Digitales Desaster Wenn der Weg ins Netz nur ein Trampelpfad ist

Breitbandausbau Quelle: dpa

Deutschland droht bei der Digitalisierung seiner Industrie zu scheitern. Falsche Entscheidungen beim Netzausbau und Ignoranz gegenüber Cybergefahren gefährden den Wirtschaftsstandort.

Irgendwo im fernen Osten der Republik kämpft Karl Meier um seine Zukunft und die seines Unternehmens. Meier heißt nicht wirklich Meier, doch seinen Namen und den seiner Firma, die möchte er nicht veröffentlicht sehen. Zu groß ist seine Angst, dass ihm die Kunden abspringen, wenn sie von seinem zunehmend verzweifelten Kampf um einen leidlich brauchbaren Zugang zum Internet erfahren. Denn auf einen DSL-Anschluss oder gar eine Glasfaserleitung wartet Meier seit Jahren vergeblich.

Seit Jahren produziert der mittelständische Familienbetrieb an der Elbe Kunststoffteile für Automobilhersteller. Nach der Wende hat Meier den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt, hat das ostdeutsche Unternehmen erfolgreich durch die Wirren der Wiedervereinigung geführt und in der Autobranche als verlässlichen Zulieferer etabliert. Nun aber steht der Unternehmer vor einer Herausforderung, von der er nicht mehr weiß, wie er sie meistern soll.

Denn die angejahrten Telefonleitungen über die der Kunststoffteile-Spezialist in der Vergangenheit mit seinen Geschäftspartnern noch E-Mails austauschen konnte, sind völlig unterdimensioniert, um damit auch nur im Mindesten am Boomthema der deutschen Wirtschaft – dem Trend zur Industrie 4.0 – teilzuhaben. Mehr als einen ISDN-Anschluss aber, das bietet in seinem Gewerbegebiet, keine 20 Kilometer von der nächsten Kreisstadt entfernt, kein Netzbetreiber an. Elektronischer Datenaustausch, der Abgleich von Konstruktionsdaten mit den Kunden – nichts von alle dem ist möglich. „Die Branche digitalisiert sich mit atemberaubendem Tempo“, sagt Meier, „aber wir sind vom Zug in die Zukunft komplett abgehängt.“

Diese Länder haben das schnellste Internet
Breitband-Internet Quelle: dpa
Platz 25: DeutschlandDeutschland landet mit einer durchschnittlichen Downloadrate von 14,6 Mbit/s noch knapp unter den 25 Ländern mit dem schnellsten Internet. Während das Internet in den Städten ordentliche Geschwindigkeiten vorweisen kann, tropft es in vielen ländlichen Gebieten mit nicht einmal zwei Megabit aus der Leitung. In einer zweiten Statistik hat Akamai erfasst, wie viele der Anschlüsse es über die Marke von recht lahmen 4 Mbit/s schaffen – hier liegt Deutschland mit nur 89 Prozent der Anschlüsse auf Rang 33. Anmerkung: Die Datenübertragungsrate wird in Megabit pro Sekunde (Mbit/s) gemessen. Ein Megabit entspricht einer Million Bit. Quelle: dpa
Platz 10: Niederlande Quelle: dpa
Platz 9: Japan Quelle: AP
Platz 8: Singapur Quelle: dpa
Platz 7: Finnland Quelle: dpa
Platz 6: Dänemark Quelle: dpa

Um zu überleben, hat er sich über eine selbst installierte Funkverbindung an die Internet-Leitung eines anderen, besser vernetzten Unternehmens angebunden. Doch die Verbindung ist instabil, bricht bei schlechtem Wetter immer wieder zusammen. „Dann müssen unsere Ingenieure mitunter Konstruktionsdaten über den heimischen Web-Zugang laden und auf einem USB-Stick in die Firma mitbringen“, erzählt Meier, der Tag für Tag um seine Liefertreue bangt. „Noch haben wir das immer irgendwie hinbekommen, aber wenn sich in Sachen Internet nicht bald etwas tut, sehe ich schwarz für uns.“

Dem Anspruch nicht gerecht

Der Fall des sächsischen Unternehmers muss, glaubt man den Versprechen von Bundesverkehrs- und -infrastrukturminister Alexander Dobrindt, ein bedauerlicher Einzelfall sein. „Schnelles Internet für alle. Überall. Deutschland kann das“, verbreitet der Minister auf seiner Webseite und erweckt den Eindruck die Republik käme beim Umsetzen der „Digitalen Agenda“ gut voran. „Bis zum Jahr 2018 soll es in Deutschland eine flächendeckende Grundversorgung mit mindestens 50 Megabit pro Sekunde geben“, versprachen Union und SPD in ihrem Koalitionsvertrag.

Die Recherchen der WirtschaftsWoche aber zeigen, dass der netzferne Sachse alles andere als ein Sonderfall ist. In Bayern oder Nordrhein-Westfalen, in Hessen oder Niedersachsen, überall kämpfen innovative Unternehmen mit dem gleichen Problem: Der Weg ins Netz ist allzu oft bestenfalls ein Trampelpfad. Von Aufbruch in die digitale Zukunft keine Spur.

Prognose Internet of Things

Dabei entscheidet schnelles Internet, überall in der Republik in der Tat über die Wachstumschancen für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Politik und Wirtschaft singen gerade ganz besonders eifrig das hohe Lied der Digitalisierung. Nachdem Deutschland und Europa das Internetgeschäft mit den Konsumenten den US-Tech-Konzernen überlassen habe, wolle man nun bei der industriellen Nutzung des Netzes mit Volldampf aufholen. Aus gutem Grund, schließlich könnte der Exportweltmeister Deutschland mithilfe nächste Stufe der digitalen Revolution, der vernetzte Produktion in der Industrie 4.0, international wieder zur Spitze aufschließen. Und glänzende Geschäfte machen. In der Vernetzung von Maschinen, Robotern und 3-D-Druckern schlummere, kalkuliert der IT-Verband Bitkom, eine Produktivitätssteigerung von 78,5 Milliarden Euro bis 2025 für die deutsche Wirtschaft.

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