WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Gesetze stoßen an ihre Grenzen Jura-Professor will Facebook und Co. Moral beibringen

Seite 2/2

Ein Wissenschaftler gegen das Valley

Aufgewachsen ist Gasser in Gerlafingen, knapp 5000 Einwohner, nördlich von Bern. „Auf mich hat keiner in Harvard gewartet“, sagt er. Dass er es dennoch bis an die Spitze des führenden Internetforschungszentrums geschafft hat, liegt daran, dass er besessen von seiner Arbeit ist. Das sagt zumindest seine Lebensgefährtin, auch wenn sie das viel freundlicher ausdrückt.

Er spreche seine Meinung aus, ohne Rücksicht auf Hierarchien, sagt eine Wissenschaftlerin, die mit ihm zusammengearbeitet hat. Und Gasser bringt in der Welt der Alphatiere eine seltene Eigenschaft mit: Bescheidenheit. Die scheint zu entwaffnen.

Seit 15 Jahren forscht Gasser über den Einfluss der Digitalisierung auf die Gesellschaft. Irgendwann kamen immer mehr Gelehrte am Berkman Institute mit Fragen rund um Ethik und Algorithmen auf ihn zu. „Die Fellows sind ein Frühwarnsystem. Mir wurde klar, dass wir ein Gegengewicht zur Westküste und dem Valley brauchen“, sagt er. Wohin die Menschheit dank des technologischen Wandels steuert, das könne man doch nicht allein ein paar Konzernen überlassen. Die Rechtswissenschaft müsse sich dafür neu erfinden: „Gute alte Gesetze mit Verboten und Geboten stoßen an Grenzen.“ Skaleneffekte, globale Reichweite der Plattformen und das enorme Tempo des technischen Wandels müssten vom Gesetzgeber mit berücksichtigt werden. Wie das genau klappen könnte, daran forschen sie an seinem Institut.

Gasser steht vor Unternehmern in Zürich. Wieder ein Vortrag. Er ist ein Handlungsreisender seiner Forschungsarbeit, will die Menschen aufrütteln und Verbündete finden. Künstliche Intelligenz werde schon umfassend eingesetzt, obwohl sie noch gar nicht ausgereift sei, trägt er vor. Ein Zuhörer meldet sich. Er sei nicht überzeugt, dass die Technologie schon so viel Einfluss auf die Gesellschaft habe. „Schauen Sie sich die Wahlbeeinflussung in sozialen Netzwerken durch Bots in den USA an. Das ist ein direkter Eingriff in die Demokratie. Und Sie sind nicht überzeugt?“, fragt Gasser. Der Mann setzt sich.

Umsichtigere Systeme, die Fakten statt Fake News liefern, oder eine Rechtssprechung, die von Software unterstützt wird, aber niemanden diskriminiert – das lassen Omidyar und Hoffmann von Gasser und seinem Team in Harvard erforschen. Die Kollegen vom MIT sollen, basierend auf den Erkenntnissen, Prototypen bauen. Sie stehen noch am Anfang, ihr gesammeltes Wissen soll später in die Kultur des Valleys weitergegeben und so den Ingenieuren Ethik eingepflanzt werden.

Nur gemeinsam eine Chance

„Wenn bei Uber nicht nur Technologen am Werk gewesen wären, hätte man die Herausforderungen der Sharing Economy schon viel früher erkennen können“, sagt Gasser. Nun schwinde der Rückhalt in der Bevölkerung für den Taxischreck, der seine Fahrer mies bezahlt.

Das richtige Verhältnis zu den Techkonzernen finden – auch für Gasser selbst ist das eine existenzielle Frage. Das Berkman Center wird unter anderem von Google mitfinanziert. Wird hier nicht Lobbyismus im Gewand der Forschung betrieben? Gasser atmet tief durch. Man werbe nie mehr als zehn Prozent des Jahresbudgets aus der Wirtschaft ein. Die Geldgeber müssten zudem immer auch Konkurrenten sein, wie Google und der Telekomkonzern AT&T. „Ich lasse mich in meinem Urteil nicht beeinflussen“, sagt er.

Als Gasser 2009 Leiter des Berkman Institute wurde, war die Forschungsstätte noch eine reine US-Institution. Er hat daraus ein internationales Netzwerk geformt, 80 Digitalforschungszentren sind heute Teil der Bewegung. „Das gibt uns eine größere Durchschlagskraft und eine lautere Stimme“, sagt Gasser. Die Facebook-Krise könnte der Wendepunkt sein, nach dem sie nun auch gehört werden.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%