
Der massive Spionageangriff auf den Industriekonzern Thyssenkrupp geht nach Informationen der WirtschaftsWoche aus IT-Sicherheitskreisen offenbar auf das Konto einer Hackergruppe mit dem Codenamen „Winnti“. Demnach ist „Winnti“ nicht nur in die weltweit verzweigten Firmennetze und IT-Systeme von Thyssenkrupp eingedrungen, sondern greift inzwischen auch andere deutsche Unternehmen an. Das konzerneigene Notfallzentrum (Computer Emergency Response Team) von Thyssenkrupp geht dieser Spur nach. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) bestätigte der „WirtschaftsWoche“ auf Anfrage, dass „Winnti“ bereits einige Unternehmen in Deutschland infiltriert hat: „Es sind uns mehrere Fälle bekannt.“
Das von Thyssenkrupp erstellte Täterprofil passt auf „Winnti“. Die Bande ist hochprofessionell, kommt wahrscheinlich aus China oder einem anderen südostasiatischen Land und ist schon seit 2009 aktiv. Ihr Spezialgebiet ist der Einbau gut versteckter Zugänge in Netzen und IT-Systemen. Bekannt wurde „Winnti“ durch erfolgreiche Angriffe auf Gaming-Plattformen - mit dem Ziel, das dort verwendete Spielgeld abzuzweigen und auf dem Schwarzmarkt gegen echtes Geld einzutauschen. Seit 2015 dehnt die Gruppe ihre Aktivitäten auf Cyberspionage gegen Unternehmen aus – nun offenbar auch in Deutschland.
Allerdings können die BSI-Spezialisten nicht eindeutig feststellen, ob tatsächlich nur eine einzige Hackergruppe hinter den Spionageangriffen steckt. „Mittlerweile hat sich das Einsatzspektrum so stark ausgeweitet, dass denkbar ist, dass Winnti als ein relativ fortgeschrittenes und komfortables Werkzeug von mehreren Gruppen eingesetzt wird“, heißt es vom BSI. Die Experten halten es demnach für möglich, dass das Tool der Hacker die Runde macht und von weiteren kriminellen Organisationen genutzt wird.
Angriffsziele von aufsehenerregenden Cyberangriffen
Im Dezember 2015 fiel für mehr als 80.000 Menschen in der Ukraine der Strom aus. Zwei große Stromversorger erklärten, die Ursache sein ein Hacker-Angriff gewesen. Es wäre der erste bestätigte erfolgreiche Cyberangriff auf das Energienetz. Ukrainische Behörden und internationale Sicherheitsexperten vermuten eine Attacke aus Russland.
Im Februar 2016 legt ein Erpressungstrojaner die IT-Systeme des Lukaskrankenhauses in Neuss lahm. Es ist die gleiche Software, die oft auch Verbraucher trifft: Sie verschlüsselt den Inhalt eines Rechners und vom Nutzer wird eine Zahlung für die Entschlüsselung verlangt. Auch andere Krankenhäuser sollen betroffen gewesen sein, hätten dies aber geheim gehalten.
Ähnliche Erpressungstrojaner trafen im Februar auch die Verwaltungen der westfälischen Stadt Rheine und der bayerischen Kommune Dettelbach. Experten erklären, Behörden gerieten bei den breiten Angriffen eher zufällig ins Visier.
In San Francisco konnte man am vergangenen Wochenende kostenlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, weil die rund 2000 Ticket-Automaten von Erpressungs-Software befallen wurden. Laut einem Medienbericht verlangten die Angreifer 73 000 Dollar für die Entsperrung.
Im Mai 2015 fallen verdächtige Aktivitäten im Computernetz des Parlaments auf. Die Angreifer konnten sich so weitreichenden Zugang verschaffen, das die Bundestags-IT ausgetauscht werden. Als Urheber wird die Hacker-Gruppe APT28 vermutet, der Verbindungen zu russischen Geheimdiensten nachgesagt werden.
Die selbe Hacker-Gruppe soll nach Angaben amerikanischer Experten auch den Parteivorstand der Demokraten in den USA und die E-Mails von Hillary Clintons Wahlkampf-Stabschef John Podesta gehackt haben. Nach der Attacke im März wurden die E-Mails wirksam in der Schlussphase des Präsidentschaftswahlkampfs im Oktober 2016 veröffentlicht.
APT28 könnte auch hinter dem Hack der Weltdopingagentur WADA stecken. Die Angreifer veröffentlichen im September 2016 Unterlagen zu Ausnahmegenehmigungen zur Einnahme von Medikamenten, mit einem Fokus auf US-Sportler.
Ein Angriff, hinter dem Hacker aus Nordkorea vermutet wurden, legte im November für Wochen das gesamte Computernetz des Filmstudios lahm. Zudem wurden E-Mails aus mehreren Jahren erbeutet. Es war das erste Mal, dass ein Unternehmen durch eine Hackerattacke zu Papier und Fax zurückgeworfen wurde. Die Veröffentlichung vertraulicher Nachrichten sorgte für unangenehme Momente für mehrere Hollywood-Player.
Bei dem bisher größten bekanntgewordenen Datendiebstahl verschaffen sich Angreifer Zugang zu Informationen von mindestens einer Milliarde Nutzer des Internet-Konzerns. Es gehe um Namen, E-Mail-Adressen, Telefonnummern, Geburtsdaten und verschlüsselte Passwörter. Der Angriff aus dem Jahr 2014 wurde erst im vergangenen September bekannt.
Ein Hack der Kassensysteme des US-Supermarkt-Betreibers Target macht Kreditkarten-Daten von 110 Millionen Kunden zur Beute. Die Angreifer konnten sich einige Zeit unbemerkt im Netz bewegen. Die Verkäufe von Target sackten nach der Bekanntgabe des Zwischenfalls im Dezember 2013 ab, weil Kunden die Läden mieden.
Eine Hacker-Gruppe stahl im Juli 2015 Daten von rund 37 Millionen Kunden des Dating-Portals. Da Ashley Madison den Nutzern besondere Vertraulichkeit beim Fremdgehen versprach, erschütterten die Enthüllungen das Leben vieler Kunden.
Im Frühjahr 2016 haben Hacker den Industriekonzern Thyssenkrupp angegriffen. Sie hatten in den IT-Systemen versteckte Zugänge platziert, um wertvolles Know-how auszuspähen. In einer sechsmonatigen Abwehrschlacht haben die IT-Experten des Konzerns den Angriff abgewehrt – ohne, dass einer der 150.000 Mitarbeiter des Konzerns es mitbekommen hat. Die WirtschaftsWoche hatte die Abwehr begleitet und einen exklusiven Report erstellt.
Im Mai 2017 ging die Ransomware-Attacke "WannaCry" um die Welt – mehr als 200.000 Geräte in 150 Ländern waren betroffen. Eine bislang unbekannte Hackergruppe hatte die Kontrolle über die befallenen Computer übernommen und Lösegeld gefordert – nach der Zahlung sollten die verschlüsselten Daten wieder freigegeben werden. In Großbritannien und Frankreich waren viele Einrichtungen betroffen, unter anderem Krankenhäuser. In Deutschland betraf es vor allem die Deutsche Bahn.
Welche Unternehmen und Branchen schon Opfer von „Winnti“ in Deutschland geworden sind, hält die Behörde unter Verschluss. Es seien aber mehrere Wirtschaftszweige betroffen. In Großbritannien waren Pharma-Unternehmen das Ziel solcher Späh-Attacken. Informationen darüber, ob das auch in Deutschland der Fall ist, liegen dem BSI bisher nicht vor.
In der deutschen Wirtschaft wächst die Angst, das weitere Technologie-Unternehmen das Opfer von professionellen Spionageattacken werden. Nach der sechsmonatigen Abwehrschlacht bei Thyssenkrupp könnten sich die Angreifer neuen Zielen zuwenden. Insbesondere die Industrie-Unternehmen wollen deshalb künftig enger zusammenarbeiten und den bisher eher informellen Austausch auf eine stabilere Grundlage stellen.
Im vergangenen Jahr gründeten die vier Dax-Konzerne Volkswagen, BASF, Bayer und die Allianz bereits die Deutsche Cyber-Sicherheitsorganisation (DCSO) mit Sitz in Berlin, die eng mit dem Bundesinnenministerium kooperiert. Zu den Mitgliedern der ersten Stunde zählt auch Thyssenkrupp. Die IT-Verantwortlichen in Essen setzten sofort einen Notruf ab, als die ersten Spuren der Cyberspione in den IT-Systemen gefunden wurden.
Ein Rettungsteam des DCSO rückte aus und gehörte während der gesamten, sechs Monate dauernden Abwehrschlacht zu den von Thyssenkrupp extern zu Rate gezogenen Sicherheitsspezialisten. Dieses Know-how kann die DCSO jetzt an die nächsten Opfer weitergeben.
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