Kinderreporter 2007. Die Antwort: „Ins Internet bin ich, glaube ich, einmal oder zweimal bisher gegangen.“ Quelle: dapd
Modeschöpfer Karl Lagerfeld: „Telefone sind was fürs Personal“, sagte er 2008. Er sei ein großer Freund der Handschrift. Auch E-Mails und SMS kämen für ihn nicht in Frage. Quelle: dapd
Legendär auch das Zitat des ehemaligen Telekom-Chefs Ron Sommer Anfang der 90er Jahre: „Das Internet ist eine Spielerei für Computerfreaks, wir sehen darin keine Zukunft.“ Kurz darauf stieg sein Konzern mit der Tochter T-Online selbst ins Providergeschäft ein. Quelle: AP
„Das Internet ist nur ein Hype“, sagte Bill Gates 1995. Der Microsoft-Gründer drückte in dem Zitat aus, warum sich der Konzern jahrelang schwer tat, sich digital besser aufzustellen. Quelle: AP

Aber droht nicht eine Art Informationsanarchie, wenn niemand mehr entscheidet, was wichtig ist und was nicht?

Diese Anarchie können wir jetzt schon beobachten. So behaupten Leute im Netz, US-Präsident Barack Obama sei in Kenia geboren, dass der Klimawandel nicht stattfindet oder Impfungen Autismus auslösen. All das entspricht nicht den Tatsachen, dennoch glauben es viele Hunderttausend Menschen. Beim Thema Impfungen gefährdet dieser Irrglaube sogar die Gesundheit. Früher gab es diese Leute auch, aber sie hatten in den Medien keinen Raum. Heute haben sie Einfluss und bestärken sich im Netz gegenseitig in ihren Überzeugungen. Das macht mir tatsächlich Sorgen. Und dennoch: Insgesamt ist die Entwicklung positiv.

Warum ist es positiv, wenn jemand krude Ideen verbreitet?

Weil wir eben jetzt erst sehen, wie eingeschränkt die alte Welt des Wissens war. Es war eine Veranstaltung für die Eliten, heute nehmen wir alle an der Produktion von Wissen teil. Und es ist zugänglicher geworden. Früher musste ich in die Bibliothek gehen und Fachmagazine wälzen, um etwas über den Klimawandel zu erfahren. Heute mache ich das mit meinem Smartphone in der U-Bahn.

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