Deutschland Warum die Cloud nicht in die Gänge kommt

Deutsche Kunden der US-Cloud-Anbieter sind verunsichert. Die Zeiten, in denen das Geschäft mit Software aus dem Netz reibungslos lief, sind vorbei: Niemand will riskieren, für Datenlecks haftbar gemacht zu werden.

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Vor wenigen Wochen gab sich Martina Koederitz noch optimistisch, als es um die Datensicherheit beim Cloud Computing ging, also bei gemieteter Software aus dem Internet. „IBM ist eine sichere Marke, darauf bauen wir auch im Cloud-Geschäft“, beteuerte die Deutschlandchefin des amerikanischen Computerkonzerns auf der IT-Messe Cebit Mitte März.

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Musik-StreamingAuch wer Musik-Streaming-Dienste wie Spotify, Napster oder Apple Music nutzt, befindet sich in der Cloud. Bei all diesen Streaming-Diensten werden Millionen Musik-Titel auf Servern gelagert, auf die der Nutzer von seinem Endgerät aus zugreift. Dafür muss er entweder ein monatliches Entgelt bezahlen oder die kostenlosen Alternativangebote nutzen. Bei Spotify kann der Nutzer zum Beispiel die Gebühren einsparen, wenn er bereit ist, zwischendurch von Werbung beschallt zu werden. Quelle: dpa
Serien-StreamingFilme und Serien werden ebenfalls immer öfter über das Netz angesehen. Anbieter wie Netflix, Sky Go, Watchever, Amazone Prime und Maxdome erlauben den Zugriff auf tausende Filme und Serien. Auch hier zahlen Nutzer eine monatliche Gebühr und können dafür so viel schauen, wie sie möchten. Quelle: dpa

Acht Wochen später ist die Offenherzigkeit verflogen. Nachfragen, wie es IBM mit dem rechtlich umstrittenen Transfer deutscher Daten zur Verarbeitung in die USA halte, beantwortet die Landeszentrale im schwäbischen Ehningen plötzlich ablehnend und kryptisch: „Wir sind diesmal hier nicht dabei und lassen die Anfrage aus.“ Die Konzernzentrale in Armonk im US-Bundesstaat New York hat IBM in Germany einen Maulkorb verpasst, heißt es hinter vorgehaltener Hand aus dem Unternehmen.

Die deutschen Kunden der US-Anbieter von Cloud Computing sind verunsichert – und darauf müssen IBM, Salesforce oder Microsoft reagieren. Vorbei sind die Zeiten, in denen das Geschäft mit Software aus dem Internet in Europa problemlos funktionierte. Statt dem Trend zu folgen, zögern deutsche Unternehmen mit der Umstellung fest installierter Computerprogramme auf Mietsoftware aus dem Netz. Viele stellen neue Ansprüche. Laut einer Studie des US-IT-Dienstleisters CSC hat bereits jedes dritte Unternehmen in Deutschland schon juristischen Rat eingeholt, ob der Cloud-Service des ausgewählten US-Anbieters in Einklang mit den aktuellen rechtlichen Bestimmungen steht. Niemand will riskieren, am Ende von eigenen Kunden für Datenlecks haftbar gemacht zu werden.

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Schutz vor amerikanischen Schnüfflern

Deutsche Unternehmen sind per Gesetz verpflichtet, Daten ihrer Kunden zu schützen. Beim Cloud Computing gehen Daten oftmals zur Verarbeitung von Europa außer Landes – etwa zu einem US-Anbieter. Details dieses länderübergreifenden Datenverkehrs regelte bisher das Abkommen Safe Harbor („Sicherer Hafen“) zwischen EU-Kommission und US-Regierung. Doch im Herbst 2015 hatte der Europäische Gerichtshof (EuGH) das Abkommen gekippt – wegen Bedenken über den US-Datenschutz.

Daraufhin gab es im Februar dieses Jahres ein neues Abkommen namens Privacy Shield („Schutz der Privatsphäre“). Es enthält eine Reihe von Zusicherungen der US-Regierung zum Schutz personenbezogener Daten. So können EU-Bürger bei Datenpannen in den USA klagen. Doch auch Privacy Shield ist, weil bei EU-Datenschützern umstritten, bis heute nicht in Kraft getreten.

Nach Snowden ist alles anders

Die Unsicherheit trifft die Cloud-Computing-Anbieter in einer Phase fulminanten Wachstums. Laut Prognose des IT-Marktforschers IDC sollen sich die Umsätze der Branche bis Ende 2019 gegenüber 2015 auf 140 Milliarden Dollar verdoppeln – ein Plus von 20 Prozent pro Jahr. Damit wächst das Cloud-Geschäft fast sechsmal so schnell wie die IT-Branche insgesamt.

Dabei war es bis vor wenigen Monaten nebensächlich, wo die dazu notwendigen Rechenzentren betrieben werden. Doch durch die Enthüllungen über den US-Geheimdienst NSA durch dessen Mitarbeiter Edward Snowden 2013, gefolgt von dem Urteil des EuGH, hat sich das grundlegend geändert. Seitdem ist die Frage, ob die Daten vor dem Zugriff Unbefugter sicher sind, vor allem für die US-IT-Riesen ausschlaggebend für den Geschäftserfolg in Europa.

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