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Einmal ein Schwein sein Virtual Reality macht uns empathischer

Datenbrillen erlauben Menschen, sich in andere Personen und Lebewesen zu versetzen. Studien zeigen: Die Technik hilft uns, emphatischer zu werden.

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Virtual Reality zum anfassen und nachvollziehen. Quelle: Getty Images

Nichts ist heute leichter, als zu einem echten Schwein zu mutieren. Du setzt eine Virtual-Reality-Brille auf, drückst auf Play – und schon sitzt du in einem Stall, zwischen lauter anderen Schweinen wie dir.
Auf kaltem Boden, hinter Metallgattern, in kaltem Neonlicht. Dann hörst du eine Stimme: „Du weiß nicht, warum du hier bist“, sagt sie. „Aber du bist hinter Gittern.“ Und binnen weniger Minuten zieht dein Schweineleben an dir vorbei: Du liegst lethargisch in deinen Exkrementen, bekommst den Schwanz ohne Betäubung abgeschnitten, siehst noch, wie die Schlachter deine kreischenden Verwandten abmurksen, bis du selbst aufs Schafott kommst.

„Durch die Augen eines Schweins“ heißt der Film, den die Tierschützer des Vereins Animal Equality auf YouTube gestellt haben. Mit einer 360-Grad-Kamera filmten sie in Schweinezuchten und Schlachthäusern das erbärmliche Leben unserer tierischen Mitbewohner auf Planet Erde. Wer sich den Film per Datenbrille anschaut, ist plötzlich mittendrin im Elend, sieht die Welt aus Schweinesicht. Ziel sei es, unseren Blick auf Tiere zu verändern, Mitgefühl für sie zu erzeugen, heißt es bei den Aktivisten. Mit Erfolg: Die deutsche Version, kommentiert von Musiker Thomas D, bekam 370.000 Klicks und erhielt den diesjährigen Webvideopreis.

Der grausige Trip durchs Schlachthaus ist einer von vielen, durchaus auch extremen Versuchen, das neue Medium Virtual Reality zu nutzen, um Menschen emphatischer zu machen, also ihr Mitgefühl für andere Lebewesen zu steigern. Denn unter Forschern gilt die virtuelle Realität inzwischen als die perfekte „Empathie-Maschine“ – mit weitreichenden Konsequenzen für die Gesellschaft, sollte sich die Technologie eines Tages zum Massenmedium entwickeln.

Videobrillenerfahrungen steigern Spenderzahl

An der University of Southern California zeigen Forscher mit den Videobrillen Testpersonen, wie sich sexuelle Belästigung anfühlt. Der Filmemacher Chris Milk versetzt Zuschauer im 360-Grad-Film „Cloud Over Sidra“ in ein syrisches Flüchtligscamp. Die Google-Cardboard-App A Walk Through Dementia wiederum lässt den Nutzer verschiedene Symptome von Demenz erleben. Und die UNO setzte derlei Filme ein, um mehr Geld für Krisen wie den Syrienkonflikt zu sammeln. Gegenüber normalen Spendenaufrufen verdoppelt sich die Zahl der Spender in Testversuchen.

Serie: Techtrends, die unser Leben nachhaltig verändern

Von solchem Empathie-Potenzial überzeugt ist nicht zuletzt Forscherkoryphäe Jeremy Bailenson. Der Gründer des Virtual Human Interaction Labs an der Universität Stanford schickt seit vielen Jahren im Labor Testpersonen in virtuelle Umgebungen, misst ihren Puls und ihren Hautwiderstand, beobachtet ihr Verhalten. „Emotionale Intelligenz“, sagt er, „kann in der virtuellen Realität ein völlig neues Niveau erreichen.“

Identität wird veränderbar

Denn die 360-Grad-Videos versetzen den Nutzer derart in die Perspektive eines anderen, dass sie messbar mitfiebern, mitleiden, mitlachen – wie in einer technologisch aufgepeppten Version des Films „Being John Malkovich“, in dem der Held in den Kopf des berühmten Schauspielers schlüpft.
Das ist aber nur der Anfang. Künftig, ist Bailenson sicher, tauchen wir per Datenbrille in täuschend echte, aber simulierte Computerwelten, in denen wir ausprobieren können, wie es ist, etwa in einem ganz anderen Körper zu stecken.

Dutzende psychologische Experimente, viele davon in Bailensons Labor, zeigten, dass solche Erlebnisse in virtuellen Welten fürs reale Leben prägen: Wer sich nur für kurze Zeit im Körper eines anderen sieht, der größer ist als er selbst, ist danach selbstbewusster. Sieht man sich als eine ältere Version im virtuellen Spiegel, steigt das Bewusstsein, Geld fürs Alter zu sparen.

Das alles steht konträr zu den Befürchtungen von Kritikern, die uns Vereinsamung und Verrohung im Cyberspace prophezeien. Dass Menschen in Computerwelten sogar rege kommunizieren, bewies schon die Parallelwelt Second Life. Bailenson lässt in der virtuellen Welt Männer ein Dasein als Frau ausprobieren oder Weiße als Schwarze. Identität, ist der Forscher überzeugt, wird veränderbar.

Bailenson erforscht mitunter noch ausgefallene Wege: So stattete er in Experimenten in einem virtuellen Klassenzimmer den Lehrer mit einer übermenschlichen Fähigkeit aus: Er konnte allen seinen Schülern im virtuellen Raum gleichzeitig in die Augen schauen. Die Testpersonen, derart persönlich angesprochen, verhielten sich disziplinierter und lernten ihren Stoff schneller und besser.

Virtual-Reality-Brillen

Sogar das Mitgefühl mit sich selbst kann Virtual Reality steigern: Wissenschaftler des University College in London ließen Depressive per Datenbrille ein virtuelles weinendes Kind trösten. Danach schlüpften sie in die Rolle des Kindes und erlebten aus ihrer Sicht den erwachsenen Avatar, den sie zuvor verkörpert hatten. Ziel des Rollenwechsels: zu lernen, sich selbst zu trösten. Einen Monat später berichteten einige Patienten, dass die Therapie sie in realen Situationen weniger selbstkritisch gemacht habe. 9 von 15 Teilnehmern fühlten sich sogar weniger depressiv.

Schwein gehabt!

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