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Digitalisierung im Fußball Wie Fans Apps für Bayern München basteln

Auf Ideen-Jagd: Junge Hacker bei den FC Bayern Hackdays. Quelle: Presse

Die Digitalisierung hält Einzug in die Welt des Profi-Fußballs: In einem dreitägigen Hackathon hat der deutsche Rekordmeister FC Bayern München 220 Hacker aus 40 Ländern auf Ideenjagd gehen und Fan-Apps bauen lassen. Das Siegerteam wurde auf der Digitalkonferenz DLD ausgezeichnet.

Samstagabend in einer Lounge im obersten Stockwerk der Allianz Arena präsentiert Abhinav Katkam die ersten Erfolge seines Teams: Auf seinem iPhone 7 Plus läuft der Prototyp einer selbstgebauten App, das Display zeigt das Umgebungsbild – etwa die Rasenfläche unten im Stadion des FC Bayern, wenn man die Smartphone-Kamera darauf ausrichtet.

Mit ein paar Bildschirmberührungen zaubert Katkam ein 3D-Modell der Arena auf den Bildschirm, rotiert das Bild herum, zoomt in das Gebäude hinein – bis die virtuelle Spielfläche mit dem Kamerabild des echten Rasens deckungsgleich ist. „Nun kann man sich etwa die Mannschaftsaufstellung mit den einzelnen Spielern anzeigen lassen“, sagt Katkam. „Später soll die App auch noch die Coaching-Perspektive für den Trainer zeigen – sie richtet sich also nicht an Fans.“

Katkam ist einer der Teilnehmer an den HackDays – dem ersten Hackathon, den der deutsche Fußball-Rekordmeister FC Bayern München am vergangenen Wochenende in dem vereinseigenen Stadion veranstaltet hat. Insgesamt sind bei der Veranstaltung 220 junge Frauen und Männer aus mehr als 40 Nationen dabei. Die internationalen Hacker treten in Teams von drei bis fünf Personen in sieben verschiedenen Unterthemen wie etwa Datenanalyse, globale Fanvernetzung oder innovative neue Fußball-Dienste gegeneinander an.

Die Teams sollen in ihrer jeweiligen Kategorie an technischen oder Design-Problemstellungen arbeiten und gemeinsam Software-Apps entwickeln, Prototypen bauen und neue Ideen sowie Lösungsansätze entwickeln. Der 26-jährige Inder Katkam etwa, der in London gerade an seinem Master in Sports Perfomance feilt, tritt mit seinem Team namens „Kick-AR“ aus zwei Software-Entwicklern und drei Designern in der Telekom Challenge an, dem von Bayern-Partner Deutsche Telekom unterstützten Themenbereich rund um virtuelle Realität und Augmented Reality (AR).

Entsprechend wuselig geht es in allen sieben Lounges mit den verschiedenen Hacker-Unterkategorien zu: Die Teams sitzen rund um einen Tisch, an den benachbarten Stellwänden hängen Zettel mit ersten Ideen für Apps mit Skizzen, wie diese programmiert und die Fußball-Fans dabei eingebunden werden können. „Die Digitalisierung wird auch für einen Fußballverein immer wichtiger“ sagt FCB-Mediendirektor Stefan Mennerich, „dafür waren die HackDays ein idealer Katalysator.“

Die Hackathon-Besucher bei einer Präsentation Quelle: Presse

Denn bisher waren es vor allem IT- und Industrieunternehmen, die mittels Hackathons Ideen für Innovationen und zugleich als potenzielle Arbeitgeber die Aufmerksamkeit junger Menschen aus dem Universitätsumfeld bekommen wollten. Jetzt versucht der FC Bayern München als einer der ersten Fußballvereine in Deutschland mit seinem ersten HackDays neue Wege in der Ansprache von Fans gehen. „Die Idee zu einem eigenen Hackathon hatten wir im Silicon Valley“, sagt FCB-Projektleiter Benjamin Stoll.

Dort war Stoll gemeinsam mit FCB-Mediendirektor Stefan Mennerich Mitte 2017 auf einer der typischen Besuchstouren von deutschen Unternehmen bei dortigen IT- und Internet-Riesen zur Inspiration in Sachen Digitalisierung. Bis zur Umsetzung der HackDays dauerte es dann nur gut sechs Monate, berichtet Mennerich – vor allem auch, weil die Bayern-Partnerunternehmen Audi, Adidas, Deutsche Telekom, SAP, Siemens und DHL schnell mit an Bord gekommen sind. „Innerhalb von zwei Wochen haben die zugesagt – das ist nicht selbstverständlich“, sagt Stoll.

Insgesamt haben die Bayern-Verantwortlichen stolze 1300 Bewerbungen erhalten, eine Vielzahl davon aus dem Uni-Umfeld. Daraus haben die Bayern gemeinsam mit dem Projektpartner UnternehmerTUM die 220 finalen Teilnehmer ausgewählt. UnternehmerTUM ist das Zentrum für Innovation und Gründung an der TU München, das Startups und etablierte Unternehmen bei der Unternehmensgründung begleitet und mit dem Tech-Fest den größten Hackathon in Europa veranstaltet. „Die haben das Know-how, das wir nicht haben“, sagt FCB-Projektleiter Stoll. „Die Partnerschaft ist also ideal, um ein Event in der Größe der HackDays auf die Beine zu stellen.“

Am Montagvormittag hat eine Jury schließlich die Sieger der sieben Disziplinen und am Nachmittag das Gewinnerteam der HackDays ausgewählt. Gemeinsam mit Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge und Bayern-Nationalverteidiger Jérôme Boateng und Torwart Sven Ulreich ist das Siegerteam „Beat Adidas“ dann am Montagabend bei der Burda-Digitalkonferenz DLD ausgezeichnet worden.

Giovane Élber schaute auch vorbei Quelle: Presse

Die fünf Team-Mitglieder, zwei Frauen und drei Männer, haben eine App konzipiert, welche die Kommunikation der Generation Z mit der Marke Adidas verändern soll. Die App dockt im mobilen Online-Shop von Adidas an und bietet potenziellen Käufern über kurze Spiele-Challenges – etwa fünf Sprünge aus der Hocke innerhalb von 15 Sekunden – einen Rabatt auf Adidas-Produkte an. „Wir haben kaum geschlafen in den vier Tagen – aber die Erfahrung war großartig“, sagt Christoph Hamsen aus Berlin, der die Arbeit seines Teams auf der DLD-Bühne präsentiert hat.

Dem konnte auch der Bayern-Chef nur zustimmen: „Die Atmosphäre war wie bei einer großen Party“, berichtet Rummenigge von seinem Besuch auf den HackDays. „Die Digitalisierung wird für uns in diesem Jahr eine große Rolle spielen – sie soll ein zentraler Bestandteil unserer Strategie jenseits des Fußballplatzes sein.“ Tools wie die auf den HackDays entwickelten Apps seien eine wunderbare Möglichkeit, dass sich der FC Bayern mit seinen Fans weltweit vernetzen kann.

Christoph Hamsen und sein Team haben mit dem HackDays-Sieg eine Reise sowie Tickets zu einem Champions-League-Spiel des FC Bayern gewonnen. Der Club plant zudem, die besten Ideen und Ansätze aller teilnehmenden Teams seines ersten eigenen Hackathons weiter zu fördern.

Der in London studierende Inder Abhinav Katkam ist mit seiner Virtual-Reality-App zwar leer ausgegangen, die vier Tage in München bereut er dennoch nicht: „Ich mag die Stadt“, sagt Katkam – und schmunzelnd weiter: „Beim Fußball stehe ich ohnehin eher auf Arsenal.“

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