Erinnerungen in der digitalen Welt „Die Würde des Menschen erlischt nicht mit dem Tod“

Der Medienethiker Christian Schicha erklärt, wie soziale Netzwerke mit den Daten von verstorbenen umgehen sollten und warum es keinen Unterschied zwischen digitalem und analogem Nachlass gibt.

Christian Schicha ist Professor für Medienethik an der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg.

Was passiert mit unseren digitalen Erinnerungen in Form von Fotos, Video und Posts nach unserem Tod. Das Berliner Kammergericht entschied, dass Eltern keinen Zugriff auf das Facebook-Konto ihrer Kinder bekommen. Medienethiker Schicha glaubt hingegen, dass auch digitaler Nachlass vererbt werden können sollte.

Herr Schicha, wem gehören unsere Erinnerungen in Zeiten von Facebook, Google und Co?
Erstmal gehören die Erinnerungen natürlich jedem selbst und jeder sollte darüber selbst verfügen. Nun wissen wir alle, dass unsere Daten von diesen Unternehmen auch kommerziell genutzt werden und letztendlich geben wir ja auch dazu durch die Nutzung dieser Dienste unser Einverständnis. Im Prinzip ist das eine Art Handel: Wir bekommen die Möglichkeit uns sehr bequem mit anderen auszutauschen und zu präsentieren, dafür geben wir dann Informationen preis.

Aber dieser Handel gilt doch über den Tod hinaus.
Verstorbene haben aber auch in anderen Bereichen über den Tod hinaus Rechte, die dann auch auf die Angehörigen übergehen. Die Würde des Menschen erlischt nicht mit dem Tod. Wenn jemand Tote beleidigt oder Gräber schändet, ist das auch ein Straftatbestand. Deshalb ist die moralisch interessante Frage, was mit den Daten passiert.

Da ist es meiner Meinung nach ein Stück weit makaber, wenn ein Plattformbetreiber auch über den Tod hinaus auf die Daten besteht. Vielmehr sollten die engsten Angehörigen entscheiden dürfen, was mit den Daten passiert. Die Nutzung der Facebookseite als Gedenkstätte ist eine Möglichkeit. Im Zweifelsfall sollten sie aber auch über die Löschung entscheiden dürfen.

Was Sie beim digitalen Nachlass beachten müssen

Sind wir in der digitalen Welt überhaupt noch Herr über unser Daten?

Dies ist eigentlich nur dann der Fall, wenn wir uns gegenüber den digitalen Formen komplett datenabstinent verhalten und auch keine anderen Personen Informationen über uns ins Netz einspeisen.

In dem Berliner Fall argumentiert Facebook mit dem Briefgeheimnis. Wenn die Eltern die Chatverläufe ihre Tochter lesen dürfen, würde das die Rechte der Facebook-Freunde verletzten. Wie stehen Sie dazu?
Das ist ein triftiges Argument. Denn natürlich haben auch die anderen Chatteilnehmer Persönlichkeitsrechte. Es müsste jedoch möglich sein, sich von den Betroffenen das Einverständnis dafür zu holen. Wenn die sich dann weigern, halte ich das aber für einen guten Grund, die Chatverläufe nicht an die Eltern weiterzugeben.

Bei Briefen oder Tagebüchern gibt es grundsätzlich ein ähnliches Problem. Gestehen wir mit diesem Vorgehen der digitalen Welt nicht mehr Rechte zu als der analogen?
Über ihr Testament haben Sie ja auch bei ihrem analogem Nachlass die Möglichkeit, zu entscheiden, wer was lesen darf. Sie könnten zum Beispiel verfügen, dass Ihr Tagebuch nicht an Ihre Eltern sondern an Ihre beste Freundin geht. Außerdem könnten Sie einen Anwalt oder Notar damit beauftragen, es zu vernichten oder erst später zu veröffentlichen. Diese Regeln, die der verstorbene festsetzt, kann man auch in den digitalen Bereich übertragen. Auch wenn sich Form und Umfang unterscheiden, sehe ich keinen Grund, warum wir das verschieden handhaben sollten.

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