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Facebook-Datenaffäre Macht Platz für die Ethiker

Quelle: REUTERS

Warum die Tech-Branche sich nur selbst bessern kann – und jetzt die Ethiker und Sozialwissenschaftler an ihre Algorithmen ranlassen sollte.

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Katarina Barley trifft sich an diesem Montag mit hochrangigen Facebook-Managern in Berlin. Die Verbraucherschutzministerin will wissen, ob deutsche Kunden vom Datenabgriff des Unternehmens Cambridge Analytica betroffen sind – und sie droht Facebook damit, den Konzern zur Offenlegung seiner Algorithmen zu zwingen. Facebooks Geschäftspraktiken grundlegend zu ändern – das wird der deutschen Regierung trotzdem nicht gelingen. Denn das kann die Branche nur selbst schaffen. Weniger durch Druck von außen als vielmehr von innen heraus. 

„I’m CEO, bitch“, stand in den Anfangsjahren auf der Visitenkarte von Mark Zuckerberg, dem Gründer von Facebook. Übersetzt heißt das so viel wie „Ich bin der Boss, du Schlampe“. Zuckerberg sagte mal, Studenten würden Facebook nutzen wollen, weil sie „verdammt dämlich“ seien. 

Inzwischen ist Zuckerberg Chef eines milliardenschweren Unternehmens – und seit jenen Anfangstagen ohne Frage gereift. Er ist 33 Jahre alt, tritt staatsmännisch auf, will sein Geld dafür spenden, alle Krankheiten der Welt auszurotten. Und er hat sich schon früh in Form der Top-Managerin Sheryl Sandberg die Hilfe einer Erwachsenen geholt, die die Unternehmenskultur verändert hat. Und doch hat das alles offenbar nicht ausgereicht, um vom übermütigen Macher zum verantwortungsvollen Vorstandsvorsitzenden zu reifen. Denn Zuckerberg ist nur ein Kind seiner Zeit: Dem Silicon Valley, seinen Gründern, die gelernt haben, in wenigen Jahren systematisch Unternehmen aufzubauen, die Milliarden Nutzer erreichen können, fehlt der moralische Kompass.

Schon in den Universitäten wie Stanford werden Gründer darin geschult, ihre Visionen zu verkaufen, also eine Idee dessen, was irgendwann ihr Produkt sein könnte, noch bevor es irgendein Geschäftsmodell gibt. Deshalb ist das schnelle Wachstum um jeden Preis, das weltweite Skalengeschäft, so wichtig, damit eines Tages tatsächlich eine Gewinnmaschine wie Facebook daraus werden kann - und jeder Konkurrent verbannt ist. Nur für solche tollkühnen „Visionen“ geben die Investoren Milliarden, nur solche selbst ernannten Weltveränderer empfangen sie in ihren Büros.

Für ethische Fragen, soziale Normen, regionale Unterschiede bleibt bei solchen Pitches meist keine Zeit. „Fuzzies“ werden Studierende der Geisteswissenschaften in Stanford genannt, also „Leichtgewichte“. Es ist dort eine gefährliche Aufputschkultur entstanden, der mitunter jegliche funktionierende Mechanismen für eine Korrektur fehlen. Nur hier können es Start-ups wie Theranos in die Welt der Unternehmen schaffen, die mit über einer Milliarde Dollar bewertet werden. Obwohl das Versprechen, das Geschäft mit Bluttest zu revolutionieren, offenbar nur auf Betrug gebaut war. Die Gründerin des Medizin-Unternehmens Elizabeth Holmes, im Valley schon als die nächste Steve Jobs gefeiert, darf nun zehn Jahre lang kein Unternehmen mehr führen. Die Aufsichtsbehörden wollten ein Signal setzen, dass das Valley doch nicht mit allem durchkommt.

Sicher: Facebook hat keine Straftaten begangen. Aber das Unternehmen hat es vor lauter Erfolgsrausch und Expansionsdrang nicht hinbekommen, die Daten seiner Nutzer so vertrauensvoll zu behandeln, wie es gerne nach außen propagiert. Der Konzern hat die Behörden belogen, als es den Dienst WhatsApp erwarb. Ein Abgleich zwischen den Benutzerdaten sei nicht möglich, hieß es. Und dann war es doch möglich. Ein australischer Facebook-Nutzer hat gerade herausgefunden, dass das Netzwerk seine Verbindungsdaten aufgezeichnet hat: Also wann er mit wem wie lange telefoniert hat. Facebook hat jegliches Vergehen von sich gewiesen. Die Nutzer, so argumentierte das soziale Netzwerk, hätten es selbst in der Hand, diese Funktion auszuschalten. Aber warum war sie überhaupt vorinstalliert?

Sind die Unternehmen im Valley wirklich so weitsichtig, wie sie sich gerne geben, so werden sie, um solche Fragen in Zukunft zu beantworten, nun den Fuzzies den Weg frei räumen. Ethikexperten, Sozialwissenschaftler, ältere Mitarbeiter, die über die Lebenserfahrung verfügen, die den jungen Gründern fehlt, müssen jetzt in die Produktentwicklerteams fest eingebunden werden. Auch das ist ein offenes Geheimnis des Valley: Neben Frauen und Minderheiten diskriminiert es wie kaum eine zweite Branche ältere Menschen. Nur vielfältige Teams aber können solch ein weltumspannendes Phänomen, zu dem sich Facebook in nur einem Jahrzehnt entwickelte, in allen seinen Facetten ansatzweise abschätzen.

Nutzt die Branche den Skandal nicht zu solch einer Selbstkorrektur, so wird sich auch in Zukunft nicht viel ändern. Politiker werden weiter von den technologischen Entwicklungen überrannt werden und mit einer zeitgemäßen Regulierung überfordert bleiben. Die Nutzer werden weiterhin mit einem Klick Nutzungsbestimmungen einwilligen, die sie nie gelesen haben. Die Branche wird weiter von einem Skandal zum nächsten taumeln. Bis einer davon die Demokratie als unser wichtigstes gemeinsames Gut in der westlichen Welt zerstört hat.

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