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Giga-Gipfel Technologie für ein besseres Leben

Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe im Gespräch mit Hannes Ametsreiter, Geschäftsführer von Vodafone Deutschland. Ametsreiter:

Zukunftsvisionäre und Experten der Technologiebranche haben sich zum Giga-Gipfel in den Österreicher Alpen getroffen. Sie wollen durch Digitalisierung gemeinsam mit der Gesamtgesellschaft eine bessere Zukunft schaffen.

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Fake News, Monopolismus, Datenmissbrauch – nach jahrzehntelangem Hype geraten Tech-Giganten zunehmend in die Kritik und werden mit Regularien konfrontiert. Für Unternehmen der Technologiebranche ist eine neue Zeit angebrochen – die Gesellschaft fordert Haltung, Verantwortungs- und Sozialbewusstsein. Das birgt Chancen für die Branche, erfordert aber auch die intensive Auseinandersetzung mit den großen gesellschaftlichen Fragen hinsichtlich des technischen Fortschritts. Viele Leute fühlen sich von der Digitalisierung überrumpelt, fürchten beispielsweise den Verlust ihres Arbeitsplatzes oder der Privatsphäre.

Ein Grund dafür ist oft mangelnde Aufklärung – für Außenstehende wirkt die Tech-Branche undurchsichtig und abgeschottet. Dabei hat digitaler Fortschritt unser Leben in vielerlei Hinsicht verbessert – das Internet, Smartphones oder Techniken für erneuerbare Energien sind nur einige Beispiele für eine ganze Reihe nützlicher Erfindungen. Dennoch scheint auf die bisherige Euphorie nun Ernüchterung zu folgen. Wie kann der Gesellschaft also die Unsicherheit genommen werden, um sie für die Digitalisierung zu begeistern? Und wie können wir Technologie nutzen, um unseren Alltag positiv zu verändern?

Um sich zu diesen Fragen auszutauschen und zu vernetzen trafen sich rund 50 führende Köpfe und Experten der Technologiebranche zum Gipfeltreffen der „Digitalen Bewegung“ im Tiroler Ferienort Sölden. Unter dem Motto „Tech for good – Creating a better future“ wollen sie eine Vision schaffen, die der Gesellschaft Ängste nimmt und Lust auf die Digitalisierung macht. Der Einladung der Medien Ada, Handelsblatt, Tagesspiegel und WirtschaftsWoche sowie Vodafone folgten digitale Vordenker aus den unterschiedlichsten Fachbereichen. Neben Vertretern von Unternehmen wie IBM, Microsoft und Porsche besuchten Persönlichkeiten der Digitalszene wie Chris Boos, Geschäftsführer der Arago GmbH und Mitglied des Digitalrates der Bundesregierung und die Programmiererin Autorin Aya Jaff den Gipfel, um Ideen auszutauschen, Impulse zu setzen und Kontakte zu knüpfen.

Bei der Auftaktveranstaltung des Giga-Gipfels herrscht eine besondere Stimmung, die Teilnehmer sind schnell im regen Austausch: „Auf dieser Konferenz treffe ich Leute mit ganz anderen Denkmustern, aus völlig unterschiedlichen Bereichen, die aber alle die selbe Grundhaltung haben: Sie wollen die Digitalisierung für alle machen“, beschreibt Jeanette Gusko, Senior regional Manager für den europäischen Raum bei der Crowdfunding-Plattform GoFundMe die Besonderheit der Veranstaltung.

„Optimismus hilft dabei, besser in die Zukunft zu kommen“

Digitalisierung für alle mit allen – die breite Masse zu erreichen und aufzuklären ist herausfordernd für eine Branche, die oft als hochkompliziert oder gar „Nerdig“ verschrien wird. „Die Zerrissenheit der Gesellschaft hinsichtlich der Digitalisierung ist so groß, wie lange nicht mehr – wir befinden uns irgendwo zwischen Aufbruch und Angst“, sagt Hannes Ametsreiter, Geschäftsführer von Vodafone Deutschland beim Auftaktgespräch des Giga-Gipfels mit Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe.

Laut Ametsreiter entstünden unbestimmte Ängste aus Unwissenheit und Ungewissheit – dabei bestehe die Möglichkeit, mit Technologie wirklich gute Dinge zu bewirken: „Die Vision darf nicht fallen – wir träumen von einer hochvernetzten Gesellschaft, die inklusiv ist. Optimismus hilft dabei, besser in die Zukunft zu kommen.“ Deshalb müsse man bemüht sein, die Gesamtgesellschaft mitzunehmen und zu begeistern. „Wir hatten eine ähnliche Diskussion mit dem Computer – heute hat jeder ein Smartphone, das wesentlich mehr vollbringen kann, als damals der stärkste PC“, erinnert Ametsreiter. Verhinderung sei selten gut, die Einstellung auf Veränderung deshalb notwendig.

Nach dem Gespräch betritt Bildungsstratege Kimo Quaintance das Podium – er wird die Veranstaltung immer wieder mit erfrischenden Impulsen bereichern. Für diesen Abend hat er eine Timeline auf einem Whiteboard vorbereitet. Die Teilnehmer des Gipfels sollen im Laufe des Abends ihre positiven und negativen Erfahrungen mit Technologie darauf festhalten. Die erste schlechte Erfahrung des Bildungsstrategen war ein Festplattencrash. Da es kein Backup gab, musste er daraufhin eine wichtige Arbeit im Studium innerhalb weniger Stunden neu verfassen.

Auf der Timeline finden sich zu Ende des Abends diverse Hoch- und Tiefpunkte im Umgang mit Technologie: Die ersten E-Mails, die im Ausland den Kontakt in die Heimat ermöglichten, Onlinehandel und der Kauf einer Drohne gehören zu den positiven, horrende Handyrechnungen für SMS-Versand und Systemabstürze zu den negativen Erfahrungen. Einige Eindrücke sind auch gemischt – Twitter wird beispielsweise als „Chance aber auch Plattform für Trolle“, also auf emotionale Provokation abzielende Nutzer, bezeichnet.

Einfache Sprache nimmt Unsicherheit

Am zweiten Veranstaltungstag geht es auf den Gipfel des Gaislachkogls – auf über 3000 Metern höhe liegt dort das Restaurant Ice Q, Drehort des neuen James Bond Films „Spectre“, und Tagungsraum für den Giga-Gipfel. Während zunächst ein Wolkenschleier über dem Horizont liegt, klart die Sicht am Nachmittag auf und eröffnet den Ausblick auf ein großartiges Alpen-Panorama. Quaintance eröffnet den Tag mit der Devise „Zeigt, was in euch steckt – wir alle haben eine Vision und die sollten wir teilen“.

Der erste Programmpunkt ist ein Gespräch über das Näherbringen der Digitalisierung an die Gesellschaft zwischen der Programmiererin, Autorin und Speakerin Aya Jaff und Miriam Meckel, der Gründungsverlegerin von ada. Jaff sieht große Unterschiede im Verständnis von KI zwischen Experten und Leuten aus anderen Branchen: „Wenn ich zum Beispiel das Publikum auf einem Event frage, was KI ist, kommen oft Horrorszenarien von Robotern, die auf die Menschheit losgehen. Technologieexperten hingegen sehen einfach einen Algorithmus, der eine Sache richtig gut macht und das ist alles.“ Man brauche keine Angst vor künstlicher Intelligenz haben, zumal die meisten Leute sie laut Jaff bereits nutzen: „Die Suchoptimierung bei Google ist eigentlich nichts anderes“, sagt die Programmiererin. Benutze man wie das US-Unternehmen eine einfache Sprache, könne man Leuten die Unsicherheit im Umgang mit technischen Innovationen nehmen.

Auf das Gespräch folgt der erste Workshop – über den Tag verteilt sollen die Teilnehmer des Events herausarbeiten, wie man Technologie für gutes einsetzen kann. In der ersten Runde stellen sie sich die Frage, was das Wertvollste und Spannendste sei, das man mit digitaler Innovation erreichen könne. Die Ideen sind unterschiedlich und gleichen sich dennoch im Kern: Die Welt ernähren, globaler Zugang zu Bildung, Verlängerung des Lebens. In den weiteren Workshops werden Thesen aus den Ideen des ersten Brainstormings entwickelt und überlegt, wie diese umgesetzt werden könnten. Auf den Zusammenfassungen der Arbeitsgruppen stehen letztlich Parolen wie „Chancengleichheit für eine vernetzte Weltgemeinschaft“, „Erhaltung unseres Planeten“ aber auch weit gefasste, optimistische Statements wie „Heute unmögliches möglich machen.“

Eindrücke vom Giga-Gipfel
Joana Breidenbach, Mitgründerin der Spendenplattform betterplace.org, sagt: "Um soziale Digitalisierung zu fördern, fehlt der wirkliche politische Wille.“ Quelle: Sebastian Muth
Anne Kjaer Riechert ist Mitgründerin und Geschäftsführerin der ReDI School of Digital Integration, einer Programmierschule für Flüchtlinge. Sie wünscht sich mehr ähnliche Einrichtungen, um "zusätzliche Innovationskraft zu entfesseln". Quelle: Sebastian Muth
Der Giga-Gipfel fand im Restaurant Ice Q, Drehort des James Bond Films "Spectre", statt. Rund 50 Experten und Vordenker der Technologiebranche vernetzten sich auf Initiative der Medien ada, Handelsblatt, Tagesspiegel und Wirtschaftswoche sowie Vodafone. Quelle: Sebastian Muth
Bildungsstratege Kimo Quaintance (rechts) sorgte während des Gipfels für erfrischende Impulse, um neue Ideen oder, wie auf diesem Bild, Konzentration zu schöpfen. Quelle: Sebastian Muth
Léa Steinacker, Chief Innovation Officer der WirtschaftsWoche, moderierte den Giga-Gipfel auf deutsch und englisch. Quelle: Sebastian Muth
Programmiererin, Autorin und Speakerin Aya Jaff zeigte sich besorgt über den wachsenden Energieverbrauch von Künstlicher Intelligenz. Laut ihr sollte sich die digitale Bewegung Gedanken machen, wie Daten sich auf andere Weise speichern lassen, um den Energiebedarf auch in Zukunft decken zu können. Quelle: Sebastian Muth
In mehreren Workshops beschäftigten sich die Teilnehmer des Giga-Gipfels damit, was das Wertvollste ist, das Technologie ermöglichen könnte und wie sich das in ihrem Fachbereich konkret umsetzen ließe. Auf dem Bild von links: Magdalena Rogl, Bereichsleiterin Social Media-Communications bei Microsoft Deutschland und Jeanne Kindermann, Social Brand Manager bei L'Oréal Deutschland. Quelle: Sebastian Muth

Dafür müssten zunächst die passenden Strukturen geschaffen werden, sagt Valerie Mocker, die Entwicklungschefin bei der englischen Innovationsstiftung Nesta. In Deutschland fehle ein Fonds für soziale Innovation: „In Großbritannien und Finnland haben wir einen Fonds, der offen für alle ist, wir suchen die besten Ideen.“ Gerade in der Bundesrepublik seien Finanzstrukturen stark auf Organisationstypen und nicht auf Probleme ausgerichtet, was Innovation erschwere.

„Technologie ist die einzige Chance, globale Probleme zu beseitigen“

Chris Boos, Geschäftsführer des KI-Unternehmens arago GmbH und Mitglied des Digitalrates der Bundesregierung ist ähnlicher Ansicht. Im Podiumsgespräch mit Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt bemängelt er eine zu hohe Passivität hinsichtlich der Digitalisierung in Deutschland: „Bei uns steht Risikovermeidung an erster Stelle, weil wir viel zu verlieren haben und uns deshalb Stabilität zum Ziel gesetzt haben.“ Laut ihm brauche es konkrete Forderungen aus der Gesellschaft, um eine Veränderung zu bewirken, denn „Technologie ist die einzige Chance, globale Probleme wie zum Beispiel den Klimawandel zu lösen.“

Auch Joana Breidenbach, Mitgründerin der Spendenplattform betterplace, vermisst in Deutschland den Innovationstrieb: „Um soziale Digitalisierung zu fördern, fehlt der wirkliche politische Wille.“ Gemeinsam mit Anne Kjaer Riechert, Mitgründerin und Geschäftsführerin der ReDI School of Digital Integration, einer Programmierschule für Flüchtlinge, erörterte sie auf dem Podium Möglichkeiten für stärker sozial ausgerichteten Fortschritt. Riechert sieht eine gute Möglichkeit darin, weitere Einrichtungen wie ihre Programmierschule zu gründen, um zusätzliche Innovationskraft zu entfesseln.

Im Grundsatz waren sich alle Teilnehmer des Giga-Gipfels einig: Die Digitalisierung kann Gutes bewirken – die Gesellschaft sollte allerdings mehr eingebunden und besser informiert werden, um Unsicherheiten durch Transparenz zu beseitigen. Laut Vodafone-Geschäftsführer Ametsreiter ist die Technologiebranche in Deutschland viel besser als sie sich darstellt – durch das Präsentieren kleiner Dinge, könne gezeigt werden, dass Innovation Spaß machen kann. Sein Appell zu Ende des Treffens der digitalen Bewegung lautet: „Wir dürfen Dinge nicht nur diskutieren, sondern müssen sie auch umsetzen.“ Auf dem Giga-Gipfel dürften dafür viele neue Impulse und interessante Anregungen gesetzt worden sein.

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