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Essay Die Technik kostet uns ein Stückchen Freiheit

Noch nie waren wir persönlich so sehr an die Technologie gekettet wie heute. Was das mit jedem einzelnen und der Gesellschaft macht.

Zehn Tipps zum besseren Googeln
Die Verwendung von Anführungszeichen: Durch das Einklammern der Suchbegriffe mit Anführungszeichen sucht Google ausschließlich nach den Begriffen, exakt so wie sie in der Klammer stehen. Suchen Sie beispielsweise nach "Hans Sinn" werden Seiten, die sich auf den Ökonom Hans Werner Sinn beziehen, nicht berücksichtigt. Quelle: dapd
Begriffe ausschließen oder einfügen: Durch die Verwendung des Plus- oder Minuszeichens können Sie die Suchanfrage eingrenzen, indem Sie Google zum Einschließen oder Auslassen bestimmter Begriffe zwingen. Sie können auch mehrere Begriffe gleichzeitig bei der Suche ausgrenzen oder einfügen. Die Suche nach Berlin -Hotels zeigt beispielsweise ausschließlich Suchanfrage zur Hauptstadt, die sich nicht auf Hotels beziehen. Quelle: dpa
Die Verwendung von Sternchen: Wenn Sie nach einem bestimmten Zitat suchen, dieses jedoch nicht komplett kennen, können Sie die Sternchen ihrer Tastatur als Platzhalter für den nicht bekannten Teil des Textes verwenden. Angenommen Sie suchen nach dem Gedicht "Die Glocke" von Friedrich Schiller und kennen lediglich eine Zeile. Schreiben Sie: Fest gemauert in der Erden*, geben Sie Google zu erkennen, dass der Text hinter dem Sternchen weitergeht. Ein Sternchen vor dem Text steht dementsprechend für einen fehlenden Bereich vor dem Anfang der bekannten Passage. Quelle: REUTERS
Die Suche nach Dateiformaten: Suchen Sie bei Google nach Informationen in bestimmen Dateiformaten, schreiben Sie in das Suchfenster lediglich filetype: und das entsprechende Format und schon schlägt Ihnen die Suchmaschine lediglich Ergebnisse in dieser Form vor. Geben Sie beispielsweise: Daimler Jahresbericht filetype:pdf ein, erhalten sie den Jahresbericht des Automobilkonzerns im pdf-Format. Quelle: REUTERS
Den Browser aufräumen: Google verdient Geld, durch den Verkauf von Anzeigen, die auch im Suchfenster auftauchen. Damit ihre Suchanfrage aufgrund des Besuchs anderer Websites nicht verfälscht wird, sollten Sie ihren Browser aufräumen und die Cookies löschen. Diese kleinen Dienstprogramme merken sich, auf welchen Seiten Sie unterwegs waren und geben das an die Suchmaschine weiter. Die Suchmaschine ordnet dann Ergebnisse, die ihren Interessen entsprechen weiter nach oben. In den meisten Browsern löschen Sie ihre Cookies durch einen einfachen Klick in den Browsereinstellungen. Quelle: dpa
Die Suche nach Tabellen: Mittels Googles neuer Funktion Tables können Sie einfach nach Tabellen und Statistiken suchen. Wollen Sie beispielsweise den weltweiten Wirtschaftswachstum wissen, geben Sie bei Tables lediglich Worldwide Growth ein, und schon erhalten Sie zahlreiche Tabellen zum weltweiten Wachstum. Quelle: dpa
Die erweiterte Suche: Über Googles erweitere Suche können Sie ihre Anfrage nach zahlreichen Parametern definieren. So können Sie angeben, dass die Ergebnisse nur von bestimmten Seiten stammen dürfen, wo der Suchbegriff auf der Website erscheinen darf oder aus welchen Land die Ergebnisse kommen dürfen. Quelle: dapd

Eine einzige Frage reichte, um den konservativen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney im amerikanischen Wahlkampf 2012 als Lachnummer abzustempeln. „Warum kann man im Passagierflugzeug eigentlich kein Fenster öffnen, um schnell mal frischen Sauerstoff in die Kabine zu lassen?“, sagte der Obama-Herausforderer zu Reportern der „Los Angeles Times“. Kurz zuvor war ein Privatjet mit seiner Frau Ann wegen Rauchentwicklung in der Kabine in Denver notgelandet. Dass die Bullaugen in Verkehrsflugzeugen nicht zu öffnen seien, empfand der Technikkritiker aus Massachusetts anscheinend als eine krasse Art von Freiheitsberaubung.

Obwohl Romney seine Frage als Scherz gemeint hatte, ergoss sich Stunden später der Spott der Nation in Kommentaren, Blogs und Tweets über den konservativen Politiker. Hahaha..., in der Stratosphäre ein Fenster aufmachen! Ganz Amerika kicherte über „Mister Oxygen“, den Mann, der Boeing-Jets angeblich mit Fensterkurbeln nachrüsten wollte.

Dabei war Romneys Fragestellung längst nicht so dämlich, wie sie sich zunächst liest. Im Grunde war der Politiker (wohl eher versehentlich) auf ein fundamentales Dilemma der Technikphilosophie gestoßen: Innovation gibt es nicht umsonst. Der erste Lehrsatz der Technikfolgenabschätzung nämlich lautet, dass jede neue technische Errungenschaft neben Fortschritten zwangsläufig auch Einschränkungen mit sich bringt.

Die Währung, in der die Anwender den Preis für technologische Verbesserungen am häufigsten bezahlen, heißt Freiheit: Für jede zusätzliche Annehmlichkeit, die uns die Technik beschert, wird ein Stückchen individuelle oder gesellschaftliche Freiheit fällig. Überspitzt ausgedrückt: Technischer Fortschritt und individuelle Unabhängigkeit verhalten sich umgekehrt proportional. Wer mehr von Ersterem will, muss ein Stück von Letzterer opfern.

Wie Big Data Ihr Leben verändert
Dicht an dicht: Wenn die Autos auf der Straße stehen, lässt sich das mit moderner Technologie leicht nachvollziehen. Zum einen gibt es Sensoren am Straßenrand, zum anderen liefern die Autos und die Smartphones der Insassen inzwischen Informationen über den Verkehrsfluss. Diese Daten lassen sich in Echtzeit auswerten und mit Erfahrungswerten abgleichen – so wird klar, wo gerade ungewöhnlich viel los ist und beispielsweise eine Umleitung Sinn ergeben würde. Ein Pilotprojekt dazu lief in der Rhein-Main-Region, allerdings nur mit rund 120 Autos. Langfristig ist sogar das vollautomatische Autofahren denkbar – der Computer übernimmt das Steuer. Eines ist aber klar: Alle Big-Data-Technologien helfen nichts, wenn zu viele Autos auf zu kleinen Straßen unterwegs sind. Quelle: dpa
Fundgrube für Forscher: Google Books ist nicht nur eine riesige digitale Bibliothek. Die abertausenden eingescannten Texte lassen sich auch bestens analysieren. So kann nachvollzogen werden, welche Namen und Begriffe in welchen Epochen besonders häufig verwendet wurden – ein Einblick in die Denkweise der Menschen. Der Internet-Konzern nutzt den Fundus außerdem, um seinen Übersetzungsdienst Translate zu verbessern. Quelle: dpa Picture-Alliance
Schnupfen, Kopfschmerz, Müdigkeit: Das sind die typischen Symptome der Grippe. Aber wann erreicht die Krankheit eine Region? Bislang konnte man das erst feststellen, wenn es zu spät war. Der Internet-Riese Google hat ein Werkzeug entwickelt, mit dem sich Grippewellen voraussagen lassen: Flu Trends. Bei der Entwicklung hielten die Datenspezialisten nicht nach bestimmten Suchbegriffen Ausschau, sondern nach Korrelationen. Wonach also suchten die Menschen in einer Region, in der sich das Virus ausbreitete? Sie filterten 45 Begriffe heraus, die auf eine unmittelbar anrollende Grippewelle hindeuten – ohne dass irgendein Arzt Proben sammeln müsste. Quelle: dpa Picture-Alliance
Aufwärts oder abwärts? Die Millionen von Kurznachrichten, die jeden Tag über Twitter in die Welt gezwitschert werden, können Aufschluss über die Entwicklung der Börsen geben. Denn aus den 140 Zeichen kurzen Texten lassen sich Stimmungen ablesen – das hat ein Experiment des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) gezeigt. Je intensiver die Emotionen, desto stärker die Ausschläge. Marktreife Investitionsmodelle, die auf Tweets setzen, gibt es indes noch nicht. Quelle: dpa
Lotterie am Himmel: Die Preise von Flugtickets lassen sich für Laien kaum nachvollziehen. Auch eine frühe Buchung garantiert kein günstiges Ticket, weil die Fluggesellschaften ständig an der Schraube drehen. Das wollte sich der Informatiker Oren Etzioni nicht gefallen lassen: Er sammelte mit seiner Firma Farecast Millionen von Preisdaten, um künftige Preisbewegungen zu prognostizieren. 2008 kaufte Microsoft das Start-up, die Funktion ist jetzt in die Suchmaschine Bing integriert. Quelle: dpa Picture-Alliance
Jeder Meter kostet Zeit und Geld. Daher wollen Logistikunternehmen ihre Fahrer auf kürzestem Wege zum Kunden lotsen. Der weltgrößte Lieferdienst UPS führt dafür in einem neuen Navigationssystem Daten von Kunden, Fahrern und Transportern zusammen. „Wir nutzen Big Data, um schlauer zu fahren“, sagte der IT-Chef David Barnes der Nachrichtenagentur Bloomberg. Im Hintergrund läuft ein komplexes mathematisches Modell, das auch die von den Kunden gewünschten Lieferzeiten berücksichtigt. Quelle: dpa Picture-Alliance
Es waren nicht nur gute Wünsche, die US-Präsident Barack Obama 2012 zur Wiederwahl verhalfen: Das Wahlkampf-Team des Demokraten wertete Informationen über die Wähler aus, um gerade Unentschlossene zu überzeugen. Dabei griffen die Helfer auch auf Daten aus Registern und Sozialen Netzwerke zurück. So ließen sich die Bürger gezielt ansprechen. Quelle: dpa

Bei jeder neuen Technologie stellt sich denn auch wieder die Frage, ob der Gewinn, den sie verspricht, ihre potenziell negativen Folgen aufzuwiegen vermag. Ob es sich lohnt, auf einer Ebene ein Stück Freiheit zu opfern, um auf einer anderen ein größeres Stück davon zu erlangen? Für das Privileg, in wenigen Stunden mit Mach 0,8 ganze Kontinente und Ozeane zu überfliegen, opfern die meisten Menschen jedenfalls gern die Freiheit, die Nase dabei in den Wind zu halten.

Wie ein roter Faden zieht sich der subtile, aber strikte Antagonismus von Technik und Freiheit durch alle Techniksparten. Nehmen wir zum Beispiel die Energietechnik. Wie stählerne Nabelschnüre durchziehen Öl- und Gaspipelines Kontinente und Meere. Sie versorgen ganze Volkswirtschaften mit den fossilen Brennstoffen, ohne die in der industrialisierten Welt nichts mehr geht. Der Preis für den technischen Komfort, an einem eisigen Wintermorgen den Regler am Thermostat mal eben um ein paar Grad höher drehen oder in der Hundehitze des Sommers die Klimaanlage einschalten zu können, ist die kollektive energetische Abhängigkeit von den produzierenden Ländern.

Abhängigkeit aber ist nur ein hübscheres Wort für Unfreiheit. Doch wer will schon zur großen Freiheit der ums Lagerfeuer kauernden Neandertaler zurückkehren?

Technik und Unfreiheit

Landwirtschafts-Trend Roboter

Ein ähnlicher Dualismus von Technik und Unfreiheit herrscht in der einst autarken Landwirtschaft: Längst vorbei sind die Zeiten, in denen der Bauer als sein eigener Herr über Feld und Hof schritt. Computerisierte Agrartechnik, patentierte schädlingsresistente Pflanzen, GPS-gesteuertes Precision Farming, Ernteroboter und stetig steigende Ernteerträge stehen auf der Sonnenseite der agrartechnischen Innovation – aber hohe Schuldenlast und finanzielle Abhängigkeit von Herstellern des patentierten Saatgutes auf ihrer Schattenseite. Auch die Landwirte zahlen also – aus freiem Entschluss und nüchternem Kalkül – den Preis für den technischen Fortschritt mit einem Stück individueller Freiheit.

Selbst in der Medizin gibt es den Fortschritt nicht umsonst: Noch nie seit Hippokrates hatten die Ärzte im Kampf gegen Krankheit und Sterblichkeit ein so raffiniertes technisches Arsenal zur Hand wie heute. Dank neuer medizin- und pharmatechnischer Entwicklungen springen immer mehr Patienten dem Tod von der Schippe, nimmt die durchschnittliche Lebenserwartung in industrialisierten Ländern seit Jahrzehnten kontinuierlich zu.

Doch der perfide Nebeneffekt der technischen Innovation ist, dass viele Krankenhäuser unter der Investitionslast der neuen Technik kollabieren und dass medizinische Intensivpflege fast unbezahlbar wird. Schlimmer noch: Vor lauter Fortschritt sind immer mehr schwerstkranke Menschen gegen ihren Willen in ihrem siechen Körper gefangen: vernabelt und verkabelt mit Maschinen, Monitoren und Computern, die sie künstlich am Leben halten.

Die letzte Freiheit im Leben – in Ruhe sterben zu dürfen – muss sich der Patient heute im Voraus per Verfügung verbriefen lassen. Sonst wird auch sie ihm durch eine perfekt empathiefreie lebensverlängernde Medizin geraubt.

Wie Computer wurden, was sie sind
Apple-Mitgründer Steve Jobs wollte einen Computer entwickeln, den jeder bedienen kann. Inspiration fand er im Forschungszentrum Xerox PARC: Dort hatten die Tüftler eine grafische Benutzeroberfläche (graphical user interface, GUI) programmiert, die Jobs bei einem Besuch elektrisierte. „Innerhalb von zehn Minuten war mir klar, dass eines Tages alle Computer so arbeiten würden“, sagte er Jahre später in einem Fernsehinterview. 1983 brachte Apple das Modell Lisa samt einer Maus heraus – den ersten Computer mit grafischer Benutzeroberfläche für den Massenmarkt. Allerdings reagierte die Technik nur sehr behäbig. Und der Preis von 10.000 Dollar war für die meisten Privatanwender zu hoch (in Deutschland kostete der Rechner 30.000 DM). Lisa erwies sich als großer Flop, die Restbestände wurden später in der Wüste von Utah entsorgt. Doch Lisa bahnte der Technologie den Weg. Quelle: mac-history.net
Doch Steve Jobs ließ sich vom Misserfolg mit dem Lisa nicht beirren und entwickelte bei Apple mit einem verschworenen Team den Macintosh, der sich ebenfalls mit einer Maus bedienen ließ und deutlich billiger war. Hier ist der junge Firmengründer (l.) 1984 bei der Vorstellung des Rechners mit dem damaligen Apple-Chef John Sculley zu sehen. Der Werbespot für diesen Computer, gedreht von Regisseur Ridley Scott, ist bis heute legendär – er soll zeigen, wie der Apple-Rechner die geknechteten Nutzer von IBM, dem „Big Brother“ mit seinen Einheits-PCs, befreit.
Das Gerät sollte nicht die Geschäftsleute begeistern, sondern die Massen. In Sachen Benutzerfreundlichkeit setzte Apple Maßstäbe, doch der Erfolg stellte sich erst über die Jahre ein, zumal Konkurrent IBM mit seinem PC reißenden Absatz fand. Der war zwar nicht so bequem zu bedienen, es gab aber viel mehr Anwendungen für ihn. Immerhin gelang es Apple mit der Zeit, eine treue Fangemeinde aufzubauen – auch in den Jahren ohne Steve Jobs. Der musste Apple 1985 nach einem Machtkampf mit Firmenchef Sculley verlassen. Quelle: dpa
Zum Durchbruch verhalf der grafischen Benutzeroberfläche nicht Steve Jobs, sondern ein junger Bursche namens Bill Gates. Sein Startup Microsoft entwickelte für den Computerhersteller IBM das Betriebssystem MS-DOS. In den 80er Jahren entdeckte Gates beim damaligen Partner Apple die intuitive Bedienung per Maus und ließ daraufhin die Benutzeroberfläche Windows entwickeln, die später Bestandteil aller Systeme wurde. 1985 kam die erste Version heraus, die ersten großen Erfolge gelangen in den 1990er Jahren mit Windows 3.0 und Windows 3.1. Heute ist Microsoft ein Software-Gigant und Windows der Quasi-Standard auf PCs. Quelle: dpa
Windows 95 bedeutete für Microsoft den Durchbruch – spätestens seit der Präsentation im namensgebenden Jahr 1995 kam kein Computerhersteller mehr an dem Betriebssystem vorbei. Damals führte der Software-Konzern auch den Start-Button ein, über den heute Millionen von Nutzern Programme aufrufen oder auch den Rechner ausschalten. Weitere Meilensteine in der Entwicklung sind Windows XP (2001) und Windows 7 (2009). Aktuell vermarktet Microsoft Windows 8. Quelle: dpa
Steve Jobs verhalf nicht nur der grafischen Benutzeroberfläche zum Durchbruch, sondern auch dem Touchscreen: Nach seiner Rückkehr zu Apple ließ er das iPhone entwickeln – hier die Präsentation im Januar 2007. Es war zwar nicht der erste Handy mit berührungsempfindlicher Oberfläche, hatte aber dank seiner intuitiven und ruckelfreien Bedienung so viel Erfolg wie kein Gerät zuvor. Für damalige Verhältnisse war das revolutionär, heute ist es Standard. Denn Apple fand viele Nachahmer. Quelle: AP
Auch im iPod Touch setzte Apple später seinen Touchscreen ein. Inzwischen kommt die Technologie in immer mehr Geräten zum Einsatz, auch in Notebooks oder Uhren. Quelle: AP

Doch nirgendwo tritt das Freiheits-Paradox so krass zutage wie in der Informations- und Kommunikationstechnik, die heute vom Lebensnotwendigen bis zum Überflüssigen, vom Banalen bis zum Metaphysischen sämtliche Lebensbereiche durchdringt und unsere Freiheiten dabei auf vielfältige und verzwickte Weise beschneiden kann. Ohne die etablierte Informationsinfrastruktur wären Gesellschaften lahmgelegt, könnten Regierungen, Volkswirtschaften, Verkehrssysteme, Bildungseinrichtungen oder Armeen nur noch rudimentär funktionieren, wäre Zivilisation, wie wir sie kennen, nicht mehr möglich.

Längst ist die Abhängigkeit von Computern, Servern, Datenbanken und Kommunikation so unausweichlich geworden, dass das öffentliche wie auch das private Leben regelrecht in Bits und Bytes eingesülzt ist. Es gibt kein Zurück in den analogen Lebensmodus. Eine Welt ohne Informationstechnik ist heute so schwer vorstellbar geworden wie eine ohne Energie-Ressourcen.

Doch welcher Preis wird dann für so viel Abhängigkeit fällig? Eine klare Antwort kam im letzten Sommer aus Washington. Zug um Zug machten immer neue Enthüllungen und Schockmeldungen über die weltweite heimliche Datenüberwachung durch die amerikanische National Security Agency (NSA) deutlich, dass die Vertraulichkeit und Sicherheit der Daten im Netz ungeachtet von Passwörtern und vermeintlich sicherer Verschlüsselung nichts als eine fromme Illusion ist. Die persönlichen Informationen, die wir in die viel gepriesene und ach so praktische Daten-Cloud auslagern, könnten wir geradeso gut gleich zu den NSA-Servern hochladen.

Die NSA

Die starken Sprüche zur NSA-Affäre
Christian FlisekDer SPD-Obmann im NSA-Untersuchungsausschuss, Christian Flisek, sagte dem Bayerischen Rundfunk, sollte sich der Verdacht erhärten, dass zwei Jahre lang ein Spion der US-Geheimdienste beim Bundesnachrichtendienst (BND) gearbeitet und den Untersuchungsausschuss ausspioniert hat, wäre das ein „Skandal“ und „Angriff auf die parlamentarische Demokratie“. Dies müsste Konsequenzen haben, sowohl im Bereich der Zusammenarbeit der Geheimdienste als auch im Bereich der Politik. Quelle: dpa
Volker BeckDer innenpolitische Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, Volker Beck, sagte „Handelsblatt Online“: „Die Verantwortung für die Aktivitäten des BND liegen im Bundeskanzleramt. Wir erwarten, dass die Aufklärung über diesen Vorgang schonungs- und rückhaltlos von höchster Stelle angeordnet wird.“ Quelle: dpa
Bernd RiexingerDie Linkspartei sieht das Kanzleramt in der Verantwortung. „Alle Finger zeigen auf das Kanzleramt und dessen Chef“, sagte der Parteivorsitzende Bernd Riexinger der „Rheinischen Post“. „Der BND ist auf dem atlantischen Auge blind“, erläuterte er. Wenn die Spionageabwehr offenkundig noch nach den Mustern des Kalten Krieges funktioniere, stelle sich die Frage nach der politischen Verantwortung für eine Fehlsteuerung. Riexinger forderte, die Bundesregierung müsse den Amerikanern jetzt „die Zähne zeigen“ und das Parlament parteiübergreifend „gegen diesen Angriff auf seine Freiheit Stellung beziehen“. Quelle: dpa
Konstantin von NotzDer Grünen-Obmann im NSA-Untersuchungsausschuss, Konstantin von Notz, sagte den „Ruhr Nachrichten“, wenn sich der Verdacht bewahrheite, handele es sich um einen „ungeheuerlichen Vorgang“. „Es kann nicht hingenommen werden, wenn der NSA-Ausschuss, der die Ausforschung von Millionen Deutschen aufklären soll, selbst ausgeforscht wird.“ Ein solcher Vorgang müsste Konsequenzen haben. „Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, müsste es auch gegenüber den Amerikanern eine deutliche Reaktion geben. Die Ausforschung eines Bundestagsgremiums ist keine Lappalie.“ Quelle: dpa
Larry PageAls nächster Spitzenmanager aus der Internet-Branche hat Google-Chef Larry Page das Überwachungssystem der USA kritisiert. „Für mich ist es außerordentlich enttäuschend, dass die US-Regierung das alles heimlich getan und uns nichts gesagt hat“, sagte Page beim Auftritt auf einer Konferenz in Vancouver. Mit „uns“ meine er nicht Google, sondern die Öffentlichkeit, stellte Page auf Nachfrage klar. „Wir können keine Demokratie haben, wenn wir Sie und unsere Nutzer vor Dingen schützen müssen, über die wir nie gesprochen haben“, sagte der Google-Mitgründer im Gespräch mit dem TV-Journalisten Charlie Rose auf der Innovations-Konferenz TED. Man müsse wissen, welche Überwachung die Regierung plane und warum. Quelle: REUTERS
James WoolseyWegen Hochverrat will der ehemalige CIA-Chef den NSA-Whistleblower Edward Snwoden verurteilen. Dem Fernsehsender Fox News sagte er: "Wenn er dann von seinesgleichen verurteilt wurde, sollte er an seinem Hals aufgehängt werden, bis er tot ist." Die harsche Äußerung ist eine Reaktion auf den Vorschlag des NSA-Mitarbeiters Rick Ledgett, der Snowden freies Geleit zusichern wollte, wenn dieser im Gegenzug die Enthüllungen unterließe. Quelle: AP
René ObermannTelekom-Vorstandschef René Obermann hat der Bundesregierung und der EU-Kommission vorgeworfen, zu wenig für die Aufklärung der NSA-Abhöraffäre zu tun. „Die Spitzeleien haben das Vertrauen in zwei Grundpfeiler unserer Gesellschaft, die freie Kommunikation und die Privatsphäre, erschüttert“, sie seien „sogar demokratiegefährdend“, sagte der scheidende Telekom-Chef dem „Handelsblatt“. Es sei Sache der Politik und nicht der Wirtschaft, gegenüber den USA die Einhaltung von Datenschutzstandards einzufordern. „Es ist fahrlässig, dass so wenig geschieht.“ Obermann forderte, den Datenschutz in der EU schnell zu vereinheitlichen. Quelle: dpa

Dass die amerikanischen und britischen (in geringerem Umfang auch andere europäische) Geheimdienste, angeblich immer im Kampf gegen Terrorismus und Drogenkriminalität, jahrelang systematisch die Daten privater Nutzer ausschnüffelten. Dass sie abermillionenfach E-Mails ausspähten, sich zehntausendfach Zugang zu Servern großer Datencloud-Betreiber von Apple über Microsoft bis Google verschafften, Konten bei sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter durchleuchteten und die Telefone bis hin zu dem der Bundeskanzlerin abhorchten.

All das wirkte auf das allgemeine Vertrauen in die Integrität des Netzes und die Freiheit der Datenkommunikation wie ein digitaler Tsunami. Der NSA-Skandal ist das Fukushima des Internets. Die öffentliche Meinung über das Internet ist nun auf Jahre hinaus kontaminiert von einem an Paranoia grenzenden Misstrauen gegen jede Form von Datenspeicherung.

Für Deutschland, wo immer schon eine leicht neurotische, von den Amerikanern milde belächelte Angst vor Datenmissbrauch herrschte, gilt das besonders. Das Letzte, was die Menschen – dank NSA – heute mit dem Internet assoziieren, ist der Begriff der Freiheit. Im Übereifer der Terrorismusbekämpfung tappte das Weiße Haus also in eine alte Denkfalle und verwechselte Freiheit mit Sicherheit. Dabei hatte doch Benjamin Franklin, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, seinen Landsleuten schon vor mehr als 200 Jahren ins Stammbuch geschrieben: „Diejenigen, die die Freiheit zugunsten der Sicherheit preisgeben, werden am Ende keines von beidem haben – und sie verdienen es auch nicht.“

NSA speicherte mehr als 300 Berichte über Merkel
29. März 2014Der US-Geheimdienst NSA hat nach einem Medienbericht in einer Datenbank über 100 Staats- und Regierungschefs offiziell als Spionageziele erfasst, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel. Allein über Merkel seien mehr als 300 Berichte gespeichert, berichtet „Der Spiegel“ unter Berufung auf ein geheimes NSA-Dokument aus dem Archiv des Informanten Edward Snowden. Das Dokument belege, dass die National Security Agency (NSA) nachrichtendienstliche Erkenntnisse über die Kanzlerin gesammelt habe, und könnte damit ein wichtiges Beweisstück für die Bundesanwaltschaft sein, heißt es weiter. Diese wolle in Kürze entscheiden, ob sie ein Ermittlungsverfahren wegen Spionage einleitet. Die Karlsruher Behörde beschäftigt sich mit zwei Vorwürfen. Einer betrifft das massenhafte Ausspähen der Bürger in Deutschland, der andere den konkreten Punkt, dass ein Mobiltelefon Merkels abgehört worden sein soll. Sollte tatsächlich ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden, erwarten Experten neuen Ärger mit den USA. Der Ex-Geheimdienstmitarbeiter Snowden hatte Tausende Geheimdokumente an Journalisten übergeben und so den NSA-Skandal losgetreten. Das Dokument, das „Der Spiegel“ einsehen konnte, liste allem Anschein nach alphabetisch 122 Staats- und Regierungschefs auf, über die die NSA im Mai 2009 Informationen gesammelt habe, heißt es. Zwölf Namen seien exemplarisch aufgeführt, darunter Merkel. Die Liste beginne bei A wie Abdullah Badawi, dem damals gerade zurückgetretenen malaysischen Ministerpräsidenten. Nummer 122 sei - von der NSA mit Y geschrieben - Julia Timoschenko, 2009 noch ukrainische Premierministerin. Das Magazin berichtet auch über ein weiteres Dokument aus der NSA-Abteilung „Special Sources Operations“, die für den Zugang zu den großen Internettrassen zuständig sei. Daraus gehe hervor, dass das für NSA-Anträge zuständige US-Sondergericht den Geheimdienst am 7. März 2013 autorisiert habe, Deutschland zu überwachen. Welche Daten davon genau betroffen seien, lasse sich anhand des Dokumentes nicht sagen. „Der Spiegel“ beruft sich aber auf die Einschätzung der amerikanischen Bürgerrechtsorganisation Aclu. Diese geht demnach davon aus, dass der NSA damit der Zugriff auf die Kommunikation aller deutschen Staatsbürger erlaubt ist. Quelle: dpa
19. März 2014Die NSA kann einem Zeitungsbericht zufolge sämtliche Telefongespräche eines Landes aufnehmen und 30 Tage lang anhören. Das Programm mit dem Namen Mystic sei im Jahr 2009 gestartet worden und 2011 erstmals gegen einen Staat in vollem Umfang eingesetzt worden, berichtete die "Washington Post" unter Berufung auf Personen, die mit dem System vertraut sind, sowie auf Dokumente des früheren NSA-Mitarbeiters Edward Snowden. Auf Wunsch der Behörden hält das Blatt demnach Einzelheiten zurück, damit der betroffene Staat und potenzielle weitere Zielländer nicht identifiziert werden können. Ein Verantwortlicher verglich das Programm dem Bericht zufolge mit einer Zeitmaschine, weil jeder Anruf erneut abgespielt werden kann. Auf eine bestimmte Zielperson müsse man sich vorher nicht festlegen. Quelle: dpa
17. Januar 2014Die NSA kann laut einem neuen Zeitungsbericht fast 200 Millionen SMS-Nachrichten pro Tag abgreifen. Das gehe aus einem Dokument aus dem Jahr 2011 hervor, berichtete die britische Zeitung „Guardian“ am Donnerstagabend. Das Programm mit dem Namen „Dishfire“ sammele wahllos „so ziemlich alles, was es kann“, gehe aus Papieren des britischen NSA-Partnerdienstes GCHQ hervor. Die Geheimdienste fischten aus den Kurznachrichten Informationen etwa über Reisepläne, Adressbücher oder Finanz-Transaktionen, hieß es. Außerdem gäben zum Beispiel Benachrichtigungen über entgangene Anrufe Informationen über den Bekanntenkreis eines Nutzers. Jeden Tag sammele die NSA den Unterlagen zufolge mehr als fünf Millionen davon ein. Genauso wiesen 1,6 Millionen registrierte Roaming-Benachrichtigungen auf Grenzübertritte hin. Ebenso seien aus mehr als 76 000 Kurznachrichten Geodaten extrahiert worden. Der Präsentation von 2011 zufolge wurden an einem Beispieltag 194 Millionen SMS-Nachrichten eingesammelt, schrieb die Zeitung. Ein weiteres Dokument gebe einen Eindruck von der Auswertungskapazität des Systems: Die Geheimdienst-Analysten würden darin aufgefordert, nach nicht mehr als 1800 Telefonnummern gleichzeitig zu suchen. Die Dokumente stammten aus dem Fundus des Informanten Edward Snowden und seien 2012 von einer Seite mit Anleitungen zum „Dishfire“-System für GCHQ-Mitarbeiter heruntergeladen worden. Das System sei zu diesem Zeitpunkt im Einsatz gewesen. Quelle: dpa
3. Januar 2014Der US-Geheimdienst NSA will einem US-Medienbericht zufolge einen Supercomputer entwickeln, der in der Lage sein soll, fast alle Verschlüsselungen weltweit zu knacken. Die "Washington Post" berichtete der Computer solle die Sicherheitsbarrieren so gut wie aller Einrichtungen weltweit überwinden können, von Regierungen über Banken bis hin zu geheimen Forschungseinrichtungen und etwa medizinischen Daten von Patienten. Quelle: AP
29. Dezember 2013Der US-Geheimdienst NSA hat nach Informationen des „Spiegel“ zahlreiche kommerzielle IT-Produkte geknackt und Schwachstellen für Spionagezwecke ausgenutzt. Darunter seien auch Produkte großer amerikanischer Firmen wie Microsoft,Cisco oder Dell, außerdem solche der chinesischen Firma Huawei, berichtet das Nachrichtenmagazin in seiner neuen Ausgabe. Das gehe aus Dokumenten des Informanten Edward Snowden hervor, die der „Spiegel“ ausgewertet habe. Die Unterlagen legten nahe, dass dies ohne das Wissen oder die Unterstützung der betroffenen Unternehmen passiert sei. Über das weltweit kritisierte NSA-Spähprogramm NSA streitet die US-Justiz. Quelle: dpa
21. Dezember 2013Der US-Geheimdienst NSA hat nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters zehn Millionen Dollar an die Internetsicherheitsfirma RSA gezahlt, damit ein von ihm entwickeltes Verschlüsselungssystem als Kern der RSA-Sicherheitssoftware Bsafe genutzt wird. Die RSA hatte bereits im September nach den Enthüllungen über Spähaktionen der NSA eine Warnung zu ihrer Software Bsafe veröffentlicht. Darin sei ein Werkzeug zur Generierung von Zufallszahlen enthalten, die auf einer von der NSA mitentwickelten schwachen Formel basiere, erklärte das Unternehmen. Möglicherweise hat sich die NSA mit dem von ihr entwickelten Zufallsgenerator eine Hintertür geschaffen, um verschlüsselte Verbindungen ausspähen zu können. Quelle: dpa
15. Dezember 2013Die NSA kann nach neuen Enthüllungen massenhaft Handy-Gespräche abhören. Dabei nutze der US-Geheimdienst aus, dass die rund 30 Jahre alte Verschlüsselung des Mobilfunk-Standards GSM geknackt sei, schrieb die „Washington Post“ unter Berufung auf Unterlagen des Informanten Edward Snowden. Mit dieser Fähigkeit dürften auch die Gespräche von Bundeskanzlerin Angela Merkel abgehört worden sein. Quelle: dpa

Gleichwohl könnte der NSA-Skandal, ungeachtet der politischen Flurschäden, die er anrichtete, am Ende paradoxerweise vielleicht sogar auch etwas Positives bewirkt haben: Der naiven Blauäugigkeit, mit der das Internet seit dem „arabischen Frühling“ weltweit als demokratisches Befreiungsinstrument gefeiert und geradezu als Ersatzreligion glorifiziert wurde, setzte der NSA-Schock einen unerhört wirksamen Dämpfer auf.

Kurz vor dem Ausbruch des Sturms um die NSA hatte der französische Anthropologe und Medienforscher Philippe Breton von der Universität Straßburg gerade wieder einmal vor dem Trugschluss gewarnt, aus dem Internet simple digitale Patentlösungen für jedes denkbare gesellschaftliche Problem herauslesen zu wollen. „Der Internet-Zentrismus hat allmählich Züge einer Heilslehre angenommen“, kritisierte der Medienwissenschaftler und forderte die „Säkularisierung der Kommunikation“.

Mehr als alle anderen Informationsbereiche dürfte die mobile Kommunikation in den vergangenen Jahren zur Internet-Abhängigkeit beigetragen haben. Noch nie in der Geschichte waren wir als Individuen so eng, so höchstpersönlich an eine einzige Technologie gekettet.

Mobiles Netz begleitet uns

Wann sich Top-Manager frei fühlen
Klaus Engel, Vorstandsvorsitzender der Evonik:"Als im Terminkalender für das neue Jahr noch kein einziger Termin stand." Quelle: dpa
Peter Bauer, Aufsichtsratschef Osram:"Vieles, was mir meine Disziplin zuvor verboten hatte: mitten in der Woche auf einen Berg zu gehen oder die kompletten Sommerferien mit der Familie zu verbringen, ohne dauernd erreichbar sein zu müssen." Quelle: dpa
Thomas Hegel, Vorstandsvorsitzender der LEG Immobilien AG:"Bei einem Strandspaziergang an der Nordsee in einem der letzten Strandkörbe an der Seite meiner Frau einfach mal so einschlafen zu können." Quelle: dpa
Stefan Hartung, Geschäftsführer Robert Bosch:"Als ich das erste Mal eine Cessna C150 allein gesteuert habe." Quelle: PR
Eun-Kyung Park, Geschäftsführerin Sixx:"Ein spontaner Kanu-Urlaub im kanadischen Nationalpark fernab der Zivilisation mit meinem Mann und guten Freunden mitten im Indian Summer. Paddeln, Zeltauf- und -abbau, Feuerholz sammeln und eine Begegnung mit einem Braunbären – glücklicherweise saßen wir gerade im Kanu." Quelle: PR
Stephan Zoll, Geschäftsführer Ebay Deutschland:"Ich war 15 Jahre alt und saß an einem Mittwochvormittag im Flieger nach San Francisco. Es war der Start zu meinem Schuljahr in den USA – ohne Eltern, in eine aufregende Stadt." Quelle: dpa
Rüdiger Grube, Chef der Deutschen Bahn:"Ich musste mir den Zugang zur Hochschule erst mühsam über den zweiten Bildungsweg erarbeiten. Als ich dann 1972 endlich das Studium des Fahrzeug- und Flugzeugbaus an der FH in Hamburg aufnehmen konnte, hatte ich das Gefühl: Jetzt stehen dir alle Türen offen!" Quelle: dpa

Seit Informations- und Kommunikationstechnik zum mobilen Netz verschmolzen sind, begleitet uns das mobile Internet in Form von Smartphones, Tablets und Notebooks auf Schritt und Tritt. Es lässt uns sogar dann nicht mehr los, wenn wir es getrost für ein paar Stunden vergessen sollten.

Mit exponentiellen Wachstumsraten verbreiten sich die Smartphones zurzeit auf der ganzen Welt. Nach jüngsten Prognosen hat die Invasion sogar gerade erst richtig begonnen: Rund 1,9 Milliarden Smartphones sind derzeit global in den Mobilfunknetzen angemeldet. 5,6 Milliarden, also fast dreimal so viele, könnten es nach Schätzung des Mobilfunkausrüsters Ericsson in fünf Jahren schon sein. Der mobile Datenverkehr soll sich im selben Zeitraum sogar verzehnfachen.

Die Gründe für den Smartphone-Boom kann jeder Benutzer aus eigener Erfahrung nachvollziehen: Die Kombination von jederzeit und (fast) überall bequem verfügbarem mobilem Datenzugang einerseits und dem handschmeichlerischen Alleskönner in der Tasche andererseits ist einfach unwiderstehlich: immer dabei, jederzeit griffbereit, stets schlau und auskunftsfreudig... ein smarter kleiner Helfer, auf den immer Verlass ist, dem man sich willig anvertraut und den man partout nicht mehr missen mag.

Auf dem Nachhauseweg in der S-Bahn noch schnell online einkaufen? In der fremden Großstadt mühelos zur Adresse des nächsten Termins navigieren oder im Urlaub ein paar Schnappschüsse von der Skipiste für die Daheimgebliebenen ins Facebook stellen? Bei Gesprächen unter Freunden mal eben ein schlagendes Argument für die Diskussion googeln? Alles kein Problem.

So viel Komfort schafft feste Bindungen, um nicht zu sagen Hörigkeit. Aber noch nie haben die Menschen den Gang in die Abhängigkeit so beschwingt und lustvoll angetreten wie jetzt mit dem Smartphone in der Tasche. Die liebsten und stabilsten Fesseln sind schließlich die, die man sich selber anlegt. Und die dauerhafteste Unfreiheit ist die, in die sich der Mensch aus freien Stücken begibt: ständige Verfügbarkeit per Whatsapp, E-Mail und SMS; fortgesetzte Status-Updates per Facebook, Twitter, Foursquare; visuelle Kommunikation in Echtzeit per Instagram, Skype und Chat-Diensten.

Zehn handyfreie Urlaubsziele
Biohotel Eggensberger, FüssenDas Biohotel Eggensberger am Hopfensee in Bayern setzt seit 2003 sein Bio-Konzept um. Als erstes zertifiziertes Bio-Hotel im Allgäu gehören auch Elektrosmog reduzierte Zimmer zur Agenda des 4-Sterne Hauses. Quelle: Presse
Hofgut Hafnerleiten, Bad Birnbach"Ruhe von TV, Handy und Radio" hat sich das Team des Hofgut Hafnerleiten auf die Fahne geschrieben. Alles begann 1999 mit der Eröffnung der ersten Kochschule Niederbayerns. Über die Jahre kamen sieben Themenhäuschen, drei Ferienhäuser und ein Wellness-Konzept dazu. Quelle: Presse
Hotel & Restaurant Stolz, PlönDer Blick auf den Plöner See reicht bei den meisten Gästen schon, um für die erste Entspannung zu sorgen. Aber auch sonst bietet das Hotel Stolz in Schleswig-Holsteins Provinz Möglichkeiten, um abzuschalten. Die Landschaft steuert einen bedeutenden Teil dazu bei. Quelle: Presse
Almness Bergdorf Karneralm, Ramingstein (Österreich)"Balsam für Körper, Geist und Seele. Heimat für kurze Zeit." Mit diesem Werbespruch lockt Almness potentielle Gäste in das beschauliche Bergdorf Karneralm. Nur rund vierzig Ferienhäuser stehen hier. Handyempfang gibt es keinen, das Dorf liegt in einem Funkloch. Wer trotzdem meint, mobil telefonieren zu müssen, der muss sich sein Signal erkämpfen: Fünf Minuten Marsch bergauf gibt es (fast) immer eins. Quelle: Presse
Quellenhotel & Spa Bad Waltersdorf, Bad Waltersdorf (Österreich)In Bad Waltersdorf in Österreich bieten sich gute Entspannungsmöglichkeiten. Die Heiltherme des Ortes kann von Hotelgästen durch einen unterirdischen Verbindungsgang angesteuert werden. Und dann gibt es noch die hoteleigene "Quellenoase", mit Naturbadeteich und großen Ruhebereichen. Handyempfang gibt es aber nicht. Quelle: Presse
Seehotel Jägerwirt, Turrach (Österreich)Im Seehotel Jägerwirt legt man besonders auf zwei Eigenschaften wert, die vielen beim ersten Hören nicht vereinbar erscheinen: Kinderfreundlichkeit und Entspannung. Am Ufer des Turrachsees gelegen, kann man bei einer Bootsfahrt oder mit einigen Schwimmzügen die Natur spüren. Quelle: Presse
NamibiaAuch abseits des deutschsprachigen Raums gibt es Oasen der Ruhe, Orte ohne Handyempfang. So zum Beispiel in den Wüsten Namibias. Die Karte der mobilen Netzabdeckung hat hier noch einige weiße Flecken. Bei einer Dünentour können Touristen Sandmassen bestaunen und begehen. Quelle: dpa

Wer sich dann den Luxus herausnimmt, einfach einmal abzuschalten, um ein paar Stunden lang „incommunicado“ zu sein, lebt nicht nur mit dem geheimen Unbehagen, etwas verpassen zu können. Offline zu gehen, erzeugt heute geradezu Schuldgefühle. War das Crackberry-Syndrom – die Sucht nach ständiger Erreichbarkeit – einst eine typische Managerkrankheit, so ist digitales Junkietum heute eher Volkskrankheit geworden. Bezeichnend ist eine Forsa-Umfrage unter jugendlichen Handybenutzern, die ergab, dass eine deutliche Mehrheit der Befragten lieber auf Sex als aufs Smartphone verzichten würden.

Vielleicht wäre das ja anders, wenn sich auch das Liebesleben in Bits und Bytes quantifizieren ließe. Denn kaum etwas liegt bei der Generation Smartphone so sehr im Trend wie das Phänomen des quantifizierten Selbst. Sichtbarer Ausdruck für diese digital gestützte Form des Körperkults ist das lustvolle Sammeln, Protokollieren und Veröffentlichen eigener Körperdaten.

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Zärtlichkeit per Bluetooth
FitbugDas Armband "Fitbug" misst sowohl die Aktivität als auch den Schlaf des Trägers. Die Aktivität wird in normales Gehen und Sport unterschieden. Per Knopfdruck lassen sich die Daten an eine dazugehörige App auf dem Smartphone schicken, wo die gesammelten Daten ausgewertet und visualisiert werden. Der Fitbug des gleichnamigen Startups geht mit einem Kampfpreis von 45 US-Dollar in den Markt. Quelle: dpa
Guard2MeDas Startup Guard2Me hat eine Datenuhr für demenzkranke Menschen im Gepäck. Die Uhr lässt sich per GPS und über Mobilfunknetze finden und auf einer Karte anzeigen. Die Bewegungssensorik misst außerdem, ob eine Person gestürzt ist oder längere Zeit auf dem Boden liegt. Außerdem ist die Uhr mit einer SOS-Taste ausgestattet, über die der Träger Hilfe rufen kann. Zudem sind in der Uhr Name, Adresse, Blutgruppe und wichtige Informationen zu Medikamenten gespeichert. Quelle: dpa
Sony CoreDas "Core" speichert unterschiedliche Lebensgewohnheiten auf einer Android-App namens Lifelog. Gemeint sind die Schritte, die am Tag gegangen werden, die Zeit des Musikhörens, die Schlafstunden und so weiter. Lifelog wandelt die Daten, die per Funk an die App übertragen werden, in Grafiken und Tabellen um. Quelle: AP
E309 von Ares Über einen Zugang zum Google Play Store und einen Steckplatz für eine Mikro-SIM-Karte verfügt diese Uhr, die gleichzeitig wie ein Smartphone eingesetzt werden kann. Das Angebot umfasst dabei auch Karten- und Navigationsdienste, Spiele und Whats App. Wie andere Smartwatches ist sie mit 47,5 mal 42 mal 13 Millimetern recht groß, verfügt dabei aber auch - durch die Mikro-SIM-Karte über die Möglichkeit des Telefonierens. Offenbar hat Ares eine eigene Benutzeroberfläche entwickelt, die aber an die Kacheloptik von Windows 8 erinnert. Quelle: Screenshot
Lifeband TouchLG stellte in Las Vegas das Lifeband Touch vor. Der Fitness-Tracker misst zum Beispiel die tägliche Bewegung und die Kalorien, die am Tag konsumiert wurden. Die Informationen werden sowohl auf einer speziell programmierten App angezeigt, als auch auf dem Armband selbst. Quelle: dpa
TaptapMit dem Taptap Armband lassen sich Berührungen übertragen. Wer den Sensor auf seinem Armband antippt, erzeugt damit automatisch eine Vibration auf dem Armband des Partners. Die Entfernung der Armbänder voneinander spielt dabei keine Rolle, da das Signal über das Internet übertragen wird. Als Brücke dient eine Bluetooth-Verbindung auf dem Smartphone. Die Signale werden dann über eine App an das andere Armband weitergeleitet. Das Partnerarmband kann allerdings auch zu anderen Zwecken eingesetzt werden - zum Beispiel als Vibrationsalarm am Körper, oder beim Sport, um Laufzeiten zu messen. Entwickelt wurde das Produkt von einem internationalen Entwicklerteam, dass unter dem Namen Woodenshark agiert. Für ihr Produkt suchen sie gerade Investoren über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter. Quelle: kickstarter.com Quelle: Screenshot
Nike Fuel SEDer Sportartikel-Hersteller Nike hat die zweite Generation seines Fuel-Band vorgestellt. Und anders als der Vorgänger, soll das Gadget auch in Deutschland in den Handel kommen. Das Unternehmen hat vor allem an der Verbesserung des Algorithmus gearbeitet. Das Display besteht aus hundert weißen und 20 farbigen LEDs. Der Akku hält nach Herstellerangaben etwa vier Tage durch. Außerdem ist das Armband einigermaßen wasserdicht. Duschen und einen Schauer hält es angeblich aus, beim Schwimmen sollten Sportler es allerdings abnehmen. Auch das Fuel SE stellt per Bluetooth eine Datenverbindung zum Smartphone her. Dabei setzt Nike voll auf Apple. Eine Android-Version ist zum Verkaufsstart am 6. November nicht geplant. Kosten soll das Armband 139 Euro. Quelle: Screenshot

Vom Essen übers Laufen, Radfahren und Fitness-Workout bis hin zu den Schlafstunden lässt sich heute alles in Kilokalorien und Kilojoule, Stunden und Minuten, Kilometer und Höhenmeter registrieren, in Food- und Fitness-Datenbanken eingeben, in sozialen Netzwerken teilen. Ganz zu schweigen von den Zeitgenossen, die heute fast schon zwanghaft alles, was auf ihrem Teller liegt, fotografieren und ins Netz stellen, ehe sie es essen. Und weil, was hip ist, einen Namen braucht, heißt dieser Trend „Food-Porn“.

Ein rapide wachsender Markt von „Wearable Technology“, also mobilen Sensoren wie digitalen Schrittzählern, Fitness-Armbändern, Puls- und Blutdruckmessern hilft Joggern, Marathonläufern, Radfahrern, Wanderern und fitnessbewussten Senioren, ihre Aktivitäten auf den Schritt genau zu erfassen, in verbrauchte Kalorien umzurechnen und die Ergebnisse per Smartphone direkt in die Cloud und in diverse soziale Netzwerke hochzuladen.

Was dem Häftling beim Freigang die elektronische Fußfessel, das ist dem Sportbegeisterten der Fitness-Tracker am Handgelenk. Wirklich frei kann und sollte man sich dabei nicht mehr fühlen. Das Ganze schaukelt sich in sozialen Netzen schließlich zu einem exhibitionistisch angehauchten Gruppenerlebnis hoch. Dabei lassen sich die Cybersportler schon während ihres Workouts „real time“ von einem virtuellen Publikum anfeuern, und die Diät-Jünger beglückwünschen sich online gegenseitig zu den jüngsten Enthaltsamkeitsrekorden.

Zugleich wächst der selbsterzeugte Druck. Bei Twitter sind schon vor dem Frühstück öffentliche Selbstanklagen wie diese zu lesen: „immer diese morgenläufer in meiner timeline. das schlechte gewissen ist schon zum riesen gewachsen“.

Was Smartphones alles messen können
KalorienEin paar Pfunde verlieren oder den Cholesterinspiegel in den Griff bekommen - wer wirklich gesund leben will, muss sich gut ernähren. MyFitnessPal (iOS, Android, Blackberry, Windows Phone)MyFitnessPal ist nicht nur eine App sondern eine ganze Community, die sich rund um das Thema Abnehmen dreht. Hier kann man sich ein Profil erstellen und darin abspeichern, was, wann wo gegessen wurde. Der Vorteil an der Gruppe: Der User kann sich mit anderen vergleichen und wird so extra angespornt. In die App integriert ist auch ein Sport-Tool, dass einem je nach Länge der Aktivität anzeigt, wie viele Kalorien man wieder verbaucht hat. Kaloriencheck (iOS)Die App zeigt mit einem Mouse-Klick an, wie viele Kalorien in dem Essen stecken. FoodNavi (iOS)FoodNavi hilft dabei den Überblick über die eigenen Ernährung zu behalten und zeigt in Diagrammen an, wie viele Milchprodukte, wie viel Obst und wie viele Kohlenhydrate der User schon zu sich genommen hat. Quelle: REUTERS
Blutdruck und PulsWenn der Blutdruck Achterbahn fährt, gilt es Ruhe bewahren und vor allem den eigenen Körper genau im Auge behalten. Dabei helfen etliche Tools. Blutdruck Daten (iOS, Android)Der digitale Blutdruck-Pass erfasst alle Blutwerte, die mit einem extra Gerät gemessen werden müssen. Das Tool ist kostenlos. Blutdruck+Puls Grapher (iOS und Android)Ganz ähnlich funktioniert der Grapher. Hier können nicht nur die Blutdruckwerte, sondern auch die Ernährung des Tages sowie die jeweiligen Tagesaktivitäten eingetragen werden. Zum Beispiel "Fußball auf dem Sofa mit einer Tüte Chips". Ithlete (iOS, Android)Der Brustgurt Ithlete misst den Puls beim Sport machen: Ganz gleich ob beim Laufen, Radfahren oder Schwimmen. Die Ergebnisse der Messung werden direkt auf die App überspielt. Quelle: dpa
SchrittzählerWer den ganzen Tag im Büro sitzt, kennt das Problem: Man bewegt sich viel zu wenig. Wie schlimm es um einen wirklich bestellt ist, zeigen Schrittzähler an. Diese dokumentieren wie viele Schritte der einzelne pro Tag absolviert. Pedometer (iOS und Android)Von Runtastic stammt der Pedometer. Die App nutzt den Beschleunigungssensor des Smartphones, um die Anzahl der Schritte zu ermitteln. Die Distanz und die Zeit der Aktivität werden am Ende übersichtlich angezeigt. Das Smartphone kann überall am Körper getragen werden. Ultimate (iOS)Apple-User können auch Ultimate nutzen. Der Schrittzähler misst die Bewegung via GPS. Quelle: dpa
JoggenWie die Schrittzähler funktionieren auch andere Tools für das Laufen - vom leichten Joggen bis zum Marathontraining. Hinter den beiden Apps steht jeweils eine Community mit Personen, die sich zum Thema austauschen und auch gegenseitig anfeuern. Runtastic (iOS, Android, Blackberry, Windows Phone, Bada)Eine der beliebtesten Trainings-Apps ist Runtastic. Via GPS wird der Verlauf der Jogging-, Fahrrad- oder Skaterstrecke gespeichert und innerhalb der Plattform hochgeladen. Wer möchte, kann nach dem Lauf auch sein Ergebnis bei Facebook oder Twitter hochladen. Außerdem bietet das Tool die Möglichkeit gegen die eigenen Leistung oder die anderer anzutreten. Auch einfache Gymnastik-Trainings oder Yoga-Übungen lassen sich manuell hinterlegen. Runkeeper (iOS und Android)Ganz ähnlich funktioniert Runkeeper. 17 Millionen Menschen nutzen nach Anbieter-Angaben die App weltweit. Quelle: dpa
SchlafSo verrückt es klingt, immer mehr Menschen verfolgen ihren Schlaf genau. Wie oft wird man wach? Wie viele Stunden Schlaf bekomme ich in der Woche. Sleep101 (iOS)Die App des Anbieters Zeo verfolgt genau wie lange und wie gut ein User schläft. Ein integrierter Wecker weckt genau in dem Moment, in dem eine Tiefschlafphase vorbei ist. ElectricSleep (Android)Eine Alternative für Android-Nutzer ist die App ElectricSleep, die ebenfalls von Zeo auf den Markt gebracht wurde. Quelle: dpa
StimmungEinfach mal messen, wie es einem so geht. Auf dem Markt gibt es zig Tools, die einem dabei helfen. Eine Empfehlung: Mood Panda (iOS und Android)Ein kleiner Panda ist der Begleiter durch den Tag. In der ansprechend gestalteten App können Stimmungsschwankungen genau festgehalten und visualisiert werden. Einzelne Ereignisse lassen sich auch auf Twitter oder Facebook verbreiten. Quelle: dpa
ZeitWie gerne würde man einmal die Zeit zurückdrehen können - viel zu schnell scheint sie an manch Tagen zu vergehen. Dabei müsste man sich viel häufiger die Frage stellen, was man eigentlich den ganzen Tag tut, was einem so sehr die Zeit raubt. Dabei hilft der: Rescue Time (Android)Wie lange habe ich E-Mails gelesen, wie lange im Internet gesurft und wie lange telefoniert. Den eigenen Tagesablauf genau zu messen, kann sinnvoll sein. So lässt sich ganz einfach herausfinden, an welchen Stellen des Tages Zeit vergeudet wurde. Das tolle daran: Das Programm läuft im Hintergrund des Smartphones und speichert so alle Verhaltensweisen. Quelle: dpa

Durchaus denkbar, dass eines Tages nicht mehr das eigene schlechte Gewissen, sondern die Krankenkasse den Morgenlauf per Smartphone anmahnt. Warum auch nicht? Möglicherweise ist es nur eine Frage der Zeit, wann die Krankenkassen – natürlich im Einverständnis mit ihren Versicherten – auf deren Fitness-Daten in der Cloud zugreifen, um günstigere Tarife für gesundheitsbewusste Kunden zu kalkulieren.

Geradeso, wie es die ersten Autoversicherungen jetzt mit vergünstigten Telemetrie-Policen für disziplinierte Autofahrer testen, die bereit sind, ihr Fahrverhalten durch einen elektronischen Sensor im Auto kontrollieren zu lassen.

Spätestens an dieser Stelle dürfte klar werden, dass die Technik nicht nur die Welt, sondern auch uns Menschen verändert – unsere Denkstrukturen, unsere Wertvorstellungen, unser Kommunikationsverhalten, unsere Empfindungen.

Denkfreiheit gegen Informationsfülle?

Diese Technik! Dinge, die Ihre Kinder nicht mehr kennen
Früher war alles besser? Von wegen. Wer heutzutage einen Reise buchen will, geht nicht als erstes in ein Reisebüro, sondern sucht im Internet. Dort gibt es alles, individuell zusammenstellbar und vom heimischen Rechner aus. Quelle: dpa/dpaweb
Können Sie sich erinnern, wann Sie das letzte Mal bei der Auskunft angerufen haben, weil Sie eine Telefonnummer nicht gefunden haben? Halt: Kennen Sie eine Nummer, bei der Sie anrufen könnten? Eben. Quelle: dpa
Erinnern Sie sich noch? Irgendwann landete die Abholkarte in der Post, mit der jeder Haushalt sein persönliches Exemplar des Telefonbuchs und der Gelben Seiten ausgehändigt bekam. Zwar gibt es die Papierausgaben immer noch. Doch vieles spricht für die digitale Ausgabe - Verfügbarkeit, Aktualität und Benutzerfreundlichkeit sind da nur drei Argumente. Quelle: AP
Im Bücherregal machen die dicken Wälzer natürlich schon was her. Doch selbst Duden und Wörterbücher sind online deutlich bequemer zu benutzen als auf Papier. Quelle: dpa/dpaweb
Saßen Sie in ihrer Jugend auch sonntags vor dem Radio, um während der Chartsendung die Lieblingslieder auf Kassette aufzunehmen? Wie groß der Ärger doch jedes Mal war, wenn der Moderator in die letzten Sekunden des Songs hineinquasselte. Und wie gehütet wurde die eigens für einen aufgenommene Kassette der ersten großen Liebe. Heute ist alles digital. Kaum noch Musiksammlungen, die man beim ersten Date in der eigenen Wohnung durchsuchen kann. Dabei war das doch die perfekte Methode, schon frühzeitig Konfliktpotenzial aufgrund unterschiedlicher Geschmäcker aus dem Weg zu räumen. Quelle: REUTERS
Wie aufwändig es das Fotografieren und Austauschen von Fotos doch einmal war. Jetzt gibt es Fotos fast nur noch digital und wer die Printvariante bevorzugt, bekommt sie innerhalb weniger Minuten ausgedruckt. Quelle: dapd
Wer heute einmal nicht telefonieren kann, hat entweder gerade ein leeres Akku oder gehört zu der Minderheit, die sich bewusst gegen ein mobiles Telefon entschieden hat. Auf die Idee, ein öffentliches Telefon zu benutzen, kommen daher die wenigsten, weshalb die Telefonsäulen in den vergangenen Jahren immer mehr aus dem Stadtbild verschwunden sind. Quelle: AP

Internet-Skeptiker wie der amerikanische Autor Nicholas Carr („Wer bin ich, wenn ich online bin ... und was macht mein Gehirn solange?“) argwöhnen, dass das Netz die Menschen zur Denkfaulheit erzieht, sie der Konzentrationsfähigkeit beraubt und ihnen letztlich die Mutter aller Freiheiten – die des autonomen Denkens – nehmen könnte. „Ich stelle fest, wie sich meine eigenen Denkgewohnheiten dramatisch gewandelt haben, seit ich mich vor 15 Jahren zum ersten Mal ins Web einwählte“, schreibt Carr, „und ich mag nicht, was der Computer mit mir anstellt.“ Derselbe Autor räumt freilich auch ein, dass die Menschen „dankbar sein sollten für die Reichtümer an Information, die das Netz bietet“.

So what? Sind wir jetzt etwa im Begriff, Denkfreiheit gegen Informationsfülle einzutauschen? Ist das grenzenlose Vertrauen auf Googles Suchfilter-Algorithmen gar der Beginn des digitalen Idiotentums? Werden wir, wie der weißrussische Netz-Verteufler Evgeny Morozov in seinem Erfolgsbuch „Smarte neue Welt – Digitale Technik und die Freiheit des Menschen“ prophezeit, am Ende „smarte Geräte, aber dumme Menschen“ haben?

Letztlich sind solche zutiefst pessimistischen Visionen Ausdruck eines archaischen, nur tiefenpsychologisch erklärbaren Technik-Unbehagens, das sich bis zum griechischen Philosophen Sokrates zurückverfolgen lässt. Sokrates hatte eine ausgeprägte Abneigung gegenüber der Schrift, die als Technologie damals fast so umwälzend war wie heute das Internet.

Der Philosoph schwor auf mündliche Kommunikation und lehnte es strikt ab, seine Lehre schriftlich festzuhalten, weil er in der Schrift eine Gefahr fürs freie Denken und eine Korrumpierung der Philosophie sah. Zum Glück brachen seine Schüler die Regel des Meisters, denn sonst wüsste heute ironischerweise kein Mensch mehr etwas über den Vater der abendländischen Philosophie.

Technischer Fortschritt und Freiheit lassen sich also beileibe nicht so einfach saldieren, wie die Netzkritiker uns vorrechnen wollen. Was die Informationstechnik mit der Freiheit anstellt? Ob und in welchem Umfang die an die Technik verlorenen Freiräume tatsächlich durch neue Freiheiten auf anderer Ebene kompensiert werden, liegt also letztlich im Auge des Betrachters.

Was Kulturpessimisten, Nostalgiker und Technophobe in grober Unterschätzung des menschlichen Gehirns, seiner Anpassungsfähigkeit und seiner Emergenz als digitale Selbstversklavung verteufeln, ist für überzeugte Netzwerker eine technikgestützte Form der Emanzipation, eben Freiheit auf einer neuen, anderen Ebene.

In Arbeit
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Anstatt auf die Technik zu starren, wie das Kaninchen auf die Schlange, und vor vermeintlichen Freiheitsberaubungen durch die Technik zu bibbern, sollten wir auf die Emergenz des menschlichen Gehirns und auf die Anpassungsfähigkeit des Denkens vertrauen und lernen, mit den neuen Freiheiten, die die Technik gewährt, richtig umzugehen, sie gewinnbringend zu nutzen.

Die beste Methode für uns Menschen, das autonome Denken ungeachtet der digitalen Helfer nicht zu verlernen, ist, es systematisch und kontinuierlich zu praktizieren, also den Komfort des mechanischen Denkens nicht überhand nehmen zu lassen, das Denken nicht den Maschinen zu überlassen.

Die Freiheit – vor allem die des Denkens – ist ein Muskel. Man muss ihn trainieren, damit er funktioniert.

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