Digitale Landwirtschaft Wie Hightech den Bauernhof revolutioniert

Mähdrescher arbeiten autonom, Spinnenroboter erledigen die Saat, der Landwirt sitzt mit dem Tablet auf dem Traktor - digitale Innovationen revolutionieren die Landwirtschaft.

Autonome Erntehelfer
Eine landwirtschaftliche Maschine auf einem Feld Quelle: Claas
Traktoren mit Lenksystem Quelle: Claas
Agrobot, mechanischer Erntehelfer Quelle: Agrobot
Feldroboter Quelle: David Dorhout
Ein Flugroboter wird über einem Feld fliegen gelassen Quelle: dpa
Satellitenbild Quelle: NASA astronauts
Ein Landwirt ruft Daten in einem Traktor ab Quelle: Claas

Wenn Kreislandwirt Matthias Mehl an Hightech auf dem Bauernhof denkt, sieht er seinen Mähdrescher. Die Maschine lenkt sich schon heute alleine in parallelen Bahnen über das Feld – viel exakter als ein Mensch das je könnte. Mehl sitzt auf der Maschine, stellt nur noch ein und überwacht.

In ein paar Jahren muss er wahrscheinlich gar nichts mehr tun und kann nebenher seinen Hof organisieren – mit dem Tablet in der Hand. Die Maschine arbeitet dann komplett alleine. Zukunftsmusik, die wohl bald Realität wird.

„Ein Mähdrescher ist eine Fabrik auf Rädern“, sagt Ludger Frerichs, Leiter des Instituts für mobile Maschinen und Nutzfahrzeuge an der Technischen Universität Braunschweig. Damit diese Alleskönner bald vollkommen autonom unterwegs sein können, muss die Technologie einiges leisten. Da muss gemäht, gefördert, separiert, gereinigt und verteilt werden – komplex, aber machbar. Bereits heute.

Autonome Landmaschinen

„Die modernen Lenksysteme brauchen den Mensch im Grunde jetzt schon nicht mehr“, sagt auch Landwirt Mehl. Aktuell arbeiten diese beispielsweise mithilfe von GPS-Signalen. Der Fahrer auf der Maschine kontrolliert nur noch, ob alles stimmt. Nachdem er alles eingestellt hat, fährt sie von alleine.

Einen Schritt weiter gedacht - und Mähdrescher und Co. fahren ganz alleine. „Das ist ähnlich wie der Rasenmäher, der bei uns schon alleine mäht“, sagt Mehl.

Vorteile der Lenksysteme für Landmaschinen

Langfristig sehen die Experten tatsächlich sämtliche großen Erntemaschinen in der Hand von autonomen Steuerungen. Während ein Rübenroder das Feld aberntet und ein Transportfahrzeug am Feldrand steht, wird es dazwischen einen sogenannten Überladewagen geben, der autonom arbeitet. „Das wird bis 2025 eine Lösung auf dem Feld sein“, sagt Frerich.

Die Industrie arbeitet gezielt an neuen Technologien: So sollen beim deutschen Landmaschinenkonzern Claas mehr als 150 Mitarbeiter speziell an Lösungen für eine digital vernetzte Landwirtschaft arbeiten. „Landmaschinen werden verstärkt mit intelligenten Technologien ausgerüstet, um untereinander zu kommunizieren und Arbeitsprozesse automatisch abstimmen zu können. Damit verbessert sich die Produktivität und Effizienz im gesamten Produktionsprozess“, so Thomas Böck, bei Claas verantwortlich für Technologie und Systeme.

Man wolle „die Entwicklung mitgestalten“ und konzentriere sich deshalb unter anderem auf die Maschine-zu-Maschine-Kommunikation (M2M). Ein solcher Ansatz: Der Mähdrescher soll mithilfe des LTE-Netzes je nach Füllstand automatisch den Traktor mit Überladewagen bestellen können.

Die schlaueste Technik erntet die dicksten Kartoffeln
Mit der Feldarbeit von früher hat die moderne Landwirtschaft nur noch wenig zu tun, wie dieses Werbeplakat von Claas zeigt. Dank High Tech werden die Bauern immer produktiver – auch wenn Wetterglück für eine gute Ernte immer noch dazu gehört. Quelle: dpa
Vorreiter aus Ostwestfalen: Die Firma Claas aus Harsewinkel baut seit 100 Jahren Landmaschinen. Auf der Agritechnica dürften die Produkte so manches Agrarökonomen-Herz höher schlagen lassen – im Bild der Mähdrescher Tucano 420, dessen Tank 7500 Liter Korn fasst. Quelle: dpa
Wer selten fährt, kommt aus der Übung. Deswegen hat Claas einen Online-Simulator für Mähdrescher entwickelt. Das Programm hilft bei der Ausbildung wie auch bei Schulungen zwischendurch. Quelle: Claas
Der Online-Simulator bildet die Bedienelemente detailgetreu nach – gesteuert wird mit der Maus. Programmversionen für weitere Geräte will Claas später veröffentlichen. Quelle: Claas
Seltener Anblick: Der italienische Hersteller Merlo hat ein Fahrzeug mit Plug-in-Hybrid entwickelt – in der Landwirtschaft eine Ausnahme. Der Teleskoplader kann in Innenräumen leise und abgasfrei arbeiten, hat aber auch einen Dieselmotor für Außeneinsätze. Quelle: Merlo
Wenn der Boden steinig ist, soll dieses Gerät vom niedersächsischen Hersteller Grimme helfen: Das AirSep trennt Steine und Erdbrocken von den Kartoffeln. Die Feldfrüchte werden mit einem Luftstrom in der Schwebe gehalten, das schwere Erdreich fällt herunter. Das Beimengentrenngerät – so der technische Begriff – bewältigt 60 Tonne pro Stunde. Quelle: Grimme
Wie viel Dünger muss auf den Acker? Schlaue Technologie der badischen Firma Rauch ermittelt das mit Hilfe von Sensoren. Der Düngerstreuer wirft dann automatisch die richtige Menge Nährstoffe ab. Damit verschwendet der Bauer keinen Dünger, wovon sein Konto wie auch die Umwelt profitieren. Quelle: Rauch
Mit Bauernhofidylle hat moderne Landwirtschaft wenig zu tun – der Trend geht zu großen Feldern, die mit großen Maschinen bearbeitet werden. Der US-Hersteller John Deere zeigt auf der Agritechnica neue Feldspritzen, die 2400 bis 4000 Liter fassen und in einem Durchgang eine Breite von bis zu 30 Meter abdecken. Quelle: John Deere
Kuppelhilfe für Landwirte leistet nicht nur die Sendung „Bauer sucht Frau“: Das System Hitch Assist von John Deere soll dabei helfen, Anhänger schneller, leichter und sicherer an den Traktor zu hängen. Mit dem am Kotflügel angebrachten Schalter bewegt der Fahrer den Traktor in Schneckengeschwindigkeit vor und zurück, außerdem kann er das Hubwerk anheben und senken – ohne, dass er mehrfach auf den Fahrersitz klettern und wieder abspringen muss. Quelle: John Deere
Großes Interesse für die großen Geräte: Die Agritechnica gilt als größte Messe für Landtechnik. Rund 2900 Aussteller aus 47 Ländern sind in Hannover. Die Branche erwartet in diesem Jahr ein deutliches Umsatzplus. Quelle: dpa

Auch bei der Ernte dürfte es zukünftig noch technischer werden: Ernteroboter sind zwar der Schreck fleißiger Erntehelfer, andererseits aber ein potenzieller Segensbringer für die Landwirtschaft. Eine solche Erfindung soll von Spanien aus die Welt erobern.

Dort haben Ingenieure eine Erdbeer-Erntemaschine erfunden – und damit etwas ganz besonderes, denn kein Obst ist so empfindlich wie die Erdbeere. Sie verzeiht keine Grobheit. Der Agrobot aus dem andalusischen Huelva soll das aber perfekt ausgleichen.

Seine Kameras sollen so geschult sein wie das menschliche Auge, seine „Finger“ so vorsichtig wie die der Erntehelfer. Eine landwirtschaftliche Innovation, vergleichbar mit der Melkmaschine im Kuhstall.

„Wir müssen in der Landwirtschaft den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt nutzen“, sagt Mehl. „Die Technik hilft dabei, effizienter zu arbeiten. Am Ende geht es viel um Kosten und Produktivität.“

Experten sprechen von "Precision Farming", wenn es um Effizienz in der Landwirtschaft geht: Ob beim Benzin, beim Düngen oder Säen – dank moderner Technik können sämtliche Ressourcen genau berechnet werden. Die Verschwendung wird auf ein Minimum reduziert.

GPS-Überwachung, Satelliten-Bilderauswertungen und Vorjahresergebnisse geben dem Landwirt genau die Infos an die Hand, die er braucht, um die perfekten Abläufe zu berechnen. Jene, die am meisten Ertrag bringen und am wenigsten kosten.

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