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Entwicklerkonferenz Googles spektakulärer Dreifachschlag

Tablet, Cyberbrille und Cloud Computing: Gleich an drei Fronten hat Google auf der Entwicklerkonferenz zugeschlagen. Dabei attackiert der Internetriese vor allem den aufstrebenden Konkurrenten Amazon.

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Die Cyberbrille lässt Google-Mitgründer Sergej Brin cool und innovativ aussehen. Quelle: REUTERS

Die Konferenzen von Apple werden von der Fangemeinde traditionell wie Gottesdienste gefeiert. Selbst wenn - wie zuletzt - kaum mehr als an flacherer Rechner und ein Update des Betriebssystems vorgestellt werden, kennen die so genannten Fanboys an diesen Tagen kaum ein anderes Thema bei Twitter & Co.

Vergleichbare Veranstaltungen von Google werden dagegen längst nicht so enthusiastisch verfolgt, dabei war es durchaus beeindruckend, was der Internet-Riese in dieser Woche auf seiner Entwicklerkonferenz präsentierte. Gleich an drei Fronten hat das Unternehmen dabei zum Schlag gegen die Konkurrenz ausgeholt.

Google-Gründer spielt „Mission Impossible“

Den spektakulärsten Auftritt im Moscone-Center San Francisco legte dabei Google-Mitgründer Sergej Brin hin. Mit der futuristischen Datenbrille betrat er die Bühne und inszenierte die Präsentation im Stile eines „Mission Impossible“-Kinofilms. Aus einem Luftschiff, das über dem Konferenzzentrum kreiste, stürzten sich Fallschirmspringer mit einer Datenbrille auf der Nase in die Tiefe. Die Bilder aus der Brillenkamera wurden über eine Videoschaltung (Google Hangout) in die Halle übertragen. So konnten die Besucher live sehen, wie die Fallschirmspringer auf dem Dach des Konferenzraums landeten und sich dann wie Tom Cruise zu seinen besten Zeiten an der Glasfassade abseilten, um schließlich in dem Saal mit frenetischem Beifall bejubelt zu werden.

Dabei ist Google Glass in diesem Entwicklungsstadium noch lange kein fertiges Produkt. Erst in einem halben Jahr werden experimentierfreudige Entwickler in den USA für 1500 Dollar ein „Explorer-Pack“ erwerben können, um dann Anwendungen für die Cyber-Brille schreiben zu können. Es gebe leider noch einige Regulierungsfragen, die einen Einsatz außerhalb der USA derzeit nicht möglich machten, räumte Brin ein.

Auf den Markt kommt die Cyber-Brille dann eher erst 2014. Google Glass ist damit kommerziell am wenigsten relevant, doch das Unternehmen hat damit in einem möglichen Zukunftsmarkt die Nase vorn und stärkt zudem seine Position als innovatives und cooles Unternehmen – ein nicht zu unterschätzendes Argument im schwierigen Kampf um die besten Talente im Silicon Valley.

Die größten Flops von Google
Google Quelle: dpa
Google Videos Quelle: Screenshot
Google X Quelle: Screenshot
Larry Page Quelle: REUTERS
KnolZu den Projekten die eingestellt werden gehört auch Knol. Es sollte Googles Alternative zu Wikipedia sein: Eine Wissenssammlung, bei der die Nutzer die Artikel schreiben und bearbeiten. Der Erfolg hält sich in Grenzen – oder kennen Sie intensive Knol-Nutzer? Quelle: Screenshot
Google WaveNach knapp einem Jahr hat Google sein Projekt „Wave“ wieder gestoppt. Beim Start hatte der Konzern noch getönt, Wave sei wie die Neu-Erfindung der Mail. Doch selbst viele Nerds konnten mit dem Angebot nichts anfangen, mit dem man Nachrichten gemeinsam bearbeiten und kommentieren konnte. Ende April 2012 wird Wave nun endgültig dicht gemacht.  
LivelyAls der Hype um virtuelle Welten wie Second Life noch groß war, startete Google "Lively". Damit konnten Avatare geschaffen werden und Räume in denen man sich treffen konnte. Resonanz und Halbwertzeit waren dürftig: nach nicht einmal sechs Monaten wurden die neuen Tummelplätze wieder geschlossen. Quelle: Screenshot


Die wichtigste Neuvorstellung war das Tablet Nexus 7, dass Google zum Kampfpreis von 199 Dollar auf den Markt bringt. Mit dem radikalen Strategieschwenk hin zur Herstellung von eigener Hardware intensiviert Google den Kampf um den Tablet-Markt. Doch die Attacke zielt nicht nur auf Apple, dass mit seinem iPad die meisten Android-Tablets lange zu Ladenhütern machte. Vielmehr ist das Nexus auch ein Kampfansage an Amazon.
Mit seinem Tablet Fire das ebenfalls knapp 200 Dollar und damit weniger als die Hälfte des iPad kostet, hat Amazon in kürzester Zeit den Markt der Android-Tablets in den USA aufgerollt und dort inzwischen einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent erobert.

Gestern holte Google dann zum dritten Schlag aus und der zielt ebenfalls auf Amazon: Google wird künftig in großem Stil Rechenleistung vermieten. Der für die technische Infrastruktur des Konzerns zuständige Manager Urs Hölzle kündigte an, die Leistung der Google-Rechenzentren künftig als Service anzubieten. Dabei kann eine gigantische Rechenleistung von bis zu 600 000 Prozessorkernen aus dem Netz bezogen werden.

Die Billionen-Dollar-Frage

Google-Manager Urs Hölzle: „50 Prozent mehr Rechenleistung für den Dollar“ Quelle: REUTERS

Künftig können Google-Kunden ihre eigenen Anwendungen auf Computern mit dem freien Betriebssystem Linux in der Google-Cloud laufen lassen. Mit der neuen Geschäftsstrategie tritt Google vor allem gegen Amazon und seinen Cloud-Hosting-Dienst EC2 an. Der Suchmaschinenkonzern macht mit dem neuen Dienst aber auch VMWare, Oracle oder Rechenzentren-Betreibern wie T-Systems Konkurrenz. Auch Microsoft ist mit Windows Azure im Cloud-Geschäft aktiv und hat erst Anfang des Monats eine Ausweitung seiner Dienstleistungen vorgestellt.

Hölzle sagte, der Google-Service werde „50 Prozent mehr Rechenleistung für den Dollar“ bieten als die Angebote der Wettbewerber. Demnächst werde eine „eingeschränkte Vorschau-Phase“ anlaufen. Wie sehr es Google daher gelingen kann, Amazon Kunden abspenstig zu machen bleibt abzuwarten. „Google fehlen Tiefe und Optionen von Amazon“, bemängelt das IT-Fachmagazin Zdnet. Zudem könnte Amazon mit besseren Angeboten bei Preis oder Rechenleistung kontern.
Amazons Milliardengeschäft
Bereits 2008 hatte Google mit einer App Engine versucht, eine Alternative zu Amazon anzubieten, machte dabei jedoch vergleichsweise strenge Vorgaben an die Programmierer, diese konnten beispielsweise nur bestimmte Programmiersprachen nutzen.

Themen



Viele Unternehmen und Entwickler nutzten wegen der größeren Möglichkeiten daher lieber Amazons Elastic Compute Cloud Service. Für den Online-Händler ist das Cloud-Geschäft durchaus lukrativ. Amazon schlüsselt die Einnahmen daraus nicht genau auf, dürfte in diesem Jahr jedoch mehr als eine Milliarde Umsatz damit machen. Mittelfristig soll der Anteil genauso groß werden, wie das Online-Handelsgeschäft – der Gesamtumsatz 2011 betrug übrigens 48 Milliarden Dollar. „Die Schlacht darum, Entwickler in Cloud und Mobil-Plattformen einzuschließen ist die Billionen-Dollar-Frage des 21. Jahrhunderts“, sagt der US-Technikexperte Om Malik, der als erster über Googles neue Cloud-Pläne geschrieben hatte.

Mit Material von dpa

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