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Diess und Nadella Volkswagen und Microsoft wollen gemeinsam die Cloud für vernetzte, autonome Autos bauen

VW und Microsoft schließen sich für autonome Autos zusammen Quelle: dpa

Volkswagen und Microsoft werden künftig umfangreich bei Clouddiensten zusammenarbeiten. Was hinter der Kooperation von Autobauer und Techkonzern steckt.

Wenn ein deutscher Traditionskonzern sich neu erfinden will, dann eröffnet er gerne mal ein Innovationslabor in Berlin. Fernab der Konzernzentrale, wo die neuen Ideen zwischen Bürokratie und Hierarchien nur allzu oft zerrieben werden. Auch der deutsche Autobauer Volkswagen hat das so gemacht.

Die Inspiration aus der deutschen Start-up-Szene genügt VW aber offenbar nicht. Deshalb hat sich Konzernchef Herbert Diess an diesem Mittwochnachmittag noch etwas mehr Anregung aus Amerika ins VW-Digital-Lab geholt: Satya Nadella, der seit fünf Jahren den Technologiekonzern Microsoft führt, ist angereist. Auf ein Kamingespräch mit dem VW-Boss.

Die beiden Konzerne eint mehr, als man auf den ersten Blick meint: Beide sind mit dem Verkauf einzelner Produkte groß und mächtig geworden – und suchen nun den Weg zum lukrativen Dienstleistungsgeschäft.

Deshalb wollen sich VW und Microsoft zusammentun, um all die Daten, die in einem vernetzten Auto anfallen, noch besser auszuwerten. Dazu bauen sie eine gemeinsame Plattform auf. VW wird dort Daten aus seinen künftigen Modellen einspeisen – vor allem aus der elektrischen ID-Baureihe. Microsoft wiederum wird diese nicht nur in seiner Cloud speichern, sondern sie auch nutzen, um selbstlernende Algorithmen zu trainieren. So könnte die Software eines Tages nicht nur die Fertigung der Autos optimieren, sondern auch neue Erkenntnisse für zusätzliches Geschäft gewinnen.

Nadella gab bei der Ankündigung ganz den optimistischen Amerikaner: „Digitaltechnik transformiert die gesamte Autoindustrie von der Produktion bis zum Autofahren selbst”, sagte der Microsoft-Chef in Berlin. „In zehn Jahren werden wir vielleicht gar nicht mehr über ‚die Autoindustrie‘ und ‚die IT-Industrie‘ sprechen, weil die beiden zusammengewachsen sind.“

Diess parierte in der Rolle des nüchternen Deutschen. Bis dahin, wandte der VW-Chef ein, sei es „noch ein langer Weg. Zwar stecken in einem Auto bereits zehnmal mehr Zeilen Softwarecode als in einem Smartphone.“ Aber man sei noch weit davon entfernt, dass all die darin schlummernden Daten auch von anderen Entwicklern angezapft und zu neuen Diensten kombiniert werden können – wie etwa die Apps auf einem Smartphone.

Genau dabei soll nun die neue, gemeinsame Plattform helfen.

Grundsätzlich können Autobauer auf zwei Arten versuchen, die enormen Datenmengen, die vor allem beim autonomen Fahren anfallen, zu verarbeiten: Mit immer größeren, leistungsfähigeren Prozessoren im Auto – oder mit einer Cloud, in die sie die Daten auslagern und dort verarbeiten.

Für die zweite Variante aber ist es unabdingbar, dass es überall dort, wo die Fahrzeuge unterwegs sind, auch ein superschnelles Mobilfunknetz gibt. Darauf will sich so gut wie niemand in der Branche verlassen – weshalb sich alle Unternehmen auch darauf einstellen, die Daten im Auto selbst auszuwerten. „Es ist gar nicht nötig, alle Daten aus dem Auto zu holen“, sagt etwa Danny Shapiro, Vice President Automotive des kalifornischen Chipherstellers Nvidia, „Es gibt Daten, die man im Auto in Echtzeit verarbeiten muss, etwa Sensorsignale und Befehle, die direkt auf den Antriebsstrang und die Lenkung Einfluss haben.“ Andere Daten aber, etwa zum Straßenzustand oder über Staus, müssten nicht so dringend analysiert werden.
VW hat sich nun offiziell für Variante zwei entschieden: eine Datencloud. „Autonomes Fahren auf den höheren Niveaus wird nur mit einer reibungslosen Cloud funktionieren“, sagte Diess in Berlin.

Mit Microsoft plant der deutsche Autobauer bereits den ersten ganz konkreten Schritt: Der Elektrowagen ID 3, der ab Anfang 2020 vom Band laufen soll, wird das erste VW-Auto sein, das die Datendienste aus der gemeinsamen Cloud mit Microsoft nutzt. Von 2020 an sollen jährlich mehr als fünf Millionen neue Fahrzeuge der Marke VW in der gemeinsamen Cloud-Plattform vernetzt werden.

Die Kooperation zwischen Volkswagen und Microsoft konzentriert sich zwar vor allem auf die neue Generation von Elektroautos (ID), die Anfang 2020 auf den Markt kommen und die Schritt für Schritt den Verbrennungsmotor ersetzen soll. Aber auch Autos mit Verbrenner bekommen eine Verbindung zur neuen Cloud, sagte Diess.

Dadurch sollen unter anderem so genannte Over-the-Air-Updates für die Software im Auto möglich werden. Tesla macht dies seit einigen Jahren bereits erfolgreich: Sobald zum Beispiel ein Auto in den Bereich eines bekannten WLANs kommt, können – etwa über Nacht – Updates aufgespielt und installiert, Fehler korrigiert und zusätzliche Funktionen freigeschaltet werden. Wie bei einem Smartphone. Das soll den Herstellern helfen, die ansonsten für den technischen Fortschritt im Bereich Software viel zu langen Produktzyklen der Autobranche zu umgehen.

Auch auf seine Kunden zugeschnittene Angebote will VW mit Microsofts Hilfe machen: So sollen etwa die selbstlernenden Algorithmen des Technologiekonzerns das VW-Navigationssystem stetig verbessern. Zudem sind auch eine Einbindung des Telefondienstes Skype und des Büropakets Office im Cockpit der vernetzten Autos geplant. Microsoft soll schließlich auch etwas von der Partnerschaft haben.

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