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Explorer-Entwickler Hachamovitch "Ich bin nicht schizophren"

Der Chefentwickler von Microsofts Web-Browser über den neuen Internet Explorer 9, emanzipierte Onliner, Spanner im Netz und innere Konflikte.

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Dean Hachamovitch Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Hachamovitch, sind Sie eigentlich sehr unbeliebt bei Ihren Kollegen?

Hachamovitch: Unbeliebt? Nein, ich kann nicht klagen. Warum fragen Sie?

Sie haben in den neuen Internet Explorer 9 (IE 9) eine Funktion integriert, mit der Nutzer verhindern können, dass ihr Surfverhalten analysiert und ihnen passende Werbung angezeigt wird. Dieser Trackingfilter ist ein Frontalangriff auf das aktuell heißeste Thema im Online-Werbemarkt – auch für Microsofts Suchmaschine Bing.

So widersprüchlich ist es nicht. Vor allem, wenn man den richtigen Blickwinkel hat. Der IE 9 soll Windows-Nutzern ein effektives und sicheres Arbeiten ermöglichen. Dazu gehört, dass die Nutzer sicher sein können, dass sie ihr Verhalten nur den Web-Seitenbetreibern offenbaren, bei denen sie das auch wollen. Alle anderen Spanner im Netz können sie sperren.

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    Also womöglich auch Microsoft?

    Das kann passieren. Es war aber kein Zielkonflikt für uns, weil wir uns bei der Entwicklung auf die Nutzerinteressen konzentriert haben. Das ist eine strategische Entscheidung für Microsoft. Online-Werbeverkäufe sind ein Geschäft, die Browserentwicklung ein anderes. Auch in Outlook gibt es einen Mail-Filter, mit dem sich Kunden vor Massen-E-Mails schützen können, obwohl auch wir Serien-E-Mails an unsere Kunden verschicken. Es sind zwei Seiten des Online-Geschäfts, und Microsoft ist eben auf beiden aktiv.

    Wie schizophren muss man denn sein, damit das funktioniert?

    Ich jedenfalls bin nicht schizophren. Andere Anbieter von Browsern, die Online-Werbung als wichtigste Einnahmequelle haben, stecken da eher in einem Interessenkonflikt.

    Sie meinen Google?

    In Googles Haut möchte ich beim Tracking nicht stecken. Jede Werbung, die in deren Chrome-Browser nicht angezeigt wird, fehlt denen sofort in der Kasse.

    Angesichts von Googles Gewinnsituation scheint das nicht so schmerzhaft.

    Hachamovitch (lacht): Na ja, jedenfalls nicht allzu heftig. Aber an der Frage, ob sich die Onliner in Zukunft weiter ausspähen lassen wollen, kommt auch Google nicht vorbei.

    Sowohl die Chrome-Entwickler als auch das Mozilla-Konsortium, das den Firefox entwickelt, haben angekündigt, ebenfalls Tracking-Filter in die Browser einzubauen.

    Das müssen sie – zwangsläufig. Die Frage der Privatsphäre wird auch in den USA immer drängender. Die Zahl der Unternehmen explodiert, die uns bei jeder Bewegung im Netz ausforschen, ohne dass wir das mitbekommen. Hier müssen die Onliner endlich die Chance zur Emanzipation und zum Schutz ihrer Privatsphäre bekommen. Die bieten wir nun mit dem IE 9.

    In der Vergangenheit wurden wir Deutsche bei dem Thema immer als etwas paranoid belächelt. Inzwischen aber...

    ...das hat sich definitiv gedreht. Deutschland gilt heute als wegweisend. Ich habe viele Gespräche mit deutschen und europäischen Datenschützern geführt, um ihr Know-how in unseren Entwicklungen nutzen zu können.

    Wer entscheidet, welche Seiten in den Filter kommen? Big Brother Microsoft?

    Wir halten uns da strikt heraus. Ich denke, es wird – ähnlich wie bei Werbeblockern – Web-Entwickler geben, die Filterlisten zum Abonnieren anbieten. Da kann sich der Nutzer dann aussuchen, wessen Liste er nutzt.

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      Und für jeden Browser braucht es eigene Listen, weil wieder jeder die eigene Technik propagiert? Gerade Microsoft war in der Vergangenheit berüchtigt, überall im Netz eigene Standards durchsetzen zu wollen.

      Da sind wir heute schlauer. Wir halten uns strikt an die Web-Standards. Und die Spezifikation des Tracking-Filters kann jeder Wettbewerber in seinen eigenen Browser integrieren.

      Was hat den Bewusstseinswandel ausgelöst? Vielleicht, dass Microsoft nach Jahren unangefochtener Dominanz des Browsermarktes anhaltend Marktanteile verliert? Chrome dagegen legt rasant zu.

      In absoluten Zahlen war der Internet Explorer noch nie auf so vielen Computern installiert, wie heute. Die Vorabversion des IE 9 wurde 20 Millionen Mal heruntergeladen. Das ist ein sehr gutes Zeichen.

      Das ändert aber nichts am relativen Bedeutungsverlust.

      Marktanteil alleine ist kein Erfolgskriterium mehr für uns. Microsoft beschäftigt sogar Leute, die kümmern sich nur darum, die Installationen des völlig veralteten und leider inzwischen recht unsicheren Internet Explorer 6 zu reduzieren. Ideal wäre natürlich, wenn die nun alle auf den IE 9 umsteigen. Vor allem aber zählt für uns, den führenden Browser zu entwickeln, und da werden wir eine Marke setzen. Der bessere Schutz der Privatsphäre ist ja nur eine Neuerung– wenn auch eine extrem wichtige.

      Wie viel Innovation ist da überhaupt noch möglich? Die Marktforscher von IDC spotteten kürzlich, die Browser würden immer austauschbarer.

      Browser werden immer wichtiger – nicht austauschbarer. Im Zeitalter des Cloud Computing laufen immer mehr Anwendungen im Netz. Da wird es entscheidend, wie schnell Browser Web-Seiten aufbauen oder die Online-Programme ablaufen lassen. Beim IE 9 haben wir nicht nur die Software optimiert. Wir nutzen erstmals auch die Hardware-Beschleunigung der Grafikkarte – ähnlich wie bei der Berechnung von Videobildern in Computerspielen. Damit reagieren beispielsweise Web-Anwendungen bei gleichem Rechner im neuen Browser viel schneller, und Videos laufen flüssiger.

      Angesichts der wachsenden Bedeutung des Internets: Brauchen PCs in Zukunft überhaupt noch mehr Software als einen schnellen Browser fürs Web?

      Bei aller Begeisterung für den IE 9, die Diskussion über das „Entweder-Oder“ von PC und Web geht am Thema vorbei. Von einer Welt, in der Computer für die Massen nur noch reine Online-Terminals sind, davon sind wir noch Jahre entfernt – wenn sie überhaupt je Realität wird. Ich glaube mehr an ein gedeihliches Nebeneinander.  

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