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Fotochaos So bringen Sie Ordnung in die Bilderflut

Immer am Drücker: Durchschnittlich tausend Fotos sammeln sich in deutschen Handyspeichern. Quelle: Getty Images

Tausendfach lagern Digitalfotos auf Handys, Festplatten und in Social-Media-Profilen. Künstliche Intelligenz soll die Bilderflut nun bändigen. Doch am besten wahrt den Durchblick, wer einen analogen Tipp befolgt.

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Weit über Kopfhöhe türmten sich in diesem Sommer die Stapel von Fotopapier im San Francisco Museum of Modern Art. Um die Bildermassen zu verdeutlichen, die sich im Netz sammeln, hatte Kurator Clément Chéroux für die Ausstellung Snap+Share in einem Saal sämtliche Aufnahmen ausgedruckt und aufgehäuft, die Fotografen an einem einzigen Tag beim Bilderdienst Flickr veröffentlicht hatten. „Die Digitalisierung hat unser Verhältnis zum Bild komplett verändert“, sagt Chéroux. „Das Gefühl, dass Bilder rare, einzigartige Objekte sind, ist mit der Masse der Aufnahmen verschwunden.“

Die Folgen dieser Bilderflut spürt nicht nur, wer die Ausstellung gesehen hat – es genügt der Blick in den Speicher des eigenen Smartphones. Deutsche Durchschnittshandys speichern knapp 1100 Fotos, ergab eine Analyse des Sicherheitsdienstleisters Avast in diesem Sommer. Damit liegen die Deutschen weltweit auf Rang acht der eifrigsten Handyfotografen. Und sie lagern weitere Fotos in Social-Media-Profilen, auf Computerfestplatten und Speicherkarten für Kameras. Was Erinnerungen an fröhliche Familienfeste oder Momente im Urlaub wachhalten soll, sorgt bald für Kopfzerbrechen: Wie soll man bei diesen Bildermengen noch den Durchblick behalten?

Mit Künstlicher Intelligenz sortieren

Einen Ausweg aus dem Chaos bieten die großen Techkonzerne; vorausgesetzt, man lädt alle Bilder in die Cloud-Speicher von Apple oder Amazon, Google oder Microsoft. Dort sichten smarte Algorithmen die Aufnahmen und kategorisieren, was darauf abgebildet ist. Wer dann in den Suchfeldern der Onlinespeicher Begriffe wie „Strand“ oder „Sonnenuntergang“ eingibt, dem zeigen die Digitalarchive sehr zuverlässig im Browser die passenden Bilder. Am PC oder auf dem Handy funktioniert das noch nicht. Die Algorithmen sind so leistungshungrig, dass sie nur in der Cloud funktionieren.

Noch genauere Ergebnisse bekommt, wer die Fotos nach Personen sortieren lässt. Denn auch das beherrschen die meisten Bilderdienste. Im ersten Schritt gruppieren sie gleiche Gesichter. Wer die Programme mit den passenden Namen versorgt, kann anschließend genau die Bilder suchen, auf denen sich Cousine Lisa oder Onkel Bertram befinden. Wo und wann ein Foto entstanden ist, erkennen die Onlinedienste anhand der in vielen Bilddateien gespeicherten GPS-Informationen und Kalenderdaten. Damit sortieren sie die Fotos automatisch nach Aufnahmeort und Datum, fassen Bilderserien teils sogar in Albumvorschlägen zusammen.

Bildersammlungen zusammenführen

Wer Bilder aus mehreren Social-Media-Konten zusammenführen will, muss sie zuerst von dort wieder auf den eigenen Computer herunterladen. Solch eine Möglichkeit findet sich beispielsweise bei Facebook in den Einstellungen des Nutzerprofils mit der Funktion „Lade eine Kopie deiner Facebook-Daten herunter“. Für verschiedene Netzwerkfestplatten zum Anschluss an den PC liefern die Hersteller sogar Programme mit, um Social-Media-Fotos daheim zu sichern.

Probleme ergeben sich mitunter, wenn die Bilder in verschiedenen Onlinespeichern gelagert sind – etwa weil das ältere Android-Handy Fotos bei Google gesichert hat, das neue iPhone sie aber in Apples iCloud speichert. Wer sie zusammenführen will, muss sich die Mühe machen, die Fotos erst von dort auf den eigenen Rechner herunterzuladen. Jeder der großen Cloud-Dienste bietet allerdings Hilfsprogramme, die den Zugriff vom PC auf die Bilderordner im Netz ermöglichen. Sind alle Fotos auf dem heimischen Rechner vereint, lassen sie sich in ein zentrales Onlinealbum überspielen und dort komfortabel managen. Zehn Gigabyte Gratisspeicher bietet Cewe jedem neuen Kunden, Apples iCloud, Microsofts Onedrive und Amazons Photos-Dienst bieten fünf Gigabyte gratis, das Google Drive 15 Gigabyte. Wer mehr Platz braucht, muss nachbuchen. Knapp zehn Euro pro Monat zahlt, wer etwa bei Apple oder Google zwei Terabyte Speicherplatz bestellt.

Wer seine Bildersammlungen vor den großen US-Konzernen zurückhalten will, muss auf einigen Komfort verzichten, kommt inzwischen aber auch mit alternativen Diensten ganz gut zurecht. Ähnliche Services bieten inzwischen nämlich neben Kameraherstellern wie Nikon auch Anbieter wie der deutsche Fotoservice Cewe. Dessen Onlinebilderspeicher Myphotos sammelt nur so viele Daten, wie nötig – und vom Kunden gewünscht. „Inhaltsanalyse oder Gesichtserkennung, alles arbeitet nur, wenn der Nutzer es selbst aktiviert“, sagt Cewe-Technikchef Reiner Fageth, der versichert, dass sein Unternehmen die Analyseergebnisse strikt für sich behält. „Ob Gesichts- oder Objekterkennung – wir teilen keinerlei Informationen zu den ausgewerteten Bildern mit irgendeinem anderen Konzern“, sagt Fageth.

Gegen Hacker und Schäden schützen

Cloud-Dienste sind zweifellos die komfortabelste Variante des Fotomanagements, auch weil sie Bilder sicher erhalten, wenn das Handy mal zu Bruch geht oder Hacker die heimische Festplatte verschlüsseln. Wer jegliche Mühe sparen will, kann in seinem Smartphone sogar den automatischen Upload aller Aufnahmen aktivieren. Dann landen die Bilder nach der Aufnahme direkt als Sicherheitskopie in der Cloud. Das geht aber zulasten des Datenvolumens und kann speziell bei Auslandsreisen teuer werden.

Doch der Komfort macht auch träge. Längst ist es selbstverständlich, pro Motiv gleich dutzendfach abzudrücken, um den optimalen Schuss sicher dabei zu haben. Aussortiert wird später – so zumindest der Vorsatz, an den sich dann kaum noch einer hält. So landet am Ende ein Berg von Aufnahmen im Speicher, von denen höchstens ein Bruchteil wirklich gelungen ist. An der angesichts der Bilderflut wichtigsten Aufgabe aber scheitern auch die besten Cloud-Dienste noch: die wenigen wirklich guten Bilder automatisch aus der Masse der Fotos herauszufiltern.

Wer also vermeiden will, dass die Sammlungen im Netz zuerst unübersichtlich und dann teuer werden, muss selbst Hand anlegen – und aussortieren. So halten es etwa Profifotografen wie Rudolf Wichert, der unter anderem für große Dax-Konzerne, Unternehmensmagazine und mit der Agentur Laif arbeitet. Bevor der 62-Jährige Aufnahmen ins Netz lädt oder an Kunden verschickt, bändigt er die Bilderflut auf dem heimischen Computer – und löscht alle offensichtlich unbrauchbaren Aufnahmen.

Konsequente Qualitätskontrolle

An die 160.000 Digitalfotos umfasst Wicherts Bilderdatenbank trotz dieser Auslese. Seit etwa 20 Jahren legt der Fotograf darin seine Fotos ab. Bevor sie dort landen, benennt Wichert sie um, packt mindestens Aufnahmedatum und -ort direkt in den Dateinamen, damit sich die Bilder über die Suchfunktion des Rechners vorfiltern lassen. Solche Importfunktionen haben die Foto-Apps der Betriebssysteme von Microsoft oder Apple direkt an Bord.

Anschließend siebt Wichert gnadenlos aus: „Was nicht technisch optimal ist, zu hell oder zu dunkel geraten, an der falschen Stelle scharf, wird direkt gelöscht“, so der Profi. Als Nächstes fliegen alle Aufnahmen aus der Sammlung, auf denen die Fotografierten schlecht aussehen, die Augen geschlossenen halten, Grimassen ziehen oder schlichtweg unpassend dreinblicken. Erst dann prüft Wichert, ob auch die Komposition der Aufnahme stimmt, ob also Vorder- und Hintergrund harmonieren und die wichtigen Bildinhalte ausgewogen verteilt sind. „Von Hunderten Aufnahmen, die ich mitunter bei Events schieße, bekommt der Kunde am Ende nur fünf bis sechs Prozent zu sehen“, rechnet Wichert vor. „Und auch nur die sind es wert, dauerhaft gespeichert zu werden.“

Schnell ausmisten

Nicht minder rigide sollten auch Hobbyfotografen vorgehen, empfiehlt der Experte. „Wer nicht konsequent ausmistet und nur die besten Aufnahmen behält, verliert in kürzester Zeit den Überblick“, sagt Wichert. Egal, ob im Urlaub oder nach der Familienfeier, „am besten man sichtet seine Aufnahmen noch am Abend des Tages, an dem man sie aufgenommen hat.“

Das Fotoalbum zusammenzustellen, diese Aufgabe können am Ende dann wieder die Algorithmen erledigen. Myphotos, die Software von Cewe, beispielsweise komponiert anhand von Aufnahmeort und -datum automatisch Urlaubsalben und prüft sogar, ob die gewählten Aufnahmen ausgewogen belichtet sind. Aber selbst, wenn die KI das Fotobuch füllt, bewährt sich der Tipp von Bilderprofi Wichert: „Wer gleich nach der Aufnahme alles Unbrauchbare löscht, bereitet später auch den Algorithmen viel weniger Arbeit, die besten Bilder zu finden.“

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