Frequenz-Auktion Das Milliardenspiel beginnt

Ab Mittwoch versteigert die Bundesnetzagentur den wertvollsten Rohstoff der Mobilfunkbranche: Die Netzbetreiber bieten um Frequenzen für Sprach- und Datenübertragung. Den Bürgern soll das schnelleres Internet in abgelegenen Regionen bringen – dem Finanzminister einen Milliardenerlös. Worum genau geht es – und welches Unternehmen braucht welche Frequenzen? Die wichtigsten Antworten.

Versteigerung der Mobilfunk-Frequenzen Quelle: dpa/Montage

Sie haben die Strategien monatelang durchgespielt. In immer neuen Szenarien haben die Projekt-Teams der drei großen deutschen Netzbetreiber hinter verschlossenen Türen die Auktion simuliert, die möglichen Strategien der Konkurrenz durchdacht, Gebote abgegeben und versucht, Muster zu erkennen. Wenn Jochen Homann, der Präsident der Bundesnetzagentur, am Mittwoch in Mainz die Versteigerung von 31 Frequenzblöcken für Sprachtelefonie und mobile Datenübertragung startet, geht es nicht nur um den wertvollsten Rohstoff der Mobilfunkbranche. Es beginnt auch der wohl größte Feldversuch zur Spieltheorie in diesem Jahr.

Denn den Kontrahenten ist die Abstimmung untereinander strikt verboten. Die Biet-Computer sind extrem abgeschottet. Zudem arbeiten die Auktionsteams von Deutscher Telekom, Telefónica und Vodafone in hermetisch abgeschlossenen Büros, den sogenannten „War-Rooms“.

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Jeglicher direkte Informationsfluss zöge – wenn er denn entdeckt würde – den unmittelbaren Ausschluss aus dem Verfahren nach sich. Angesichts der Tatsache, dass auch fast alle Frequenzen im 900- und im 1800-Megahertz-Band neu versteigert werden, mit denen der digitale Mobilfunk vor rund zwanzig Jahren gestartet ist, hätte ein Rauswurf aus der Auktion für die Betroffenen katastrophale wirtschaftliche Folgen.

Wie viele Milliarden werden es?

Andererseits sind die Zeiten lange vorbei, da die Milliarden bei den Netzbetreibern locker saßen und sich die Gebote – wie bei der Versteigerung der UMTS-Frequenzen im Jahr 2000 – auf atemberaubende knapp 51 Milliarden Euro hochschaukeln konnten. Ab dieser Woche geht es daher in Mainz für die Mobilfunker nicht bloß darum, sich die für ihren Netzausbau nötigen eigenen Frequenzen zu sichern. Mindestens so wichtig ist, möglichst rasch eine Idee davon zu bekommen, was denn die Konkurrenz plant – und so unnötige, kostentreibende Bieterrunden zu vermeiden.

Bei der bisher letzten Frequenzauktion vor fünf Jahren hatten sich die Gebote der damals noch vier Netzbetreiber am Ende auf rund 4,4 Milliarden Euro summiert. Wie viel Geld die Versteigerung in diesem Jahr in die Kassen von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble spülen wird, muss sich zeigen. Addiert man die Mindestgebote für alle angebotenen Frequenzpakete, ergibt sich ein Erlös von wenigstens 1,5 Milliarden Euro.

Effizient bieten oder strategisch?

Dass es dabei bleibt, glaubt keiner der Konkurrenten. Wie viel mehr es wird, hängt (auch) davon ab, wie schnell die Kontrahenten die Strategien der anderen durchschauen und ob sie dann besonders kosteneffizient bieten. Oder vielleicht auch nicht, um die künftige Investitionskraft der Konkurrenz durch besonders hohe Preise für die Frequenzen zu schwächen. Denn je mehr Geld die Frequenzen kosten, desto weniger bleibt für die Investitionen ins Netz, aber auch in Marketingaktionen zur Kundengewinnung, übrig.

Zahlen und Fakten zum Mobilfunk-Markt

Um welche Frequenzen also geht es? Wer braucht sie? Wofür können die Unternehmen sie überhaupt verwenden? Und: Wer könnte welche Strategie verfolgen?

Nötiges – und Neues

Betrachtet man die angebotenen Frequenzen, lässt sich die Versteigerung in zwei Teilauktionen gliedern. Zum einen werden alle Übertragungsrechte neu ausgeschrieben, die im 900-Megahertz-Band liegen. Zur Verdeutlichung: Hier sind einst die D-Netze gestartet, darin sind also vor allem die Telekom (das alte D1-Netz) und Vodafone (früher einmal als Mannesmann Mobilfunk mit dem D2-Netz) aktiv.

Telefónica hat hier deutlich weniger Netzkapazität. Denn sowohl E-Plus als auch die frühere Viag Interkom (inzwischen längst in O2 umfirmiert) waren als sogenannte E-Netze im 1800-Megahertz-Band gestartet.

Die 1800er-Frequenzen werden ebenfalls neu vergeben, allerdings nicht vollständig. Sowohl die Telekom als auch E-Plus behalten einen Teil ihrer Kapazität; nämlich den Teil, den sie vor fünf Jahren ersteigert hatten. Der Rest wird neu verteilt.

Neben diesen „traditionell“ von den Mobilfunkern genutzten Frequenzen kommt nun zusätzliche Kapazität im 700- und im 1500-Megahertz-Band auf den Auktionstisch. Vor allem die Bandbreite bei 700 Megahertz – derzeit noch durch das digitale Antennenfernsehen DVB-T belegt – ist für die Netzbetreiber interessant.

Warten auf taugliche Technik

Denn sobald die TV-Sender im Zuge der Umstellung auf die Sendetechnik DVB-T2 die Frequenzen geräumt haben, können die Mobilfunker in diesem Frequenzbereich speziell abgelegenere Regionen mit schnellem, mobilen Internet versorgen, weil die Sender dort auch große, relativ dünn besiedelte Gebiete gut abdecken können. Das 1500-Megahertz-Band ermöglicht hingegen hohe Übertragungsraten, bei allerdings deutlich geringerer Reichweite.

Zudem gibt es bisher für keines der beiden Frequenzbänder geeignete Mobilfunkgeräte. Bis die Chip-Produzenten Bauteile dafür anbieten und erst recht, bis die ersten Smartphones oder Tablet-Computer auf den Markt kommen, die auf den entsprechenden Frequenzen funken können, dürften nach Schätzungen aus dem Kreis der Netzbetreiber eher Jahre als Monate vergehen.

Wer braucht was?

Streng rational müssen sich vor allem die Telekom und Vodafone wieder im 900-Megahertz-Band eindecken. Telefónica braucht Frequenzen dort weniger dringend. Möglicherweise reicht dem Münchner Anbieter sogar nur eines statt der bisher zwei genutzten Frequenzpakete. Sollten sich also die D-Netz-Betreiber kein strategisches Wettbieten liefern, dürfte dieses Frequenzband rasch (und leidlich preiswert) verteilt sein.

Im 1800-Megahertz-Band haben die Telekom und Telefónica dank der vor fünf Jahren ersteigerten Frequenzen mit 15 beziehungsweise 10 Megahertz an Bandbreite einen brauchbaren Grundstock an Übertragungskapazität sicher. Der Rest aber wird neu ausgeschrieben und ab Ende 2016 wieder vergeben.

Da sich dieses Frequenzband (speziell in dichter besiedelten Regionen) gleichermaßen für traditionelle Telefonie wie für schnelles mobiles Internet eignet, werden jedoch alle Netzbetreiber hier zuschlagen wollen. Allen voran muss Vodafone hier nachlegen, denn die Düsseldorfer haben nicht nur bisher die geringste Kapazität, dieser Frequenzrest steht auch noch zur Neuverteilung an.

Die Stunde der Spieler

Offiziell äußert sich natürlich niemand aus der Branche zum Bieterverhalten, aber alles andere als ein paar ordentliche Gebote von Vodafone - speziell bei 1800 Megahertz - würde alle Mobilfunker überraschen. Ob und wer womöglich dagegen hält, wird sich zeigen. Denn nach jeder Auktionsrunde veröffentlich die Regulierungsbehörde alle Einzelgebote.

Dann schlägt in den War-Rooms die Stunde der Analysten und der Spieltheoretiker: Wer hat wie viel auf was geboten? Welche Strategie steckt – vermutlich – hinter welchem Angebot? Wer will mit einem drastischen Preisaufschlag, einem sogenannten „Jump-Bid“ der Konkurrenz signalisieren, wo besser nicht mehr nachgelegt werden sollte?

Gerade bei 1800 Megahertz kann es also teuer werden. Muss es aber nicht, wenn sich alle rational verhalten. Denn bei nur noch drei konkurrierenden Unternehmen böten die nun zur Versteigerung kommenden knapp 50 Megahertz Bandbreite für Jeden ausreichend Kapazität.

Das Ende der Funklöcher

Bleibt die Frage, wie sich die Angebote für die Frequenzen im 700- und 1500-Megahertz-Band entwickeln könnten. Hier herrscht die größte Unsicherheit im Markt. Zum einen weil – wie geschildert – speziell im höheren Frequenzbereich noch völlig offen ist, wann überhaupt die nötige Technik zur Nutzung der Kapazitäten verfügbar ist.

Bei den niedrigeren Frequenzen ist das weniger fraglich, weil das direkt angrenzende 800-Megahertz-Spektrum ja bereits für LTE-Mobilfunk genutzt wird und die Chiphersteller daher wenig Aufwand haben, ihre Bauteile anzupassen.

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Dafür hat der Regulierer die reichweitenstarken 700er-Frequenzen mit einer Ausbauverpflichtung gekoppelt. Wer hier zuschlägt, muss eine flächendeckende Versorgung von mindestens 97 Prozent der Haushalte in jedem Bundesland und sogar von 98 Prozent der Haushalte bundesweit garantieren. Bundesverkehrs- und -infrastrukturminister Alexander Dobrindt verspricht sich davon, dass „2018 alle lästigen Funklöcher in Deutschland geschlossen [sind]“.

Siegt die Vernunft? Oder der Finanzminister?

Klar ist, dass irgendeiner der Netzbetreiber auf die neuen Frequenzen bieten muss. Denn die Auktion endet erst, wenn alle Pakete versteigert sind. Wer allerdings gerade für die neuen Frequenzbänder wie tief in die Kasse greifen will, ist noch völlig offen. Gut möglich, dass die fehlende Technik und die teure Ausbaupflicht die Lust der Bieter gerade hier stark dämpft.

Wenn denn alle rational handeln. Sicher ist das nicht. Vor fünf Jahren sah es auch lange danach aus, als ob die Vernunft regierte. Und dann wurde es doch vereinzelt so teuer, dass beispielsweise E-Plus aus einigen Frequenzbereichen komplett ausgestiegen ist.

Wiederholt sich solch ein Bieterwettlauf, stünde am Ende einer auf der Gewinnerseite, der bei dem Milliardenspiel gar nicht selbst mit am Tisch sitzt: Bundesfinanzminister Schäuble.

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