WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Die neue Welt des Mobilfunks Europäische Netzbetreiber müssen nachrüsten

Die Zeit drängt in Europa: Immer mehr Menschen leisten sich ein Smartphone - und das bringt die teilweise altersschwachen Mobilfunknetze an ihre Grenzen. Noch zögern allerdings viele Betreiber, denn die Erträge leiden unter den günstigen Daten-Flatrates.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Hans Vestberg: Der Ericsson-Chef hofft, dass europäische Netzbetreiber bald die Aufholjagd starten. Quelle: Reuters

STOCKHOLM. Mit prall gefüllter Geldbörse sind die Telekomkonzerne zur Jahrtausendwende in das Geschäft mit mobilen Datendiensten eingestiegen. Milliarden gaben sie für den Erwerb der Mobilfunkfrequenzen aus, allein in Deutschland waren es 50 Milliarden Euro. Viel Geld floss dann in den Aufbau der Netze. Die aber blieben ungenutzt, sehr zum Missfallen der Manager etwa bei der Deutschen Telekom oder Vodafone. Die schnelle, neue Mobilfunkwelt drohte ein Flop zu werden.

Wurde sie aber nicht: Mit der Ausbreitung von Blackberry, iPhone und anderen Smartphones boomt das Geschäft derart, dass die Netze schon heute in manchen Stunden verstopft sind. Marktforscher erwarten, dass der Datenverkehr in den kommenden Jahren massiv zunehmen wird.

Einer, der diese Entwicklung mit Wohlgefallen betrachtet, ist Hans Vestberg. Wenn heute in Barcelona die größte Branchenmesse der Welt, die Mobile World, startet, wird der Chef der schwedischen Ericsson mit den Managern von Nokia Siemens Networks (NSN), Alcatel-Lucent sowie den chinesischen Huawei und ZTE um Milliardenaufträge von den Netzbetreibern kämpfen.

Die Mobilfunkanbieter müssen nachrüsten: "Steigt der Datenverkehr, müssen die Betreiber reagieren", sagt Vestberg dem Handelsblatt. Ericsson hofft als Branchenprimus auf einen Investitionsschub bei den Netzbetreibern. Denn viele Netze sind alt und müssen wegen des gestiegenen Datenverkehrs nachgerüstet oder modernisiert werden.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    In Europa ist der Erneuerungsbedarf am größten, denn hier gibt es die meisten alten Mobilfunknetze. Europa war Vorreiter beim Ausbau des Mobilfunks, die ältesten GSM-Netze wurden vor 20 Jahren gebaut. Und selbst die ersten UMTS-Netze sind zehn Jahre alt. "Es gibt rund fünf Millionen Basisstationen weltweit, und eine Million von ihnen muss demnächst erneuert werden. Viele dieser Stationen stehen in Europa", sagt Vestberg. Die Zeit drängt, da die Preise für die digitalen Alleskönner im Taschenformat sinken. "Immer mehr Menschen werden sich ein Smartphone leisten können, und das wird sich im Datenverkehr widerspiegeln."

    150 Milliarden Euro Investitionen nötig

    Nach Schätzungen von Marktforschern wird sich das Investitionsvolumen in den kommenden sechs Jahren auf bis zu 150 Milliarden Euro belaufen. Noch aber zögern viele Netzbetreiber. Sie stecken in einem Dilemma: Denn Flatrates beim Datenverkehr, die Deckelung der Roaminggebühren bei grenzüberschreitendem Mobilfunkverkehr und Internet-Telefonie, die mit den meisten Smartphones zu niedrigen Preisen möglich ist, belasten die Erträge der Netzbetreiber - und damit deren Investitionswillen.

    Vestberg ist dennoch zuversichtlich. "Die Verbraucher werden Druck ausüben. Das ist ja auch in Nordamerika passiert, wo die Netze schnell ausgebaut werden mussten, nachdem das iPhone kam. Aber so weit sind wir noch nicht in Europa", sagt er.

    Der Erfolg der Tablet-PC wie Apples iPad wird diese Entwicklung jetzt beschleunigen, glaubt er. "Alles, was sinnvoll zu vernetzen ist, wird auch vernetzt. Deshalb gehen wir davon aus, dass es 2020 rund 50 Milliarden vernetzter Geräte weltweit gibt." Schon 2015 würden vier Milliarden Menschen mobiles Breitband nutzen. Vestberg gibt unumwunden zu, dass man die Dynamik der Branche unterschätzt habe. Heute gebe es weltweit mehr als 5,3 Milliarden Mobilfunkabonnements. 600 Millionen Menschen hätten mobiles Breitband, eine Milliarde Menschen ein Festnetztelefon. "Es dauerte 100 Jahre, um diese eine Milliarde zu erreichen, aber nur 20 Jahre, um mehr als fünf Milliarden Mobilfunkabonnements abzuschließen", sagt er.

    Der Branchenprimus mit einem Marktanteil von rund 38 Prozent hat in den vergangenen Jahren unter der starken Konkurrenz und dem damit verbundenen Druck auf die Preise gelitten. Die chinesischen Netzausrüster Huawei und ZTE haben mit Niedrigpreisen lukrative Aufträge ergattert. Von Dumpingpreisen will Vestberg nicht sprechen. Er ist diplomatisch, immerhin zählt China zu den wichtigsten Märkten von Ericsson. "Wir konzentrieren uns darauf, die technologische Marktführerschaft zu behalten." Jährlich investieren die Schweden mehr als drei Milliarden Euro in Forschung.

    Größere Zukäufe plant der Ericsson-Chef nicht. "Wir glauben sehr stark an organisches Wachstum", sagt Vestberg. Ausnahmen gibt es aber. So schnappte Ericsson seinem größten Konkurrenten NSN die Mobilfunksparte des kanadischen Netzausrüsters Nortel für 1,1 Milliarden Dollar vor der Nase weg. "Der Kauf war notwendig, um stärker unsere Führungsposition durch Wachstum in Nordamerika und Südkorea ausbauen zu können." Nordamerika hat nach seiner Meinung die Führung im Mobilfunk übernommen. "Alle erfolgreichen Geräte kommen von dort. Sie haben die Cloud-Dienste entwickelt und investieren am meisten in ihre Netze." Jetzt hofft er, dass Europa schnell nachzieht.

    Hans Vestberg

    Manager Hans Vestberg (45) übernahm Anfang vergangenen Jahres die Nachfolge von Carl Henric Svanberg als Chef des Telekom-Ausrüsters Ericsson. An der Universität in Uppsala studierte er Business Administration. Bei Ericsson begann der begeisterte Handballer 1991 und war unter anderem Chef der Ericsson-Tochter in Mexiko, Finanzchef in Nordamerika und Brasilien.

    Unternehmen Ericsson liefert Mobilfunk- und Festnetze. Der Konzern ist Weltmarktführer bei den Mobilfunknetzen. Außerdem bietet das Unternehmen den Netzbetreibern Service, Wartung und Management der Netze an. 2010 setzte Ericsson 203,3 Milliarden Kronen (23,2 Milliarden Euro) um und erzielte einen Vorsteuergewinn von 23,1 Milliarden Kronen. Ericsson ist zu 50 Prozent an dem Handy-Joint Venture Sony-Ericsson beteiligt.

    Messe Vestberg ist derzeit auf dem Mobile World Congress, der weltweit größten Mobilfunkmesse, die heute in Barcelona beginnt und bis Donnerstag dauert. Über 1 300 Unternehmen - von Samsung über die Deutsche Telekom bis IBM stellen dort neue Angebote vor.

    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%