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Disconnect klagt Neue Runde im Kampf gegen Google

Wenn US-Firmen zu Hause kein Gehör finden, beschweren sie sich bei der EU-Kommission über Google. Der neueste Fall ist Disconnect: Die App flog aus dem Store, weil sie die Aufzeichnung von Nutzerdaten verhindert.

Google Quelle: AP

Gary Reback ist es nicht gewohnt, zu scheitern. In den Neunzigerjahren war der Anwalt aus dem Silicon Valley die treibende Kraft hinter einem erfolgreichen Wettbewerbsverfahren gegen den Softwaregiganten Microsoft in den USA. Die Medien kürten ihn damals zum „schlimmsten Albtraum von Bill Gates“.

Nun aber hat Reback einen härteren Gegner: Google-Chef Larry Page. Vor zweieinhalb Jahren musste der Jurist eine Schlappe vor der US-Wettbewerbsbehörde Federal Trade Commission (FTC) einstecken. Die sprach den Suchmaschinenriesen vom Vorwurf frei, mit seiner Marktmacht kleinere Unternehmen aus dem Markt gedrängt zu haben. Reback schalt die FTC damals als „naiv“.

Die Geschichte von Google

Jetzt spielt der Jurist über Bande und will Google mithilfe der EU-Kommission angreifen – wie immer mehr US-Unternehmen. Ende Juni gab etwa die Fotodatenbank Getty Images bekannt, in Brüssel Beschwerde zu erheben. Rund 20 Firmen, die genaue Zahl nennt die Kommission nicht, setzen mittlerweile auf Europas höchste Wettbewerbsbehörde, die sich selbst gerne als die kompetenteste ihrer Art in der Welt sieht.

Vergangenen Dienstag hat Reback eine neue Runde im Kampf gegen Google eingeläutet. Gemeinsam mit Casey Oppenheim, dem CEO des Start-ups Disconnect aus San Francisco, sprach er in Brüssel bei Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager vor. Das Thema: die förmliche Beschwerde mit 104 Seiten, die sein Mandant eingereicht hat. Der mächtige Internet-Konzern hat eine Software von Disconnect kurzerhand aus seinem App-Store für Android verbannt. Mit der Software verhindern Internet-Nutzer, das der Suchmaschinenriese ihr Surfverhalten aufzeichnet und andere Daten über sie sammelt. Oppenheim mutmaßt: Würden Kunden massenweise derartige Anwendungen einsetzen, wäre das Geschäftsmodell von Google in Gefahr: kostenlose Dienste im Gegenzug für Nutzerdaten.

Das ist Googles neues Hauptquartier
Google plant ein futuristisches Hauptquartier in Kalifornien unter gigantischen Glasdächern. Die zentrale Idee des Projekts sei Büroraum, den man frei umgestalten könne, erklärte der Internet-Konzern in einem Blogeintrag. Quelle: REUTERS
Innerhalb der langgezogenen Glaskuppeln sollen mehrstöckige Büroflächen nach Belieben umgebaut werden können – etwa wenn Teams für neue Produkte gebildet werden. Die Federführung bei dem Projekt haben der dänische Architekt Bjarke Ingels und der Brite Thomas Heatherwick. Quelle: REUTERS
Google wurde von den Gründern Larry Page und Sergey Brin einst in einer kalifornischen Garage gestartet. Aktuell sind die Google-Büros auf mehrere Gebäude-Komplexe in Mountain View verteilt, die früher von anderen Technologiefirmen genutzt wurden. Quelle: dpa
Wenn die nötigen Genehmigungen erteilt werden, sollen die ersten neuen Gebäude von Google am heutigen Sitz in Mountain View voraussichtlich zum Jahr 2020 fertig sein. Allerdings gibt es im Stadtrat von Mountain View einige Vorbehalte. So sagte ein Mitglied dem US-Sender ABC, man müsse die Folgen für den bereits starken Verkehr berücksichtigen und etwas gegen den Wohnraum-Mangel tun. Quelle: REUTERS
Google ist damit das nächste Schwergewicht der Online-Wirtschaft, das sich ein ambitioniertes neues Hauptquartier geben will. Apple baut bereits an einem riesigen kreisförmigen Gebäude in Cupertino, das Ende 2016 bezugsfertig sein soll. Quelle: REUTERS
Der Online-Händler Amazon plant in Seattle eine Zentrale in großen Glassphären, für das Entwürfe von dem renommierten Architekturbüro NBBJ stammen. Für Facebook entwarf der Stararchitekt Frank Gehry ein Haus mit bepflanztem Dach. (Foto: NBBJ) Quelle: dpa

Selbsterklärter Geschäftszweck von Disconnect ist es, die Privatsphäre der Kunden zu schützen, etwa durch das Anonymisieren von Suchanfragen. Mitgründer des fünf Jahre alten Start-ups ist ausgerechnet der ehemalige Google-Entwickler Brian Kennish; er arbeitet aber nicht mehr für die Firma. Inzwischen hat sie nach eigenen Angaben zehn Millionen Nutzer und eine Vermarkungsallianz mit der Deutschen Telekom. Deutschland ist wichtigster Auslandsmarkt.

Eine vergangenen Herbst eingeführte App für Android-Smartphones namens Disconnect Mobile ging den Google-Managern aber zu weit. Die Anwendung verhindert unter anderen, dass andere Apps das Surfverhalten eines Nutzers aufzeichnen – das Tracking – , um diese Daten für Werbezwecke zu vermarkten. Mit der Begründung, die Funktion beeinträchtige andere Apps, verbannte der Konzern die Software aus seinem Store Google Play.

Pikant ist: Google bietet selbst an, Tracking zu verhindern, und kooperiert gar mit Konkurrenten von Disconnect wie Ghostery.

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In seiner Beschwerde bei der EU behauptet Oppenheim nun, Google halte das Surfverhalten auch dann fest, wenn der Nutzer meine, dies gestoppt zu haben. Der Konzern nahm auf Anfrage nicht Stellung zu den Vorwürfen. „Google hat unsere App aus dem Store verbannt, weil sie tatsächlich Tracking verhindert“, erklärt Oppenheim. Apple hat hingegen keine Probleme mit der iPhone-Version von Disconnects App. Der Konzern ist anders als Google nicht von Werbeeinnahmen abhängig.

Da Googles Android auf 80 Prozent aller Handys läuft, sieht Oppenheim sich enorm benachteiligt. Auf ein schnelles Ergebnis kann er nicht hoffen. Die Kommission hat ihre Untersuchung zu Android erst im April begonnen. Mit Googles Suchmaschinen-Praktiken beschäftigt sich Brüssel bereits im fünften Jahr. n

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