Der Lack ist ab Wieso sich Facebook neu erfinden muss

Facebook ist in seiner bisherigen Form nicht mehr in der Lage, Nutzer wirklich zu begeistern. Für das soziale Netzwerk als Destination dürfte 2013 ungemütlich werden. Doch das Unternehmen hat vorgesorgt.

Facebook scheint schon lange nicht mehr in der Lage, seine Nutzer zu begeistern. Doch der Social-Network-Riese hat für das kommende Jahr vorgesorgt. Quelle: REUTERS

Wann habt ihr das letzte Mal jemanden sich begeistert über Facebook äußern gehört? Wenn es euch geht wie mir, dann erinnert ihr euch schon gar nicht mehr, so lange ist das her. In unzähligen Gesprächen, die ich 2012 mit Freunden, Verwandten, Bekannten, Webkennern und Gründern geführt habe, war der Tenor immer der selbe: Facebook ist mittlerweile eher ein notwendiges Übel, an dem es viel auszusetzen gibt, als ein wirklicher Spaß. Nun darf man Einzelaussagen nicht automatisch zur repräsentativen Meinung einer breiten Masse machen. Doch eine Statistik aus dem Sommer, nach der US-Nutzer von allen Social-Web-Portalen besonders Facebook gegenüber Unzufriedenheit signalisierten, die Tatsache, dass die Kernfunktionalität des sozialen Netzwerks mittlerweile viele Jahre nahezu unverändert besteht, sowie die verstärkte Präsenz von Werbung legen die Vermutung nahe, dass trotz der nach wie vor hohen Aktivität die positive Gesinnung gegenüber Facebook wirklich stark am abnehmen ist.

Über diese Themen haben die Deutschen 2012 diskutiert
Platz 10Die amerikanische Filmkomödie des Family-Guy-Erfinders Seth MacFarlane vom lebenden Teddy-Bären und seinen skurrilen Abenteuern war im Sommer ein großer Erfolg. Quelle: REUTERS
Platz 9Der Rapper Cro ist wohl der Newcomer des Jahres. Erst am Nikolaustag wurde ihm der Radio-Award 1Live Krone in Bochum verliehen. Auch auf Facebook war er eines der Topthemen des Jahres. Quelle: dpa
Platz 8Der portugiesische Profi-Fußballer Cristiano Ronaldo ist im Rahmen der Fußball-EM im Sommer wieder ein häufiges Gesprächsthema gewesen. Quelle: REUTERS
Platz 6Auch über den FC Bayern München wurde kräftig diskutiert. Quelle: dpa
Platz 7Die Zeiten in denen heftig über Musiker, Moderator und Provokateur Dieter Bohlen diskutiert wurde, sind eindeutig vorbei. Auch seine RTL-Sendung "Deutschland sucht den Superstar" hat schon bessere Zeiten erlebt. Allerdings wurde in diesem Jahr viel über den Zweitplatzierten Daniele Negroni gesprochen. Quelle: dpa
Platz 5Auch über den Chelsea Football Club wurde viel diskutiert. Quelle: dapd
Platz 4Die französische Komödie "Ziemlich beste Freunde" hat nicht nur die Besucher in die Kinos gezogen. Sie war auch auf Facebook in aller Munde. Quelle: dpa
Platz 2Die Band Deichkind und ihr Song "Leider geil", der sich inzwischen zu einem geflügelte Wort entwickelt hat Quelle: dpa
Platz 2Berlin - Tag&Nacht - die Anekdoten der Berliner-WG waren in aller Munde. Quelle: Screenshot
Platz 1Der Fußballverein und amtierende Deutsche Meister Borussia Dortmund Quelle: dpa

Ich glaube, 2012 war der Höhepunkt des Facebook, so wie wir es heute kennen. Sollte sich das kalifornische Unternehmen im Laufe des nächsten Jahres nicht radikal verändern, dann droht ihm in seiner Rolle als Social-Network-Destination ein signifikanter Einbruch bei den Zahlen aktiver Nutzer und bei der Aufenthaltsdauer. Trotz aller Netzwerk- und Lock-In-Effekte. Denn Alternativen gibt es, besonders im für die Zukunft wichtigsten Segment des mobilen Internets.

Eine radikale Veränderung kann mit einem ganz grundlegenden Redesign, einer dramatischen Simplifizierung, einer beispiellosen Modifikation von Kernfunktionalität sowie einem Strategieschwenk beim Geschäftsmodell einhergehen. Sie dürfte massive Nutzerproteste zur Folge haben. Denn Durchschnittsuser fürchten etwas noch mehr als Langeweile: Wenn sie ihrer gewohnten Umgebung entrissen werden. Zumindest glauben sie das, bis sie sich an eine neue Oberfläche und Funktionalität gewöhnt haben und erkennen, dass diese eigentlich viel besser ist als ihr Vorgänger.

Ich bin mir nicht sicher, ob Facebook zu einem derartigen Schritt in der Lage ist. Die Druck, der seit dem Börsengang auf der Firma lastet, die Profitabilität möglichst schnell zu steigern, macht einen wie oben beschriebenen risikoreichen Vorstoß noch folgenschwerer, sollte er daneben gehen. Und eine Milliarde im schlimmsten Fall unzufriedene, aber wenigstens noch aktive Nutzer aufs Spiel zu setzen, gleicht einem Himmelsfahrtskommando. Doch sofern Facebooks interne Metriken und Daten zur Aktivität und Nutzung – von denen es haufenweise haben wird – einen solchen Rückgang prognostizieren, wie ich ihn kommen sehe, wird Mark Zuckerberg sich trotz aller zu erwartenden Widerstände zum Handeln gezwungen sehen. Und niemandem traue ich mehr zu, sich in einer solchen Situation zu einer Flucht nach vorne zu entscheiden, anstatt Flickschusterei am Status Quo zu betreiben. Die Frage ist eher, ob er dazu die interne Unterstützung bekäme.

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