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Die Woche im Netz

Die Zeiten des freien Internets sind vorbei

Einmal in der Woche blicken wir zurück - auf Phänomene, Hypes und wichtige Entwicklungen im Internet. Worüber es sich nachzudenken lohnt. Diesmal: die Macht der großen Vier.

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Zensur im Netz
Muy interesante Quelle: Screenshot
Emma mit nackten Brüsten Quelle: Screenshot
Prüde Fotoregeln Quelle: Screenshot
Anstößiger StinkefingerDer Stinkefinger von Stefan Effenberg ist mittlerweile legendär, doch wenn ein Nutzer ein Bild von sich mit einem ausgestreckten Mittelfinger bei Google + hochlädt, protestiert die US-Suchmaschine. MG Siegler ist das so passiert. Sein Profilbild wurde von Google gelöschte, allerdings ohne eine Begründuhg. Darauf hin hat der Blogger das Foto erneut hochgeladen, auf seiner eigenen Webseite berichtet der Amerikaner von der Reaktion des US-Konzerns. In einer E-Mail habe ein Google-Mitarbeiter erklärt, dass es sich dabei um einen Inhalt mit "anstößigem Inhalt" handele. Nun ziert das Profil von MG Siegler das selbe Foto, das er jedoch mit einem Google+-Logo so verändert hat, dass der Mittelfinger nur noch zur Hälfte sichtbar ist. Quelle: Screenshot
Papiertüte über dem Kopf Quelle: Screenshot
Süßigkeiten statt Drogen Quelle: Screenshot
Me so holy Quelle: Screenshot

Sicherlich gibt es Menschen in Deutschland, die noch bekannter sind als Jürgen Domian. Dennoch hat die Empörung des 56-Jährigen über das soziale Netzwerk Facebook die Gemüter des Internets bewegt. Ausgerechnet auf der Facebookseite des WDR-Talkers verschwanden Einträge. Und zwar nicht etwa anzügliche, volksverhetzende oder anderweitig extreme, Domian hatte sich nur mit folgenden Worten zum Papst geäußert: "Manche Menschen wachsen mit und in ihrem Amt. Und so werden wir uns vielleicht noch über Franziskus wundern. Hoffen wir es! Geben wir ihm eine Chance! In einem halben, spätestens einem Jahr wissen wir mehr."

Der Aufschrei war groß. "Zensur" hieß es allerorts. Und das ist nicht das erste Mal, dass Facebook mit solchen Vorwürfen in Berührung kommt. Mal verschwanden Fotos, weil sie vermeintlich ein paar Brüste zeigten, mal ein Titelbild des Feministinnenblattes "Emma", mal ein Aktfoto aus den 1940ern, das ein Museum als Titelbild ausgewählt hatte.

Klar: Was der Volksmund sofort als "Zensur" bezeichnet, ist natürlich keine. Zensur ist, wenn der Staat verbietet, bestimmte Ansichten und Meinungen öffentlich zu äußern. Doch hier agieren Unternehmen. Unternehmen, die Regeln definieren, wie man sich bei ihnen zu verhalten habe und im Falle eines Eingriffs durch eine Löschung von ihrem Hausrecht Gebrauch machen.

Und Facebook ist kein Einzelfall. Apple diktiert bei iTunes nicht nur die Preise, zu denen Applikationen auf iPhone und Co. heruntergeladen werden dürfen, es definiert auch die Inhalte: Die Applikation des Sterns wurde 2009 zeitweise aus dem Download-Shop verbannt, weil dort freizügige Bilder zu finden waren; Und erst Anfang März machten Meldungen die Runde, Apple würde auch in der iCloud versendete Mails mit fragwürdigen Inhalten nicht zustellen.

In der Türkei sperrt Google rund 60 Prozent aller YouTube-Videos und Suchergebnisse bei Google sind längst nicht mehr neutral, sondern - positiv formuliert - im besten Falle auf die eigenen Interessen abgestimmt und auch Amazon hat schon einmal vorsorglich aus unterschiedlichsten Gründen Produkte oder Rezensionen entfernt. Ein Geschmäckle blieb auch, als Amazon vor einigen Jahren die Geschäftsbeziehungen zu Wikileaks beendete - natürlich nicht auf Druck der Regierung, sondern weil es mit dem Hosten geheimer Depeschen gegen die Geschäftsbedingungen verstoßen hatte. 

User stärken die großen Vier

Welche sozialen Netzwerke wirklich genutzt werden
So lange werden soziale Netzwerke wirklich genutztGoogle+ - Mit allen Mitteln versucht Google sein soziales Netzwerk zum Erfolg zu bringen. Vor allem die Verknüpfung mit den eigenen Diensten wie Google Mail oder Youtube soll Google+ helfen. Seit dem Start haben sich auch immerhin 90 Millionen Nutzer registriert, allerdings bleibt es oft auch dabei. Nach einer Erhebung der US-Marktforscher Comscore haben sich die Nutzer seit September im Schnitt nur drei Minuten pro Monat bei Google+ aufgehalten. Das „Wall Street Journal“ schreibt daher schon von einer „virtuellen Geisterstadt“. Quelle: dapd
Myspace - Selbst das schon oft totgesagte MySpace wird intensiver genutzt – mit acht Minuten sogar fast drei Mal solange wie Google+.
LinkedIn - 17 Minuten pro Monat halten sich die Nutzer des Online-Karrierenetzwerks LinkedIn auf der Seite auf. Für den deutschen Wettbewerber Xing lagen keine Daten vor. Quelle: REUTERS
Twitter - Mit 21 Minuten nur knapp davor liegt der Kurznachrichtendienst Twitter. Allerdings erfasst Comscore nur Besucher der Twitter-Website, gerade die intensiven Nutzer greifen jedoch gern auf spezielle Zusatzprogramme wie Tweetdeck zurück, so dass die echte Zahl höher liegt. Auch die mobilen Zugriffe wurden nicht erhoben, was jedoch alle Netzwerke betrifft. Quelle: dpa
Pinterest - Erstaunlich ist, dass sich zwei relative junge Netzwerke ganz vorn platzieren konnten. So gelang Pinterest mit 89 Minuten der Sprung aufs Treppchen. Auf der Seite können Nutzer Bilder und Netzfundstücke teilen. P interest ist derzeit eine der angesagtesten und am schnellsten wachsenden Seiten überhaupt.
Tumblr - Ebenso lange wie Pinterest wird Tumblr genutzt. Der Dienst bietet ist eine besonders schnelle und einfache Art des Bloggens. Auch bei Tumblr werden oft besondere Fotos geteilt – Musikstar Beyonce Knowles veröffentlichte beispielsweise exklusiv Fotos ihres Babys Blue Ivy Carter auf einer eigenen Tumblr-Seite. Beliebt sind auch die „Looking at Things“-Reihen, beispielsweise von Kim Jong-Il oder Christian Wulff.
Facebook - Mit riesigem Abstand steht Facebook an der Spitze: 405 Minuten halten sich die Nutzer im Schnitt jeden Monat in dm Netzwerk auf.     Quelle: dapd

So traurig es klingen mag: Die Zeiten, in denen das Internet einmal ein Ort der Freiheit, eine offene Plattform war, sind vorbei. Und daran sind wir selber Schuld. Die großen Vier beherrschen mittlerweile weite Teile des Internets. Facebook zählt inzwischen eine Milliarde Mitglieder - das sind zwölfmal so viele wie Deutschland Einwohner hat. Und allein Googles Videoplattform YouTube erhält pro Minute 60 Stunden an neuem Videomaterial, wer online ist, verbringt einen Großteil seiner Zeit bei einem der großen Vier. Was bedeutet: Wer dort surft, ordnet sich automatisch den dort propagierten Moralvorstellungen unter. Oder wird untergeordnet, wie der Fall Domian zeigt, auch wenn das offenbar nur aus Versehen geschehen ist. 

Diese Netzwerke sind am bekanntesten
Das Netzwerk Facebook kennen 96 Prozent der Deutschen. Quelle: REUTERS
Das Video-Portal Youtube ist 87 Prozent der Deutschen ein Begriff. Quelle: dapd
Den Kurznachrichtendienst Twitter kennen immerhin 80 Prozent der Deutschen, gefolgt von Werkenntwen.de (72 Prozent) und Stayfriends (71 Prozent). Quelle: dpa
Einst waren die VZ-Netze deutlich bekannter als Facebook. Heute liegt das StudiVZ bei 69 Prozent, das SchülerVZ bei 68 Prozent und MeinVZ bei 58 Prozent. Quelle: dpa
MySpace ist 58 Prozent der Deutschen ein Begriff. Quelle: dpa
62 Prozent der Deutschen kennen laut Umfrage MyVideo. Quelle: dpa
Das Karriere-Netzwerk Xing kennen 56 Prozent der Deutschen. Damit liegt das Portal nur knapp hinter Lokalisten.de (55 Prozent). Quelle: dpa

Mit dem Vertrauen, das wir in die Konzerne stecken, befeuern wir diese Entwicklung. Weil alles so schön praktisch ist, schenken wir den Plattformen mit jedem Klick, jedem Like, Share oder Einkauf neue Daten, die sie noch unentbehrlicher machen - ein Teufelskreis.

Natürlich kann man Unternehmen nicht vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Aber entsteht durch die Marktmacht, die die großen Vier mittlerweile haben, nicht auch eine Art von Verantwortung? 

In Arbeit
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Daran geknüpft ergeben sich Fragen, die - je länger man darüber nachdenkt - immer größer werden. Werden wir in Zukunft noch Meinungen finden, die nicht unserer eigenen entsprechen? Bücher lesen, die nicht auf das Leseverhalten vieler hin optimiert wurden, weil zu viele Menschen bestimmte Seiten übersprungen haben? Werden sich radikale Ideen noch durchsetzen können, die nicht von den Big Four gesetzt sind? Welche Auswirkungen hat dies auf unser gesellschaftliches Leben, Wissenschaft, Politik? Ist das eigentlich alles noch Demokratie?

Darüber sollten wir zumindest einmal nachdenken. Und bald mal handeln. 

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