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Google eröffnet neues Büro in Berlin Anders als gedacht

Google eröffnet neues Büro in Berlin: Anders als geplant Quelle: REUTERS

Google hat in Berlin seine neuen Büros eröffnet – mit merklich gebremster Euphorie. Dafür gibt es einen ärgerlichen Grund.

Google-Chef Sundar Pichai gab sich Mühe, begeistert zu klingen. „Es ist eine aufregende Zeit, Googler in Berlin zu sein“, sagte er bei der offiziellen Eröffnung der neuen Konzernrepräsentanz in der Hauptstadt. „Die Stadt hat sich zu einem Zentrum der Start-up-Szene und zu einem Innovationsmotor entwickelt.“ Und ohnehin: „Es ist großartig, dass wir hier sind.“ 130 Google-Mitarbeiter seien in das neue Bürogebäude umgezogen, Platz besteht für 300.

Tatsächlich hat Google mit dem repräsentativen Backsteinbau an der Tucholskystraße am Spreeufer einen geschichtsträchtigen Standort gewählt. Immerhin beherbergte der vom Stararchitekten Martin Gropius entworfene Bau einst die erste Universitäts-Frauenklinik der Stadt und das Haupttelegrafenamt. „Wir fühlen uns wohl an einem Ort, der seit dem 19. Jahrhundert immer wieder Zentrum für Wissenschaft und Kommunikation war“, sekundierte Googles Europa-Chef Philipp Justus.

Doch die salbungsvollen Worte kaschieren nur, dass sich Google seinen Auftritt in Berlin eigentlich anders vorgestellt hatte. Um sich besser mit der boomenden Gründer-Szene zu vernetzen, Kontakte zu Unternehmern und Investoren zu pflegen und – vermutlich – auch Zugang zu den besten IT-Spezialisten zu bekommen, hatten die Kalifornier geplant, in Berlin den nächsten Standort ihrer weltweit verteilten Start-up-Zentren zu eröffnen.

Google öffnet die Türen zum neuen Berliner Haus
So sieht sie aus, die neue Hauptstadtrepräsentanz der Google Germany GmbH in Berlin, direkt an der Spree. Quelle: dpa
Ein Google-Mitarbeiter führt am Eröffnungstag durch die neue Hauptstadtrepräsentanz der Google Germany. Quelle: dpa
Das neue Google-Haus soll Arbeitsplätze für rund 300 Personen bieten. Quelle: dpa
Die Berliner Dependance des Internetriesen soll offensichtlich optisch viel Berliner Charme versprühen. Quelle: dpa
 Ein Wegweiser zu Besprechungsräumen im Berliner Google-Hauptquartier Quelle: dpa
Weiterer Wegweiser zu Besprechungsräumen, weitere ungewöhnlich - typisch berlinerische Namen Quelle: dpa
Auch der Schriftzug „You are leaving the Google Sector“, den man beim Verlassen des Google-Hauses zu sehen bekommt, ist eine Anspielung an Berliner Geschichte. Quelle: dpa

Nach London, Madrid, Sao Paulo, Seoul, Tel Aviv und Warschau sollte im alten Elektrizitätswerk in Kreuzberg auf rund 3000 Quadratmetern Büro-, Konferenz und Bildungsfläche der siebte sogenannte „Google for Startups Campus“ entstehen. Doch nach vehementen Protesten im immer noch stark alternativ geprägten Stadtteil mussten Justus und Pichai im vergangenen Herbst zurückrudern. Es habe „überraschend viel Gegenwind“ gegeben, räumt Justus in Interviews ein.

Statt das Gebäude selbst zu nutzen, reichte Google die ursprünglich vorgesehene Immobilie unter anderem an die Spendenorganisation Betterplace weiter, die dort nun ein „Haus des sozialen Engagements“ betreiben soll. 14 Millionen Euro lässt sich Google die vertrauensbildende Maßnahme mit der rebellischen Nachbarschaft im Stadtteil SO36 in den kommenden fünf Jahren kosten. Verlängerung möglich.

Was Google in seinen Start-up-Zentren treibt

So sehr Google auch versucht, sich auf anderen Wegen als Ankerpunkt in der boomenden Digital- und Gründerszene der Hauptstadt zu etablieren: So umfassend und nachhaltig wie das an den etablierten Campus-Standorten rund um die Welt möglich ist, wird es in Berlin kaum gelingen. Wie weit die neuen Büros an der Spree von den übrigen Start-up-Hubs entfernt sind, zeigt ein Vergleich beispielsweise mit dem Google Campus in Seoul.

Mitten im angesagten Geschäftsviertel Gangnam hat der Netz-Konzern dort eine mehrere Tausend Quadratmeter große Halbetage im Souterrain eines lichtdurchfluteten Glasbaus angemietet. Gut die Hälfte dieses Start-up-Zentrums nutzt Google für Konferenzräume und ein öffentliches Café, um dort Workshops und Schulungen anzubieten, Ausstellungen zu organisieren oder schlicht einen Anlaufpunkt für Gründer, (potenzielle) Mitarbeiter oder Investoren zu bieten. Den Rest der Flächen stellt das Unternehmen als Bürofläche für Start-ups zur Verfügung, die sich mit ihren Ideen für drei- bis sechsmonatige Stipendien bewerben können. Zweimal pro Jahr entscheidet ein Gremium von internen und externer Experten, wer in die Förderung aufgenommen wird und welche Start-ups sich so erfolgreich entwickeln, dass sie nochmals Verlängerung bekommen.

Neben Raum und Infrastruktur bietet Google den jungen Unternehmen Workshops zu digitalen Technologien ebenso an, wie Einführungen in kaufmännische Kalkulation. „Die Teilnahme ist kostenlos und auch der Aufenthalt bei uns kostet die Gründer nichts“, erklärt Mike Kim, Partnership-Manager in Googles Unternehmerprogramm für den asiatischen und pazifischen Raum. Es gehe nicht darum, mit dem Projekt Geld zu verdienen, sondern Beziehungen zu knüpfen und das dynamische Wachstum der digitalen Wirtschaft zu unterstützen, versichert Kim. „Am Ende profitieren die Firmen und auch wir bei Google dann gemeinsam.“ Zumindest in Seoul und an den übrigen Campus-Standorten.

Dass sich Google in Berlin nun auf neue Büroräume konzentriert, sei keine Abkehr von der Start-up-Community in Berlin, versicherte Europa-Chef Justus zwar. „Unser Start-up-Team besteht ja noch, die sind hier mit eingezogen.“ Und natürlich bleibe man mit Gründern und Jungunternehmen in engem Kontakt. „Bloß tun wir das nun ohne einen festen Standort in der Stadt.“

Euphorie klingt allerdings anders.

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