Die Woche im Netz

Die wahren Gründe für das Aus des Google-Readers

Einmal in der Woche blicken wir zurück - auf Phänomene, Hypes und wichtige Entwicklungen im Internet. Worüber es sich nachzudenken lohnt. Diesmal: der Google Reader.

Screenshot der Google-Reader-Seite Quelle: Screenshot

Der große Schock kommt am Donnerstagmorgen. Bei Twitter steht es schwarz auf weiß: Google macht den Reader dicht. Es ist der beliebteste RSS-Reader, gerade Newsjunkies nutzen ihn gerne, um viele unterschiedliche Quellen zu verfolgen. In einem RSS-Reader wird automatisch angezeigt, wenn auf einer Seite etwas Neues veröffentlicht wurde - wer viel liest, hat es leichter. Die dahinterliegende Reader-API werde ebenfalls abgeschaltet - unzählige Applikationen wie die Reeder-App sowie zahlreiche Dienste und Webseiten nutzen diese. Sie haben nun noch ein paar Monate Zeit, eine andere technische Lösung zu finden. Oder dicht zu machen. Zum 1. Juli soll Schluss mit dem Google-Reader sein.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Google einen - so nennen sie es im Firmenblog - Frühjahrsputz macht. Bereits im September 2011 gab es den herbstlichen Frühjahrsputz, bei dem damals beispielsweise die Weiterentwicklung von Google Desktop dran glauben musste. Diesmal also ein Vorfrühlings-Frühjahrsputz. Mit einem Paukenschlag.

Als Grund für das Aus gibt Google im Blog an, die Zahl der Nutzer sei in den vergangenen Jahren gesunken. In Zeiten von Twitter, Facebook und Co. mag man das auch glauben. Allerdings gibt Google selbst zu, dass das Produkt eine loyalen Kundenkreis habe. Und auch einen Kundenkreis, der nun aufschreit.

Eine Vielzahl von Journalisten und Bloggern nutzen den Google Reader, um sich auf dem Laufenden zu halten - man kann mit Fug und Recht behaupten, dass es sich bei der Nutzerschaft um Multiplikatoren handelt. Multiplikatoren, die ihren Protest in mindestens 350.000 Tweets zum Ausdruck gebracht haben. Denn laut Analysedienst Topsy kamen am Donnerstag allein mit dem Stichwort "googlereader" so viele Kurznachrichten zusammen.

Warum also geht Google das Risiko eines solchen Proteststurms ein und vergrault loyale Nutzer - Heise-Redakteur Jörg Wirtgen droht beispielsweise, sich komplett von Google-Produkten trennen?

Dinge, die Google lieber geheim halten will
Google hat den Tablet-Markt verschlafenGoogles erster eigener Tablet-PC, das Nexus 7 (Foto), kam erst diesen Juli auf dem Markt. Damit schiebt sich Google in ein Terrain, auf dem sich schon einige Platzhirsche drängeln: Apple, Samsung, Amazon. Google wird es schwer haben, sich als Neuling unter diesen etablierten Anbietern  zu behaupten. Quelle: dpa
Google verschleiert seine DatensammeleiGoogle besitzt zwar eine Datenschutzrichtlinie, diese wird jedoch von der Europäischen Union bemängelt. Danach fehlen wichtige Informationen und eindeutige Formulierungen. So steht in der Datenschutzrichtlinie nicht deutlich, was das Unternehmen mit den Infos der User macht. Außerdem informiert Google nicht darüber, wie lange es bestimmte Informationen, wie Aufenthaltsorte, speichert. Quelle: dapd
Bei der Android-Vielfalt verzichten Hersteller auf UpdatesDas Google-Betriebssystem Android für Smartphones und Tablet-PCs gibt es für hunderte verschiedene Modelle. Das wirkt sich negativ auf das Update-Verhalten der Hersteller von Endgeräten aus. Seit der Android-Einführung 2008 gab es zehn verschiedene Updates. Diese müssen die Hersteller auf jedes ihrer einzelnen Smartphone- und Tablet-Modelle anpassen. Das ist aufwendig, wodurch die neuen Versionen meist unter den Tisch fallen lassen werden. Derzeit ist Android 2.3 von Dezember 2010 immer noch die am meisten verbreitetste Version. Quelle: dapd
Der Aufwand ist zu groß, unerwünschte Suchergebnisse zu löschenEs kommt vor, dass Menschen bei Google etwas über sich persönlich finden, was sie dort nicht gerne sehen. Dagegen etwas zu unternehmen, ist schwierig. Die Suchergebnisse basieren auf berechneten Algorithmen. Je öfter etwas im Internet erwähnt wird, desto eher findet man es bei Google. Es ist sehr aufwendig, etwas aus den Google-Ergebnissen zu löschen und meist mit rechtlichen Schritten verbunden. Dabei muss vor allem erst der Text, das Bild oder das Video von dem Server gelöscht werden, auf den die Information gespielt wurde. Dann kann es noch bis zu neun Monate dauern, ehe die Info auch aus der Google-Suche verschwindet. Quelle: dpa
Apple-Maps könnte Google bald einholenApple hat sich entschieden beim neuen iPhone 5 (Foto) auf die vorinstallierte Google-Maps-App zu verzichten. Stattdessen findet sich auf dem Handy ein eigenes Kartenprogramm. Die weist im Vergleich zu Google Maps war einige Schwächen auf, doch Experten sind sich sicher, dass Apple bald nachlegen wird – und Google so einholen oder gar überholen könnte. Quelle: REUTERS
Die Arbeit der Google-AngestelltenVolleyballplatz, Bowlingbahn, Gemüsegarten – das Google-Hauptquartier bietet zahlreiche Annehmlichkeiten. Mit ähnlichen Dingen warten auch manche europäische Zweigstellen auf. Experten werfen dem Unternehmen vor, so Mitarbeiter länger an ihrem Arbeitsplatz halten zu wollen und zu Überstunden zu bewegen. Quelle: dapd
Google steht beim Online-Shopping hinten anGoogle ist bei Online-Shoppern nicht die erste Wahl. Laut einer Studie von Forrester Research hat fast ein Drittel der Konsumenten bei ihrem letzten Online-Einkauf als erste Adresse Amazon (Foto) angesteuert. Bei Google waren es gerade mal 13 Prozent. Quelle: dpa
Google Books kann sich nicht durchsetzenVor allem im Bereich Bücher kann sich Google nicht gegen Amazon durchsetzen. Google Books ist 2010 gestartet und konnte sich seitdem kaum Marktanteile sichern. Am beliebteste ist Amazon, das schon vor 20 Jahren als digitaler Buchladen anfing. Quelle: dpa
Android ist beliebtes Ziel für VirenStudien zeigen, dass Viren auf Android-Geräten häufiger vorkommen. Grund dafür ist etwa die Masse an Apps, die existiert. Darunter mischen sich schädliche Anwendungen von Hackern, sogenannte Malware. Google reagierte darauf mit dem Programm „Bouncer“, das Programme vor ihrem Download auf ihre Sicherheit untersucht. Quelle: dpa
Google Wallet wird noch nicht angenommenVor einem Jahr startete Google Wallet. Mit dieser App exklusiv für Android-Geräte können Menschen mobil bezahlen. Von den Nutzern wird sie jedoch kaum in Anspruch genommen. Ein möglicher Grund: Bisher wird Google Wallets erst von 25 US-amerikanischen Händlern unterstützt. Quelle: dpa

Die Gründe:

1. Der Google Reader war schon seit langem auf der Abschussliste.

Bei Quora schreibt der ehemalige Reader-Produktmanager Brian Shih, dass die Entwickler seit 2008 mehrfach zu anderen Produkten abgezogen werden sollten: Opensocial, Buzz, Google+. Laut Shih wurden die Reader-Entwickler als die einzigen angesehen, die "social" wirklich konnten.

Kurz nach dem Start von Google+ wurden im Reader-Blog im Oktober 2011 die letzten großen Veränderungen verkündet: ein neuer Look, aber eben auch das Verschwinden wichtiger Funktionen. Diese Veränderungen machten deutlich: Google setzt von nun an alles auf sein gerade neu gestartetes soziales Netzwerk Google+. Und riskiert dafür auch den Verlust einer treuen Nutzerschaft - und einem kleinen sozialen Netzwerk, das ausnahmsweise mal funktionierte. Die Rechnung ging nicht auf: Statt ihre Inhalte nicht mehr im Reader sondern auf Google+ zu teilen, teilten die Nutzer gar nicht mehr bei Google.

Auch der Reader-Erfinder Chris Wetherell sah das Ende des Readers lange voraus:  "Als sie das Teilen durch den +1-Button ersetzten, war klar, das der letzte Tag kommen würde", sagt er gegenüber Gigaom.

  • 1
  • 2
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%