WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Google Home und Amazon Echo Hey, Google – hörst du gerade mit?

Google und Amazon bringen neue Sprachsteuerungssysteme in die Wohnung. Doch die digitalen Helfer können zu Spionen werden.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Quelle: Fotolia

Der Mitbewohner der Zukunft sieht aus wie eine Mischung aus Salzstreuer, Blumenvase und Lautsprecher. Google Home heißt das Gerät, dessen ersten Prototyp der US-Konzern gerade präsentiert hat. Darin steckt eine digitale Assistentin, die helfen soll, den Alltag zu organisieren – einfach, indem der Besitzer mit ihr redet.

Auf Zuruf spielt sie Musik, schaltet das Licht im Kinderzimmer an, sagt Bescheid, dass ein Flug Verspätung hat und bucht daraufhin eine Restaurantreservierung um. Nebenbei beantwortet sie der Tochter noch Fragen zu den Spanisch-Hausaufgaben. Das Gerät soll im Laufe des Jahres in den USA auf den Markt kommen.

Google macht damit einen radikalen Schritt, um sein Kerngeschäft in die Zukunft zu führen. „Es reicht nicht mehr, den Leuten Links zu geben“, sagt Konzernchef Sundar Pichai. Stattdessen sollen sie konkrete Antworten auf ihre Fragen erhalten und gesuchte Produkte direkt geliefert bekommen.

Das steht im Kleingedruckten bei Amazon, Facebook und Co.
Amazon Quelle: REUTERS
Apple Quelle: REUTERS
Deezer Quelle: dpa
Ebay Quelle: REUTERS
Facebook Quelle: dpa
Google Quelle: dpa
Microsoft Quelle: dpa

Die dahinterliegenden Systeme zur Sprachverarbeitung seien nach einem Jahrzehnt der Entwicklung endlich so weit, wirkliche Unterhaltungen mit Maschinen zu ermöglichen, verspricht Pichai. Das ist auch eine Kampfansage an Apple, Microsoft und Facebook, die alle an eigenen Assistenten und Sprachsystemen arbeiten.

Amazon Echo - das nächste Milliardengeschäft?

Zunächst aber reagiert Google damit auf den Überraschungserfolg von Amazon. Ungewöhnlich offen würdigte Pichai sogar den Konkurrenten und gratulierte Amazon für die Pionierarbeit. Denn bereits 2014 hat Jeff Bezos ein ähnliches System auf den Markt gebracht, eine zylinderförmige Lautsprecherbox namens Echo. Auch damit können die Nutzer nach dem Wetter fragen, ein Taxi ordern und natürlich Waren bei Amazon bestellen.

Was Google über Sie weiß

Drei Millionen Exemplare der 180 Dollar teuren, bisher nur in den USA erhältlichen Geräte soll der E-Commerce-Riese bereits verkauft haben. „Echo könnte Amazons nächstes Milliardengeschäft werden“, sagt Scot Wingo, Chef der auf Onlinehandel spezialisierten Beratungsgesellschaft Channel Advisor.

Doch so praktisch und erfolgreich die neuen virtuellen Assistenten auch sind, haben sie auch ihre Schattenseite: Sie erwachen angeblich zwar erst, wenn Signalwörter wie „Alexa“ oder „Ok, Google“ fallen, hören dazu aber permanent mit. Droht der große Lauschangriff? Ali Jelveh ist jedenfalls misstrauisch geworden.

Die Angst vor großem Lauschangriff

Der Gründer des Hamburger Start-ups Protonet zieht sein Smartphone aus der Tasche und scrollt durch Dutzende Sprachdateien. Es sind die Protokolle seiner Gespräche mit Amazons Echo-Box, die automatisch zur Verbesserung der Spracherkennung gespeichert werden – und dazu noch einiges mehr.

So ist da beispielsweise zu hören, wie er mit einem Kollegen eine Reise nach Los Angeles bespricht. „Da haben wir nicht mit Alexa gesprochen“, sagt Jelveh. Trotzdem wurde ein Teil der Konversation mitgeschnitten.

Oft sind es nur Gesprächsfetzen von einigen Sekunden, doch genug um Jelvehs Misstrauen zu wecken. „Ich habe keine Kontrolle darüber, was von Amazon aufgenommen und wo es gespeichert wird“, kritisiert er.

FBI will sich nicht äußern

Laut Amazon werden Gespräche nur gespeichert, um die Spracherkennung zu verbessern, und können individuell gelöscht werden. Trotzdem hat nicht nur Jelveh Angst vor möglicher Überwachung. So haben US-Journalisten sogar schon das FBI gefragt, ob Amazon Echo zu Abhörzwecken genutzt würde. Die US-Fahnder wollten das weder bestätigen noch dementieren.

Datenschützer halten den Einsatz auch hierzulande für problematisch. „Ich sehe intelligente Sprachassistenten, die mit einem Mikrofon permanent ihre Umgebung belauschen, erst mal kritisch“, sagt Andrea Voßhoff, Bundesbeauftragte für den Datenschutz. Bedenklich sei vor allem, dass in der Regel nicht hinreichend transparent sei, wie die dabei erfassten Informationen genutzt und gespeichert würden. Es stehe jedem selbst frei, solche Systeme zu nutzen, sagt die Datenschutzbeauftragte. „Ich rate allerdings, eine solche Entscheidung gut zu überdenken“, betont Voßhoff und „den Komfortgewinn durch die Nutzung des Sprachassistenten gegen eine - jedenfalls theoretische - Rund-um-die-Uhr-Überwachung der Privatsphäre abzuwägen."

Protonet-Gründer Jelveh entwickelt daher ein alternatives Assistenzsystem namens Zoe. Unterstützt wird er vom US-Inkubator Y Combinator, aus dem auch schon Airbnb und der Cloudspeicherdienst Dropbox hervorgegangen sind. Per Crowdfunding hat Protonet zudem gerade 317 000 Dollar eingesammelt, Ende des Jahres soll das Gerät erhältlich sein.

„Zoe spioniert dich nicht aus“, verspricht Jelveh. Denn die Daten würden nur lokal verarbeitet. Dass hat noch weitere Vorteile: Die Steuerung von Licht oder Musik funktioniert auch dann noch, wenn die Internetverbindung mal streikt. „Es gibt keinen Grund, warum meine Daten einmal um die Welt fliegen müssen, bevor sie im Lichtschalter landen“, sagt Jelveh.

Für weitergehende Dienste wie das Bestellen von Pizza oder einem Taxi kommt aber auch Protonet nicht am Web vorbei. Doch die Daten sollen dabei verschlüsselt und nicht gespeichert werden. So zumindest das Versprechen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%