Die Woche im Netz

Re:publica 2013 - mehr Action bitte!

Am Montag trifft sich die digitale Elite wieder in Berlin auf der Re:publica. Was sich seit 2012 getan hat und was ab Montag besprochen werden sollte.

Interneterklärer und Berater Sascha Lobo wird auch in diesem Jahr einen Vortrag auf der Re:publica halten. Quelle: dpa

Durch Zufall habe ich mir dieser Tage noch einmal den Überraschungsvortrag von Sascha Lobo bei der letzten Re:publica angeschaut. Sollte es noch immer Menschen geben, die ihn nicht kennen: Sascha Lobo ist Interneterklärer, Provokateur und spätestens durch seine wöchentliche Kolumne bei Spiegel Online die Stimme in der deutschsprachigen Internetwelt.

In seinem Vortrag im vergangenen Mai thematisierte er bereits die akut werdende Bedrohung der Netzneutralität. Lobo warnte davor, dass die wahre Bedrohung der Netzneutralität von unten komme, von den Nutzern selbst, wenn sie nämlich Verträge angeboten bekommen, bei denen die Nutzung von Facebook und Youtube inklusive sein könnte. Wer aus der jungen Generation denn bereit sei, mehr für etwas zu zahlen, was lobenswert ist, aber eben doch mehr koste. So könnte es dazu kommen, dass die hoch gelobte Netzneutralität de facto abgeschafft werde. Der Markt regele das. 

Fakten zur Drosselung
Für wen gelten die Obergrenzen?Zunächst einmal geht es nur um Neukunden, die einen Vertrag vom 2. Mai 2013 an abschließen. "Bestehende Verträge sind von den Änderungen nicht betroffen“, versprach die Telekom in ihrer Mitteilung am Montag. Greifen soll die Tempo-Bremse zudem "nicht vor 2016“. Quelle: dpa
Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein gewöhnlicher Haushalt die Obergrenze in seinem Tarif überschreitet?Das lässt sich heute mit Blick auf das Jahr 2016 schwer sagen. Der Telekom zufolge kommt ein Kunde heute im Schnitt auf 15 bis 20 Gigabyte im Monat. Das passt zwar mehrfach in die niedrigste angekündigte Daten-Obergrenze von 75 Gigabyte für Anschlüsse mit einer Geschwindigkeit von bis zu 16 MBit pro Sekunde. Allerdings nimmt der Videokonsum aus dem Netz rasant zu. Neue TV-Geräte sind internettauglich, Sender bauen ihre Mediatheken aus, immer mehr Dienste bieten Streaming von Filmen und Serien an. Bis 2016 kann der Datenhunger der deutschen Haushalte also noch stark wachsen. Quelle: AP
Wie weit kommt man denn so mit 75 Gigabyte?Laut Telekom reicht das neben dem Surfen im Netz und dem Bearbeiten von Mails zum Beispiel für zehn Filme in herkömmlicher Auflösung sowie drei HD-Filme, 60 Stunden Internetradio, 400 Fotos und 16 Stunden Online-Gaming. Wenn solche Online-Dienste insbesondere in einem Haushalt mit mehreren Personen fest zum Alltag gehören, häuft sich locker eine höhere Nutzung an. Allerdings: Der hauseigene Telekom-Videodienst Entertain zehrt nicht an dem Daten-Kontingent. Quelle: REUTERS
Und was ist mit den anderen Anbietern?Nach aktuellem Stand würden die Nutzung von Entertain-Konkurrenten wie Apples iTunes-Plattform, Amazons Streaming-Dienst Lovefilm oder des ähnlichen Angebots Watchever sowie von YouTube das Inklusiv-Volumen verbrauchen. Bis 2016 könnten die Anbieter aber noch Partnerschaften mit der Telekom abschließen, die ihnen für gesonderte Bezahlung einen "Managed Service“ garantiert. Dienste solcher Partner tasten das Daten-Kontingent ebenfalls nicht an. Oder die Anbieter könnten sich zum Kampf gegen die Regelung entschließen. Quelle: dpa
Was passiert, wenn man das Inklusiv-Datenvolumen überschritten hat?Entweder man begnügt sich mit der Vor-DSL-Geschwindigkeit von 387 Kilobit pro Sekunde, mit der man vielleicht E-Mails checken und mit viel Geduld auch im Internet surfen kann. Oder man bucht mehr Datenvolumen hinzu. Die Tarife dafür wurden von der Telekom noch nicht genannt. UPDATE: Die neue Grenze liegt bei 2 MG/s (Stand: 12. Juni 2013). Quelle: dpa
Machen andere Internet-Provider bei der Drosselung mit?Vodafone will nicht mitziehen: „Wir haben keine Pläne, die DSL-Geschwindigkeit unserer Kunden zu drosseln.“ Auch Unitymedia Kabel Baden-Württemberg erteilte einer Drosselung eine Absage: Bereits heute könnten Datenübertragungsraten von 150 Megabit pro Sekunde angeboten werden, die mit wenigen technischen Anpassungen auf 400 MBit pro Sekunde erhöht werden könnten. Bei Kabel Deutschland dagegen gibt es bereits Datengrenzen - sie funktionieren aber anders als bei der Telekom. So ist ein Tages-Volumen von 10 Gigabyte vorgesehen, nach dem das Tempo gedrosselt werden kann. Derzeit passiert das aber erst ab 60 GB am Tag. Bei 1&1 gehört das Prinzip fest zum günstigsten Tarif dazu: Bis 100 GB im Monat surft man mit bis zu 16 MBit pro Sekunde, danach nur noch mit der langsamsten DSL-Geschwindigkeit von 1 MBit pro Sekunde. Quelle: dpa

Es ist schon ein seltsamer Zufall, dass die Deutsche Telekom ausgerechnet jetzt diese Pläne nun in die Praxis umsetzt. Und wir müssen festhalten, dass all das Warnen, Meckern und Fluchen in Blogs und sozialen Kanälen nichts gebracht hat. Und es stimmt schon ein wenig traurig, dass dieses sperrige Thema es zwar auch in der Bild-Zeitung geschafft hat, sich innerhalb dieses einen Jahres in Sachen Organisationsgrad und Professionalisierung der so genannten Internetpeople aber wenig getan hat. Sagen wir es ganz klar: Die Internetgemeinde überschätzt ihre Wirkung auf die öffentlichen Debatten und politischen Entscheidungsfindungsprozesse. Das Interesse der politischen Parteien ist zwar weiter gestiegen. Aber was sonst hat sich in den vergangenen zwölf Monaten getan, wenn man einmal den Vortrag von Sascha Lobo als Referenz nimmt?

Viele hatten im vergangenen Jahr die Hoffnung auf die Piratenpartei gesetzt. Doch nicht nur der 2012 ins Amt gehobene Piratenparteichef Bernd Schlömer - von Lobo ebenfalls mit ausreichend Vorschusslorbeeren bedacht - blieb in der Öffentlichkeit farblos. Vielmehr diskutierte man ausgiebig Buchveröffentlichungen von Parteimitgliedern und die Fußbekleidung des Geschäftsführers Johannes Ponader. Ansonsten nutzte die Partei die vergangenen Monate lediglich dazu, in den Umfragen wieder in den nicht prognostizierbaren Bereich abzusacken. Auf der FDP wird noch immer - natürlich auch dank der bis in den Mainstream beliebten Heute-Show - herumgehackt. Shitstorms sind nun endgültig in der Allgemeinheit angekommen und ich kann wohl mit Fug und Recht behaupten, dass es mittlerweile niemanden mehr gibt, der schon einmal mit einem zu tun hatte: entweder als Betroffener, Befeuerer, stiller Beobachter oder Draufhauer. Das Buzzword "Cloud" ist immer noch hip, das von Lobo damals schon erwähnte Big Data ist noch hipper als damals. 

Alles in allem: nicht wirklich viel anders als 2012 und wenn dann nur in Nuancen.

Und nun ist es also wieder soweit: Von Montag bis Mittwoch treffen sich die Internetpeople wieder - rund 5000 Menschen werden erwartet - in Berlin. Tausende Menschen, denen das Internet auf die eine oder andere Weise ans Herz gewachsen ist. Beruflich, privat, beides gleichzeitig. Und die Re:publica, die es spätestens mit dem Umzug von Friedrichstadtpalast und Kalkscheune in die Station geschafft hat, im Mainstream angekommen zu sein, hätte es verdient, der Startschuss für etwas Neues zu sein. 

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