WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen
Die Woche im Netz

Facebooks Kampfansage an Google heißt "Home"

Einmal in der Woche blicken wir zurück - auf Phänomene, Hypes und wichtige Entwicklungen im Internet. Worüber es sich nachzudenken lohnt. Diesmal: Facebooks Angriff auf Google.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Am Donnerstagabend zeigte Facebook sein neuestes Baby: "Home". Home ist ein Applikation, die sich ab dem 12. April erst einmal auf ausgewählten Android-Smartphones installieren lässt und die sich wie eine Zwischenschicht auf das Handy setzt. Denn auf dem Startbildschirm eines jeden Android-Handy erscheint dann Facebook. Die Statusmeldungen der Facebook-Freunde, Fotos und Direktnachrichten poppen sofort auf, auch Facebooks Sprachdienst "Voice" ist integriert. Wer eine andere App nutzen will, kann das natürlich noch tun, doch die erste Anlaufstelle auf dem Smartphone soll Facebook sein.

Das allgemeine Feedback ist gut bis euphorisch. Das zeigte auch die Reaktion auf dem Aktienmarkt - das Papier legte am Donnerstag um mehr drei Prozent zu. Peter Corbett von der Marktforschungsfirma iStrategyLabs kommentierte gegenüber dem Handelsblatt: "Das ist eine richtig große Geschichte für Facebook." Doch ist soviel Euphorie wirklich angebracht?

Sicherlich gibt es ein paar Gründe, die dafür sprechen.

Erstens: Laut Erhebungen des Analysedienstes Socialbakers ist die Zahl der jungen Facebook-Nutzer im ersten Quartal 2013 eher rückläufig. Gut 1,2 Millionen Nutzer zwischen 25 und 34 Jahren haben sich in diesem Zeitraum von Facebook zurückgezogen. "Home" ist ganz klar ein Weg, diesem Trend entgegenzuwirken. Mit "Home" wird es insbesondere für die Heavy-User, die häufig in der jüngeren Zielgruppe zu finden sind, noch einmal richtig komfortabel. Wer ohnehin Kurznachrichten über das Netzwerk versendet und ständig seinen Newsfeed im Auge hat, wird nicht lange zögern, und am 12. April die App herunterladen. Und User, die ohnehin ständig Kurznachrichten verschicken, könnten sich vielleicht doch noch mit Facebook anfreunden.

Gleichzeitig stellt Facebook zusammen mit HTC ein Smartphone vor, dass mit 100 Dollar so günstig wie nie ist. "Home" ist darauf vorinstalliert, eine Tatsache, die preisbewusste Menschen sicherlich in Kauf nehmen, um an ein derart kostengünstiges Smartphone zu gelangen.

Gründe für die Euphorie

Welche sozialen Netzwerke wirklich genutzt werden
So lange werden soziale Netzwerke wirklich genutztGoogle+ - Mit allen Mitteln versucht Google sein soziales Netzwerk zum Erfolg zu bringen. Vor allem die Verknüpfung mit den eigenen Diensten wie Google Mail oder Youtube soll Google+ helfen. Seit dem Start haben sich auch immerhin 90 Millionen Nutzer registriert, allerdings bleibt es oft auch dabei. Nach einer Erhebung der US-Marktforscher Comscore haben sich die Nutzer seit September im Schnitt nur drei Minuten pro Monat bei Google+ aufgehalten. Das „Wall Street Journal“ schreibt daher schon von einer „virtuellen Geisterstadt“. Quelle: dapd
Myspace - Selbst das schon oft totgesagte MySpace wird intensiver genutzt – mit acht Minuten sogar fast drei Mal solange wie Google+.
LinkedIn - 17 Minuten pro Monat halten sich die Nutzer des Online-Karrierenetzwerks LinkedIn auf der Seite auf. Für den deutschen Wettbewerber Xing lagen keine Daten vor. Quelle: REUTERS
Twitter - Mit 21 Minuten nur knapp davor liegt der Kurznachrichtendienst Twitter. Allerdings erfasst Comscore nur Besucher der Twitter-Website, gerade die intensiven Nutzer greifen jedoch gern auf spezielle Zusatzprogramme wie Tweetdeck zurück, so dass die echte Zahl höher liegt. Auch die mobilen Zugriffe wurden nicht erhoben, was jedoch alle Netzwerke betrifft. Quelle: dpa
Pinterest - Erstaunlich ist, dass sich zwei relative junge Netzwerke ganz vorn platzieren konnten. So gelang Pinterest mit 89 Minuten der Sprung aufs Treppchen. Auf der Seite können Nutzer Bilder und Netzfundstücke teilen. P interest ist derzeit eine der angesagtesten und am schnellsten wachsenden Seiten überhaupt.
Tumblr - Ebenso lange wie Pinterest wird Tumblr genutzt. Der Dienst bietet ist eine besonders schnelle und einfache Art des Bloggens. Auch bei Tumblr werden oft besondere Fotos geteilt – Musikstar Beyonce Knowles veröffentlichte beispielsweise exklusiv Fotos ihres Babys Blue Ivy Carter auf einer eigenen Tumblr-Seite. Beliebt sind auch die „Looking at Things“-Reihen, beispielsweise von Kim Jong-Il oder Christian Wulff.
Facebook - Mit riesigem Abstand steht Facebook an der Spitze: 405 Minuten halten sich die Nutzer im Schnitt jeden Monat in dm Netzwerk auf.     Quelle: dapd

Zweitens: Ungefähr vor einem Jahr hat Facebook-Gründer Mark Zuckerberg die Entwicklung von Mobile zu einer der wichtigsten Herausforderungen des sozialen Netzwerks erklärt. Zu Recht, wurden die mobilen Versionen der Seite doch lange Zeit sehr stiefmütterlich behandelt. Doch Zuckerberg erkannte: Dort müsse das Unternehmen Geld verdienen, denn bereits im vergangenen Jahr nutzten rund 50 Prozent der angemeldeten User das Netzwerk mobil.

Die größten Sorgen von Facebook

Seitdem hatte sich einiges getan. Die bisherigen Apps wurden verbessert, wichtige Funktionen hinzugefügt, die Fotocommunity Instagram, die ebenfalls voll aufs Mobile setzt, gekauft und eben "Home" entwickelt. Und mit "Home" wird Facebook zum Einfallstor aufs Smartphone - und das ganz ohne Geld in die Entwicklung einer eigenen Hardware oder eines eigenen Betriebssystems gesteckt zu haben.

Bei seiner Vorstellung von Home machte Zuckerberg noch einmal deutlich, worum es ihm geht: "Für mehr als 30 Jahre waren Computer für Aufgaben da - sie waren zu teuer, klobig und schwer zu bedienen. (...) Die modernen Geräte nehmen einen anderen Platz in unserem Leben ein. Sie dienen nicht nur der Produktivität oder Arbeit, auch wenn sie dafür auch super sind. Sie sind dafür da, uns besser zu vernetzen, sozialer, aufmerksamer zu sein." Der "Business Insider" hat Zuckerbergs Vision dokumentiert (auf englisch).

Facebook kapert Android-Handys

Drittens: Kein Geld in ein eigenes Betriebssystem zu stecken, bedeutet, dass ein anderes genutzt werden muss. Facebook setzt dabei voll auf Android, das mobile Betriebssystem von Google. Android ist eine freie Software, die offen entwickelt wird. Für Facebook sicherlich einerseits eine gute Strategie - schließlich wächst der Marktanteil von mobilen Android-Geräten rasant und liegt nach aktuellen Zahlen bei rund 70 Prozent. Getreu dem Motto "Tue das, was du am besten kannst", hat Facebook Hirn und Technik in die Entwicklung einer App gelegt, die das "soziale", den sozialen Austausch in den Vordergrund stellt.

Doch es gibt auch ein paar Gründe, die Euphorie ein wenig sacken zu lassen und sich die Risikofaktoren anzusehen.

Warum "Home" Facebook gefährlich werden kann

So sieht der neue Facebook-Newsfeed aus
Mark Zuckerberg Quelle: rtr
Das neue Design ist stark an die aktuellen Apps für Smartphones und Tablets angelehnt, künftig soll Facebook auf allen möglichen Geräten gleich aussehen. Quelle: Presse
Das Unternehmen startet eine Art Kampagne, mit der Nutzern die Änderungen erklärt werden. Quelle: Screenshot
Klarere Formen: Die neue Gestaltung setzt ähnlich wie der abgeschlagene Konkurrent myspace auf großflächige Bilder. Die Nutzer bekommen auch mehr Möglichkeiten, die Informationen zu filtern. Man kann sich zum Beispiel mit wenigen Handgriffen alle Nachrichten aller Bekannten anzeigen lassen, oder nur die von besonders engen Freunden, oder auch nur Neuigkeiten zu bestimmten Themen wie Musik, Spiele, Sport oder Kino. Quelle: Presse
Diese persönlichen Einstellungen sollen sich, heißt es laut Gründer Zuckerberg, besonders leicht an der Seite der Nachrichtenanzeige einstellen lassen. Quelle: Presse
Bei der Vorstellung trug Zuckerberg auch das alte Credo vor: Er wolle die Welt offener gestalten und die Menschen verbinden. Ähnlich großspurig kündigte er an, Facebook werde durch die Änderungen, „d ie beste personalisierte Zeitung der Welt". Quelle: AP/dpa
Ende Januar hatte Zuckerberg die „graph search“ vorgestellt. Ausgehend von einem Ort sollen so Freunde gefunden werden. Quelle: AP/dpa

Erstens: Sicherlich war es klug von Facebook, sich auf das zu konzentrieren, was man am besten kann und nicht plötzlich in ein komplett anderes Geschäftsfeld einzusteigen. Andererseits kann die Entwicklung keines Betriebssystem oder keines Smartphones auch zu einem Bumerang werden. Denn: Facebook verlässt sich darauf, dass Android auch in Zukunft eine offene Plattform bleibt.

Dafür muss man wissen: Facebook und Google setzen mehr oder weniger auf das gleiche Geschäftsmodell. Sie wollen Werbung verkaufen und das immer besser, wofür sie konstant auf der Suche nach neuen Datenquellen sind. Google ist dabei den Weg über die Suche gegangen und damit groß geworden. Facebook ging den "sozialen Weg".

Sicherlich ist es nun so, dass man auf einem Facebook-Handy auch weiterhin Google-Applikationen wie Maps, Mail oder die Suche verfügbar hat. Aber Facebook legt sich mit der neuen Software vor all das und kann nun nach und nach immer mehr Nutzer zu seinen eigenen Services lenken.

Das wird Google ganz sicher nicht gefallen. Und Carolina Milanesi von Gartner mutmaßt bereits, wie lange es wohl noch dauere, bis Google das, was man bei Android als "Open Source" erhalte, noch unlimitiert bleibe.

Zweitens: Letztlich kann man "Home" auch als direkten Angriff auf Google verstehen. Denn Android wurde gerade deshalb entwickelt, um möglichst viele Leute in Google-Produkte zu schleusen. Mail, die Suche, Karten - all das sind Produkte, die auf Android-Geräten besonders komfortabel zu nutzen sind. Dazwischen schiebt sich nun "Home" und damit Facebook. Und es ist ja nicht so, als ob Facebook ein kleiner Wicht im Gegensatz zu Google wäre. Das Unternehmen ist einer der größten Konkurrenten. Nicht ohne Grund steckt Google derzeit einen Großteil der Ressourcen in sein eigenes soziales Netzwerk Google+. Und dass sich Facebook mittlerweile ebenfalls in Sachen Suche aufstellt, dürfte bei Google genauestens beobachtet werden.

Drittens: Dass es durchaus schwierig sein kann, ein Geschäftsmodell auf dem Geschäftsmodell eines anderen aufzubauen, dafür gab es in der Vergangenheit schon zahlreiche Beispiele. Da flogen schon mal Applikationen bei Apple aus dem App-Store, und wer sich nicht an die Regeln hält, die große Plattformen wie Amazon und Co. diktieren, hat Pech gehabt.

Und auch Google hat in der Vergangenheit schon gezeigt, dass es nicht alles mit sich machen lässt: Nicht nur, dass Android unter Entwicklern laut Wikipedia als das "am wenigsten offene Open-Source-Projekt für Mobiltelefone" (dort zitierte Quelle) gilt, Anfang des Jahres machten sich beispielsweise auch diverse Firmen, die sich auf Suchmaschinenoptimierung spezialisiert hatten, Sorgen um ihre Existenz. Ein mit der Materie vertrauter Blogger rief beispielsweise - sicherlich etwas hysterisch - schon das Ende der SEO-Tools aus.

Sollte Google sich am Ende doch als "evil" entpuppen, bleibt Facebook nur noch sein Netzwerk.

Der Autorin bei Twitter folgen:

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%