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Gamescom Computerspiele-Branche entdeckt die Einfachheit neu

Während die Umsätze mit Computerspielen erstmals seit Jahren zurückgehen, werden einfache Spiele im Internet zum neuen Milliardenmarkt. Auch Google und Disney wollen in das Geschäft mit den Facebook-Spielen einsteigen.

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Berühmte Sprecher, Quelle: gms

Viele Jahre lang nährten sich die Computerspiele-Hersteller vom Verkauf immer perfekterer Illusionen. Die Spielfiguren bewegten sich anmutig durch optisch ausgefeilte Computerlandschaften. Dialoge wurden von prominenten Schauspielern gesprochen und verstärkten das Gefühl, in einem Film zu sein.

Doch die goldenen Zeiten der opulenten Spiel-Epen sind vorüber. Stagnierende Umsätze führen zu einer neuen Einfachheit in der Computerspiele-Branche. Statt Monster oder Krieger zu bekämpfen füttern Spieler lieber Kühe, Pferde und Schweine.

Optisch geben die Hauptdarsteller des Spielehits Farmville, das auf Facebook Millionen Spieler begeistert, nicht viel her. Die kruden Grafiken erinnern eher an die Ära des Spielecomputers C64 vor gut 20 Jahren.

Doch gerade auf solche vergleichsweise simplen Spiele, die in der Standardversion noch dazu kostenlos sind, setzt eine ganze Branche ihre Hoffnungen. Die Facebook-Spiele entwickeln sich zum neuen Milliardenmarkt und auch Großkonzerne wie Disney und Google versuchen in das boomende Geschäft einzusteigen.

Computerspiel-Branche in der Krise

Denn die erfolgsverwöhnte Computerspiele-Branche, die lange mit zweistelligen Wachstumsraten protzte, steckt in der Krise. Zum ersten Mal seit sieben Jahren ist der Umsatz in Deutschland zurückgegangen, ermittelte das Beratungsunternehmen Pricewaterhouse Coopers. Mit 1,8 Milliarden Euro wurde 2009 für Spiele und Zubehör zwar immer noch mehr ausgegebenals für Musik oder Kinokarten - doch im Vergleich zum Vorjahr gab es ein Minus von 2,5 Prozent.

Im ersten Halbjahr 2010 ist der Umsatz der Branche wieder um vier Prozent gesunken, zeigen Zahlen des Bundesverbandes Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU). Auf dem größten Spielemarkt, den USA, betrug der Rückgang nach Angaben des Marktforschers NPD Group sogar elf Prozent.

Zum Start der Spielemesse Gamescom in Köln gibt es zwischen all den schlechten Zahlen einen Hoffnungsschimmer: Der Bereich der Onlinespiele wächst rasant. Bis 2014 rechnet Pricewaterhouse Coopers mit einem jährlichen Anstieg von elf Prozent.

Wie schnell sich das Phänomen der social games entwickelt, die in sozialen Netzwerken wie Facebook gespielt werden, zeigen die Zahlen von Zynga. 240 Millionen Nutzer loggen sich täglich bei den Spielen des Start-Ups aus San Francisco ein, das mehr die Hälfte der zehn beliebtesten Facebook-Spiele programmiert.

Der Dauerbrenner ist weiterhin Farmville. Im Juni vorigen Jahres wurde der virtuelle Bauernhof eröffnet, bereits zwei Monate später hegten und pflegten täglich zehn Millionen Spieler ihre Pixelwesen.

Inzwischen gibt es zahlreiche Nachahmer, wie Fishville oder Zoo World, doch die Grundzutaten sind immer gleich: Die Spiele sind kostenlos, die Nutzer beackern virtuelle Landflächen und jede kleine Entwicklung auf den Bauernhöfen wird all ihren Facebook-Freunden mitgeteilt.

Die Informationen über herrenlose Kühe und Pinguine können Nichtspieler schnell nerven, doch Farmville und andere Spiele verbreiten sich schnell wie eine Pandemie. Zudem können die Fans auch die Pflanzen ihrer Freunde pflegen. Die Vernetzung und das einfache Spielprinzip sind entscheidend für den Erfolg.

Kühe melken, Blumen pflücken Quelle: dpa

Um schneller voran zu kommen und den Spielspaß zu erhöhen, können die Spieler bestimmte Gegenstände für geringe Euro- oder gar Centbeträge kaufen. Das machen zwar im Schnitt weniger als zehn Prozent aller Nutzer, doch für die Hersteller lohnt sich das Geschäft trotzdem. 350 Millionen Dollar hat Zynga nach Schätzungen von Insidern im ersten Halbjahr eingenommen – deutlich mehr als im gesamten Vorjahr. 2011 soll dann bereits die Umsatzmilliarde erreicht werden.

Solche Zahlen haben zahlreiche Wettbewerber auf den Plan gerufen. Disney hat für bis zu 760 Millionen Dollar den Spieleentwickler Playdom übernommen, um eigene social games anzubieten. Der Spielegigant Electronic Arts (EA) hat 275 Millionen Dollar für das Unternehmen Playfish ausgegeben, der mit dem Fußballmanager Fifa Superstars die erste Facebook-Version eines EA-Klassikers entwickelt hat.

Zahlreiche Urgesteine der Spielebranche tummeln sich in dem neuen Segment. So ist Sid Meier, der mit seiner Civilization-Reihe zu einem der bekanntesten Spieleentwickler aller Zeiten wurde, gerade dabei den Strategespielklassiker für Facebook anzupassen. Im kommenden Jahr soll das Spiel erscheinen, doch schon jetzt verzeichnet Civilization-Network fast 100.000 Facebook-Fans.

Erfolgreichstes Unterhaltungsangebot der Zukunft

Für Mark Zuckerberg, den Chef und Gründer von Facebook, lohnt sich der Spieleboom: Dank zahlreicher Werbeschaltungen und einer Umsatzbeteiligung von 30 Prozent am Verkauf der virtuellen Güter sind die Spiele für das soziale Netzwerk derzeit die wichtigste Einnahmequelle.

Auch Google hat erkannt, dass die Spiele im Internet zu einem der erfolgreichsten Unterhaltungsangebote der Zukunft werden können. Im Kampf um die Vorherrschaft im Internet will der Suchmaschinengigant dem neuen Rivalen Facebook daher offensichtlich auch im Spielebereich Paroli bieten.

Noch in diesem Jahr könnte ein neues Angebot von Google Games starten, sagen Branchenkenner. Das Unternehmen hat derzeit Stellen für Spieleentwickler und einen Leiter Produktmanagement Spiele ausgeschrieben.

Zudem hat sich Google in diesem Monat gleich zwei Start-Ups einverleibt. Zwischen 55 und 75 Millionen Dollar zahlt das Unternehmen für Jambool, das ein Produkt Namens social gold anbietet, mit dem virtuelle Güter bezahlt werden können.

Geschätzte 182 Millionen Dollar bezahlt Google für die Entwicklungsfirma Slide. Das Start-Up musste zwar erst im März die Entwicklung zweier Onlinespiele stoppen, doch der Chef hat bereits bewiesen, dass er im Internet erfolgreich neue Geschäfte aufbauen kann: Max Levchin war einer der Gründer und lange Finanzchef des Online-Bezahldienstes Paypal.

Der vielleicht entscheidende Schritt für Google Games ist eine Kooperation mit Zynga. Nach einem Bericht des gut informierten Branchenblogs Techcrunch hat sich Google mit einer Summe von 100 bis 200 Millionen Dollar am Marktführer für Social Games beteiligt. Das Unternehmen wollte das zwar noch nicht offiziell bestätigen, doch gegenüber dem „Wall Street Journal" sagte Goggle-Chef Schmidt: „Sie können eine Partnerschaft mit Zynga erwarten."

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