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David Weinberger "Wissen entsteht künftig in Netzwerken"

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"Die Welt ist einfach zu interessant"

Wo Offliner draufzahlen
Wer kein Netz hat, wartet längerSeit Februar dieses Jahres informiert die Deutsche Bahn ihre Kunden über Verspätungen per E-Mail. Das Angebot wurde zuletzt deutlich ausgeweitet. Reisende ohne Internetanschluss warten dagegen länger. Auch bei der Fluggesellschaften sind Onliner im Vorteil: Fluggäste werden gebeten, bereits zu Hause online einzuchecken, damit es am Flughafen schneller geht. Wer erst am Flughafen einchecken kann, muss länger warten. Beim neuen Spartarif von Air Berlin namens „Just Fly“ zahlen Kunden, die nicht online einchecken, zehn Euro extra. Das Einchecken über Automaten am Flughafen ist bei diesem Tarif nicht möglich. Quelle: dpa
Wer online bucht, spartWer online über ein Vergleichsportal den neuen Stromtarif ordert oder einen Kreditvertrag abschließt, kommt günstiger weg. Zehn Prozent Online-Rabatt bietet beispielsweise O2 seinen Kunden, berichtet der Tagesspiegel. Auch Kreditkartengesellschaften und Telefongesellschaften bevorzugen Onliner. Wer seine Rechnung auf Papier haben möchte, zahlt extra – Standard ist heute nur das Verschicken per E-Mail. Auch Lieferdienste bevorzugen inzwischen häufig Onliner. Spezielle Rabatte gibt es dort inzwischen häufig nur noch bei einer Bestellung über das Internet. Quelle: dpa
Bürgerservice onlineAuch die deutschen Behörden bieten immer mehr Services bequem und rund um die Uhr online an - egal ob eine Auto-Anmeldung, Ummeldung oder die Beantragung eines neuen Personalausweises. Den Onlinern erspart das lange Wartezeiten und Nummern ziehen bei Behördengängen. Quelle: Screenshot
Digitale SpaltungZum Problem wird das für Offliner natürlich dann, sollte das vergrößerte Online-Angebot dazu führen, das klassischer Service eingeschränkt wird. Benachteiligt wären dann vor allem Ältere, Frauen und ärmere Menschen, die überproportional häufig keinen Internet-Anschluss besitzen. Immerhin jeder vierte Deutsche nutzt weder im Beruf noch zu Hause das Internet, so der aktuelle „ (N)onliner Atlas 2012“. Dabei scheint es sich um hartnäckigere Verweigerer zu handeln. Die Zahl der Internet-Nutzer in Deutschland wächst nur noch sehr langsam - und vor allem aufgrund demografischer Effekte. „Egal ob Reisebuchungen, Bankgeschäfte oder Servicestellen – ich sehe es mit Sorge, dass immer mehr Dienstleistungen nur noch online verfügbar sind“, sagte Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) dem Tagesspiegel. „Das Bestreben der Wirtschaft, Personalkosten zu sparen, darf nicht dazu führen, dass Menschen ohne Internetanschluss einfach abgekoppelt werden.“ Quelle: dpa

Führt diese Demokratisierung von Wissen nicht dazu, dass es so etwas wie eine von allen akzeptierte Wahrheit seltener gibt?

Da verwechseln Sie etwas. Es ist ja nicht so, dass es keine wissenschaftlich gesicherten Fakten oder Naturgesetze mehr gibt. Was fehlt, ist die Möglichkeit von oben herab eine einzige Wahrheit festzulegen. Physiker und Klimawissenschaftler wissen immer noch genau, welche Methoden wissenschaftlich zulässig sind und welche Quellen sie nutzen können. Aber klar, was die breite Öffentlichkeit angeht, ist Wissen wilder geworden und schwerer zu kontrollieren.

Wie kann ich als Internet-Nutzer denn herausfinden, welches Wissen vertrauenswürdig ist und welches nicht?

Wir alle müssen in unserem Umgang mit Informationen sehr viel mehr "Meta" werden. Sich das erste Ergebnis bei einer Google-Suche durchzulesen, reicht nicht, um sich Wissen anzueignen. Stattdessen müssen wir Netzwerke finden, deren Teilnehmer von einem Thema mehr Ahnung haben als wir. Das Finden und Sichzurechtfinden in diesen Netzwerken wird in Zukunft extrem wichtig. Wenn wir diese Fähigkeiten entwickeln, dann profitieren wir von der Wissensrevolution.

Aber wenn ich morgens in der U-Bahn sitze und wenig Zeit habe, bin ich froh über vorgefilterte Informationen. Ist das Zeitalter der Netzwerke nicht einfach furchtbar umständlich und zeitraubend?

Das wäre es, wenn das Internet tatsächlich so ungefiltert wäre, wie Sie es beschreiben. Aber die Verlinkungen, die Leute herstellen, sind ja auch Filter. Nehmen Sie eine Zeitung: Der Leser ist nicht in der Lage, die Nachrichten zu finden, die bei dem Redakteur auf dem Schreibtisch lagen, aber nicht publiziert wurden. Das Internet ist besser. Zwar filtert auch die Masse, aber wenn der Leser es will, findet er auch Dinge, die früher bei Zeitungen herausgeflogen wären - ein klarer Fortschritt.

Wie viele Daten wir erzeugen
Riesiges Datenwachstum
iPads
Großstädte
Berge
Mauer
HD-Filme
Tomographie

Dennoch überfordert dieser Fortschritt viele Menschen. Warum sollten wir uns die Mühe machen und uns auf den Wandel einlassen?

Nehmen wir an, dass ich recht habe und die Welt zu kompliziert oder zu groß ist, um sie zu verstehen. In diesem Fall ist ein Medium wie eine Zeitung, das die Größe nicht abbilden kann, weniger wahrhaftig als ein Medium wie das Internet, das diese Größe tatsächlich abbildet. Mit dem Internet hat die Menschheit also erstmals ein Medium, das dem ziemlich vielfältigen Leben auf diesem Planeten gerecht wird. Gleichzeitig führt uns das Internet vor Augen, dass wir tatsächlich nie alles verstehen und wissen werden, was da draußen los ist.

Wahrhaftigkeit ist ja schön und gut. Aber was bringt sie uns, wenn wir vorher in der Informationsflut ertrinken?

Digitale Welt



Ich glaube nicht, dass das passiert. In 15 Jahren haben wir Möglichkeiten und Werkzeuge entwickelt, diese Massen an Informationen zu ordnen, zu filtern und ihnen Sinn zu geben. Es verblüfft mich, wie innovativ wir in dieser kurzen Zeit waren. Was uns die aktuelle Wissensrevolution zeigt ist doch: Es gibt nicht zu viele Informationen auf der Welt, sondern die Welt ist einfach zu interessant.

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