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Essay Das ich-Phone

Das iPhone wird zehn Jahre alt. Trotz aller wirtschaftlicher Erfolge: Fortschritt zum Wohle aller hat es nicht gebracht. Vielmehr ist es ein Symbol dafür, wie kleingeistig und selbstversessen wir geworden sind, wenn es um echte technologische Durchbrüche geht – als Individuen, aber auch als Wirtschaft.

iPhone-2G Quelle: dpa

Es gibt schon Start-up-Gründer, die Geld damit verdienen wollen, dass wir das iPhone wegsperren. Eine schlaue Box haben sie konzipiert, so programmiert, dass das Gerät darin wie in einem Tresor für eine gewisse Zeit verschwindet. Zu öffnen ist sie nur für Notrufe. Damit Familien wieder zu Abend essen können, ohne dass Mama den Facebook-Feed checkt, die Tochter noch schnell ein Foto von sich als Regenbogen speiendes Einhorn snapt oder Papa seine E-Mails liest. Hatte Steve Jobs, der verstorbene Apple-Chef, vorausgesehen, dass er viele von uns zu Junkies machen würde, als er vor zehn Jahren dieses kleine schwarze Ding auf den Markt brachte?

Keine Erfindung in der jüngeren Technologiegeschichte hat unseren Alltag so verändert wie das iPhone. Zum ersten Mal konnten wir damit mit einem Telefon online surfen, und das per Fingerwisch und kinderleicht. Es sah auch noch cool aus, genauso wie sein Vermarkter. Steve Jobs selbst kam nach Berlin damals. Im Rollkragenpulli saß er im Herbst 2007 im opulenten Hauptstadtbüro der Deutschen Telekom, um das Gerät auch hierzulande vorzustellen. In den USA war es da schon ein Hit. Und viele Journalisten brachten neben ihren Notizblöcken vor allem Ehrfurcht mit: Das iPhone war von Anfang an die gelungenste PR-Inszenierung aller Zeiten. Erinnert sich noch jemand an die Schlangen vor den Apple-Stores?

Die Konkurrenz hat das iPhone schließlich so lange kopiert, bis sie besser wurde als das Original. Der größte Rivale, Samsung, geriet bald selbst an seine Grenzen, nachdem den iPhone-Machern in Kalifornien die Ideen ausgingen. Denn schon länger hat das Smartphone designed in California nichts wirklich Neues mehr zu bieten als dünner oder länger zu werden. Schnurlose Kopfhörer sollten es zuletzt richten.

Künstliche Intelligenz, neuronale Netzwerke, virtuelle Realität – heute heißen die Schlagwörter anders. Vielleicht bringt demnächst jemand ein neues, ungeahntes Gerät auf den Markt, das das iPhone in seiner Stellung in der Geschichte technologischer Errungenschaften ablösen wird. Es wäre an der Zeit.

Das iPhone ist ein einzigartiger Erfolg, aber auch ein einseitiger. Technologischen Fortschritt zum Wohle aller hat es nicht gebracht. Vielmehr ist es ein Symbol dafür, wie kleingeistig wir in Sachen technologischer Ambitionen zuletzt geworden sind und wie selbstversessen – als Individuen und als ganzes Wirtschaftssystem.

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